weiß wohin gehen zu müssen ! « Und dann machte meine Seele die erste ernste Anstrengung , das zu begreifen , was man in Bezug auf Himmel und Hölle in sie gelegt hatte ; zum erstenmal blickte ich um mich und sah vor mir , neben mir , hinter mir nichts als einen unermeßlichen Abgrund ; zum erstenmal bebte meine Seele entsetzt zurück , sie empfand und fühlte nichts sicheres mehr als den einen Punkt , auf welchem sie stand – die Gegenwart , alles andere war eine formlose Wolke , eine unergründliche Tiefe – es schauderte mich bei dem Gedanken zu straucheln , zu wanken – und in das Chaos hinabzutauchen . Als ich noch diesen neuen Gedanken nachhing , hörte ich , wie die große Hausthür geöffnet wurde ; Mr. Bates trat heraus , mit ihm eine Krankenwärterin . Nachdem sie gewartet bis er aufs Pferd gestiegen und fortgeritten war , wollte sie die Thür wiederum schließen . Ich lief zu ihr . » Wie geht es Helen Burns ? « » Sehr schlecht , « lautete die Antwort . » War Mr. Bates ihretwegen gekommen ? « » Ja . « » Und was sagt er ? « » Er sagt , daß sie nicht mehr lange bei uns verweilen wird . « Hätte ich diese Phrase gestern gehört , so würde sie nur den Glauben in mir wachgerufen haben , daß man sie nach Northumberland in ihre Heimat bringen wolle . Ich würde nicht vermutet haben , daß es bedeute , sie sei sterbend , – aber jetzt begriff ich sofort ; es wurde mir augenblicklich klar , daß Helen Burns ' Tage auf dieser Welt gezählt seien , und daß sie bald hinauf in die Region der Geister gehen würde – wenn es überhaupt eine solche Region gab . Im ersten Moment bemächtigte sich meiner ein namenloser Schrecken ; dann empfand ich den heftigsten Schmerz , dann einen Wunsch – den Wunsch , sie zu sehen . Und ich fragte , in welchem Zimmer sie läge . » Sie ist in Miß Temples Zimmer , « sagte die Wärterin . » Kann ich hinauf gehen und mit ihr sprechen ? « » O nein , Kind ! Das geht nicht an . Und jetzt ist es auch für Sie Zeit , hinein zu gehen ; Sie werden das Fieber bekommen , wenn Sie draußen sind , während der Thau fällt . « Die Wärterin schloß die Hausthür ; ich ging durch den Seiteneingang , welcher zu dem Schulzimmer führte ; ich kam noch zu rechter Zeit ; es war neun Uhr , und Miß Miller rief gerade die Schülerinnen zum Schlafengehen . Es mochte vielleicht zwei Stunden später , ungefähr elf Uhr sein ; es war mir nicht möglich gewesen einzuschlafen und aus der tiefen Ruhe , welche im Schlafzimmer herrschte , schloß ich , daß meine Gefährtinnen fest schliefen ; leise stand ich auf , zog mein Kleid über mein Nachtgewand und schlich mich barfuß aus dem Gemach , um Miß Temples Zimmer zu suchen . Es befand sich am entgegengesetzten Ende des Hauses ; aber ich kannte den Weg , und die Strahlen des unbewölkten Sommermondes halfen mir , ihn zu finden . Ich verspürte einen scharfen Geruch von Kampher und gebranntem Essig , als ich mich dem Zimmer der Fieberkranken näherte ; schnell eilte ich an der Thür vorüber , aus Furcht , daß die Krankenwärterin , welche die ganze Nacht wachen mußte , mich hören könne . Ich hatte Angst davor , entdeckt und zurückgeschickt zu werden , denn ich mußte Helen sehen , – ich mußte sie umarmen bevor sie starb , – ich mußte ihr einen letzten Kuß geben , noch ein letztes Wort mit ihr sprechen . Nachdem ich die Treppe hinuntergegangen war , einen Teil vom Erdgeschoß des Hauses durchschritten hatte und es mir gelungen war , ohne Geräusch zwei Thüren zu öffnen , erreichte ich eine zweite Treppe ; diese stieg ich wieder hinauf und befand mich gerade vor der Thür von Miß Temples Zimmer . Durch das Schlüsselloch und eine Spalte unterhalb der Thür fiel ein Lichtschein ; überall herrschte tiefste Stille . Als ich näher kam , fand ich die Thür ein wenig geöffnet , wahrscheinlich um in das dumpfe Krankengemach etwas Luft dringen zu lassen . Nicht gewillt zu zögern , von ungeduldigem Drange beseelt – Seele und alle Sinne in heftigem Schmerz erbebend – öffnete ich sie ganz und blickte hinein . Mein Auge suchte Helen und fürchtete – den Tod zu finden . Dicht neben Miß Temples Bett und mit den weißen Vorhängen desselben halb verhängt , stand ein kleines Bettchen . Ich sah die Umrisse einer Gestalt unter der Bettdecke , doch das Gesicht war durch die Gardinen verdeckt . Die Wärterin , mit welcher ich im Garten gesprochen hatte , saß in einem Lehnstuhl und schlief ; eine halbherabgebrannte Kerze , die auf dem Tische stand , verbreitete ein trübes Licht . Miß Temple war nicht sichtbar ; später erfuhr ich , daß sie zu einer im Delirium liegenden Fieberkranken gerufen worden . – Ich wagte mich weiter ins Zimmer hinein ; dann stand ich neben dem kleinen Bette still ; meine Hand faßte den Vorhang , doch hielt ich es für besser , zu sprechen , bevor ich denselben zur Seite zog . Ein Schauer faßte mich bei dem Gedanken , daß ich vielleicht nur noch eine Leiche sehen könnte . » Helen , « flüsterte ich sanft , » wachst du ? « Sie bewegte sich , schob den Vorhang zurück – – und ich blickte in ihr bleiches , abgezehrtes aber ruhiges Gesicht . Sie schien so wenig verändert , daß meine Furcht augenblicklich schwand . » Bist du ' s wirklich , Jane ? « fragte sie mit ihrer gewohnten , sanften Stimme . » Ah ! « dachte ich , » sie wird nicht sterben ; sie irren sich alle ; wäre es der