Wieder wanderten ihre Gedanken ; schneller noch wie die Fahrt . Sie zog das Notizbuch aus der Tasche , sie wollte lesen , aber die Buchstaben verrannen vor ihren Augen . Sie schob es wieder an seinen Platz . Auf dem Boden zu Hause stand noch die alte Wiege , in der einst Papa gelegen hatte und Jenny und sie . Die Großmutter aus der engen Gasse hatte sie zur Aussteuer bekommen . Die wollte sie dereinst sich holen , wenn Gott ihr jenen Wunsch erfüllen würde . Jennys Liebling hatte in einem andern Bettchen gelegen , die alte plumpe Wiege paßte nicht in das elegante Schlafzimmer der jungen Mutter . Aber in die schlichte Stube zu Niendorf , wo der wilde Wein sich ums Fenster rankte und der alte große Kachelofen so breit und gemütlich stand , da war sie an ihrem Platz , zwischen Ofen und Wandschrank , so recht traut und heimlich . Sie lächelte glückselig wie ein Kind ; daß ihr Leben so schön , so reich werden solle . Sie konnte es gar nicht glauben . Der Wagen rasselte jetzt durch das Stadttor , sie war gleich daheim , und ihr Herz begann stürmisch zu klopfen . Wenn sie doch erst wüßte ! 157 Der Hausmann öffnete ihr den Schlag , und sie stieg die Treppe empor , vorüber an Jennys Wohnung . Die Entreetür zur mütterlichen Etage stand geöffnet . Niemand zu sehen . Sie trat in den Flur . Wie grüßte sie alles so lieb und vertraut , selbst die Wanduhr erhob ihre Stimme , eben schlug sie dreiviertel auf zwei . Sie legte den Mantel ab und ging zu dem Zimmer der Mutter hinüber . Auch hier die Tür nur angelehnt . Im Begriff einzutreten , zog sie plötzlich die Hand zurück . » Und ich sage dir , Ottilie , daß es der unüberlegteste Streich deines Lebens ist , wenn du dem Kinde das alles so unvorbereitet ins Gesicht wirfst . Mag es wahr sein oder nicht , wozu willst du ihr junges Glück zerstören ? Da gibt es doch andere Mittel und Wege ! « Es war Onkel Heinrich ; er sprach im Tone tiefster Entrüstung . » Sie soll es von Fremden erfahren ? « scholl die Stimme der weinenden Mutter ; » die ganze Stadt erzählt es sich , und sie soll wie eine Blinde umhergehen ? « » Ich zittere an allen Gliedern « , hörte Trudchen jetzt Jenny , » es ist empörend , wir sind auf ewig lächerlich gemacht ! Gestern abend erst sagte ich noch zu Frau von S. : › Sie können sich nicht vorstellen , welch ein idyllisches , schäferhaftes Glück da draußen in Niendorf seinen Wohnsitz hat . ‹ « » Zum Henker mit eurer Logik ! Ich sage euch – « 158 rief jetzt der kleine Herr zornig . Aber er verstummte jäh , dort auf der Schwelle stand Trudchen Linden . » Sprecht ihr von uns ? « fragte sie und ihre erschreckten Augen irrten über die Anwesenden und blieben an der Mutter hängen , die bei ihrem Erscheinen weinend in den Sessel zurücksank . » Ja , Kind ! « Der alte Herr war zu ihr geeilt und suchte sie hinauszudrängen . » ' s ist ein unüberlegter Streich von deiner Mutter gewesen , daß sie dich holen ließ . Es ist nämlich gar nichts Schlimmes passiert – so eine dumme Rederei , ein Mißverständnis , lächerlich ! Komm erst mal herüber in ein anderes Zimmer , ich will es dir erklären . « » Nein , nein , Onkel , ich möchte es wissen , genau wissen ! « Sie zog ihre Hand aus der seinen und schritt zur Mutter hinüber . » Hier bin ich , liebe Mama , nun sage mir alles , aber rasch – ich bitte dich . « Sie sah aus totenbleichem Antlitz zu der weinenden Frau hinunter , und so stand sie in ihrer einfachen Sommertoilette fast regungslos . Nur die Bänder des Hütchens , die zur Seite des Gesichtes in einen leichten Knoten geschürzt waren , bebten in raschen Schlägen und gaben Kunde von ihrer furchtbaren Erregung . » Ich kann ' s ihr nicht sagen « , schluchzte Frau Baumhagen , » sag du es , Jenny . « Sofort wandte sich Trudchen zu der Schwester . Die junge Frau schlug die Augen nieder und wickelte 159 die schwarzen Samtschleifen ihres Morgenkleides nervös um die Finger . » Dein Mann ist in eine unangenehme Situation geraten « , begann sie leise . » Inwiefern ? « fragte Trudchen . » Eine fatale Geschichte ist es , aber nicht danach angetan , solche Leichenbittergesichter zu machen « , polterte der alte Herr , der am Fenster stand . » Er hatte – « Frau Jenny stockte wieder , » gestern ein Gespräch mit Wolff . « » Das weiß ich « , bestätigte Trudchen . » Wolff hat eine Forderung an ihn , eine sehr diskrete Forderung – dein Mann will sie nicht anerkennen und – « » So kommt in drei Teufels Namen zu Ende ! « Der alte Herr schlug zornig auf das Fensterbrett . » Wollt ihr der Frau das Gift tropfenweise geben ? « Er faßte wieder Trudchens Hand und suchte nach Worten . » Sieh , Trudchen , es ist nicht so schlimm ; es kommt manchmal vor – und der Wolff mag sich auch aufgedrängt haben – , kurz und gut , er ist so ein lebendiges Lexikon , kennt alle Menschen hier herum , und was einer wissen will , das erfährt er sicher bei ihm . Da hat dein Mann sich nun – na , wie soll ich mich denn ausdrücken – hat sich nach deinen Verhältnissen erkundigt , verstehst du ? – ehe er um dich anhielt ; voila tout . ' s kommt hundertmal vor , Kind – du bist vernünftig , nicht wahr , Trudchen ? « 160 Die