, wie nachtwandelnd , stieg die sonderbare Leiter mit Leichtigkeit hinauf , setzte sich auf die losen Steine und lehnte sich an einen Berberitzenstrauch , der hier oben auf der Mauer aufgewachsen war . So saß sie und wartete ; lange ; aber es kam keine Ungeduld über sie . Endlich drängte sich ein schwarzer Qualm aus der Dachöffnung , und im nächsten Augenblicke lief es in roten Funken über den First hin , und alles Holz- und Sparrenwerk knisterte auf , als ob Reisig von den Flammen gefaßt worden wäre . Dazu wuchs der Wind , und wie aus einem zugigen Schlot heraus fuhren jetzt die brennenden Wergflocken in die Luft . Einige fielen seitwärts auf die Nachbarscheunen nieder , andre aber trieb der Nordwester vorwärts auf die Stadt , und eh eine Viertelstunde um war , schlug an zwanzig Stellen das Feuer auf , und von allen Kirchen her begann das Stürmen der Glocken . » Das ist Sankt Stephan « , jubelte Grete , und dazwischen , in wirrem Wechsel , summte sie Kinderlieder vor sich hin und rief in schrillem Ton und mit erhobener Hand in die Stadt hinein : » Verlaß dich nicht auf dein Gewalt . « Und dann folgte sie wieder den Glocken , nah und fern , und mühte sich , den Ton jeder einzelnen herauszuhören . Und wenn ihr Zweifel kamen , so stritt sie mit sich selbst und sprach zugunsten dieser und jener und wurde wie heftig in ihrem Streit . Endlich aber schwiegen alle , auch Sankt Stephan schwieg , und Grete , das Kind aufnehmend , das sie neben sich in das Mauergras gelegt hatte , sagte : » Nun ist es Zeit . « Und sicher , wie sie die Treppe hinaufgestiegen , stieg sie dieselbe wieder hinab und nahm ihren Weg , an den brennenden Scheunen entlang , auf die Hauptstraße zu . Hunderte , von Furcht um Gut und Leben gequält , rannten an ihr vorüber , aber niemand achtete der Frau , und so kam sie bis an das Mindesche Haus und stellte sich demselben gegenüber , an eben die Stelle , wo sie gestern gestanden hatte . Gerdt konnte nicht zu Hause sein , alles war dunkel ; aber an einem der Fenster erkannte sie Trud und neben ihr den Knaben , der , auf einen Stuhl gestiegen , in gleicher Höhe mit seiner Mutter stand . Beide wie Schattenbilder und allein . Das war es , was sie wollte . Sie passierte ruhig den Damm , danach die Tür und den langen Flur und trat zuletzt in die Küche , darin sie jedes Winkelchen kannte . Hier nahm sie von dem Brett , auf dem wie früher die Zinn- und Messingleuchter standen , einen Blaker und fuhr damit in der Glutasche des Herdes umher . Und nun tropfte das Licht und brannte hell und groß , viel zu groß , als daß der Zugwind es wieder hätte löschen können . Und so ging sie den Flur zurück , bis vorn an die Tür , und öffnete rasch und wandte sich auf das Fenster zu , von dem aus Trud und ihr Kind nach wie vor auf die Straße hinausstarrten . Und jetzt stand sie zwischen beiden . » Um Gottes Barmherzigkeit willen « , schrie Trud und sank bei dem Anblick der in vollem Irrsinn vor ihr Stehenden ohnmächtig in den Stuhl . Und dabei ließ sie den Knaben los , den sie bis dahin angst- und ahnungsvoll an ihrer Hand gehalten hatte . » Komm « , sagte Grete , während sie das Licht auf die Fensterbrüstung stellte . Und sie riß den Knaben mit sich fort , über Flur und Hof hin und bis in den Garten hinein . Er schrie nicht mehr , er zitterte nur noch . Und nun warf sie die Gartentür wieder ins Schloß und eilte , den Knaben an ihrer Hand , ihr eigenes Kind unterm Mantel , an der Stadtmauer entlang auf Sankt Stephan zu . Hier , wie sie ' s erwartet , hatte das Stürmen längst aufgehört , Glöckner und Mesner waren fort , und unbehelligt und unaufgehalten stieg sie vom Unterbau des Turmes her in den Turm selbst hinauf : erst eine Wendeltreppe , danach ein Geflecht von Leitern , das hoch oben in den Glockenstuhl einmündete . Als die vordersten Sprossen kamen , wollte das Kind nicht weiter , aber sie zwang es und schob es vor sich her . Und nun war sie selber oben und zog die letzte Leiter nach . Um sie her hingen die großen Glocken und summten leise , wenn sie den Rand derselben berührte . Und nun trat sie rasch an die Schalllöcher , die nach der Stadtseite hin lagen , und stieß die hölzernen Läden auf , die sofort vom Winde gefaßt und an die Wand gepreßt wurden . Ein Feuermeer unten die ganze Stadt ; Vernichtung an allen Ecken und Enden , und dazwischen ein Rennen und Schreien , und dann wieder die Stille des Todes . Und jetzt fielen einige der vom Winde heraufgewirbelten Feuerflocken auf das Schindeldach ihr zu Häupten nieder , und sie sah , wie sich vom Platz aus aller Blicke nach der Höhe des Turmes und nach ihr selber richteten . Unter denen aber , die hinaufwiesen , war auch Gerdt . Den hatte sie mit ihrer ganzen Seele gesucht , und jetzt packte sie seinen Knaben und hob ihn auf das Lukengebälk , daß er frei dastand und im Widerscheine des Feuers von unten her in aller Deutlichkeit gesehen werden konnte . Und Gerdt sah ihn wirklich und brach in die Knie und schrie um Hülfe , und alles um ihn her vergaß der eigenen Not und drängte dem Portal der Kirche zu . Aber ehe noch die Vordersten es erreichen oder gar die Stufen der Wendeltreppe gewinnen konnten , stürzte die Schindeldecke prasselnd zusammen , und das Gebälk zerbrach , an dem die Glocken hingen