, die für Olga die Frauenbewegung mit der allgemeinen Entwicklung verbanden , - gerade zu diesem Problem gedrängt , auch ihr war es als der Mittelpunkt jeder sozialen Reform erschienen . Denn hier handelte es sich um das Werden des Menschen , des Trägers der Weltkultur , von dessen Beschaffenheit alles andere abhing . Die Geschlechtssitten der Gesellschaft ließen ihn entstehen , darum , so war es ihr immer erschienen , hing es gerade von diesen Sitten ab , wie die Welt selbst wurde . Als sie von diesem Bunde hörte , hatte sie eine große Freude erfüllt . Hier also war eine Gemeinschaft , innerhalb welcher sie aussprechen durfte , was anderwärts befremdend und anstößig gewirkt hatte , hier wurden diese großen Fragen , als solche anerkannt , freimütig erörtert und zu festen Zusammenhängen verknüpft . Von Zielfreude erfüllt , war sie durch die Straßen des neuen Westens gegangen , vorbei an den Fassaden modernster Mietspaläste , die mit ihrem gedämpften Luxus , ihrem wohlabgetönten Putz den Straßen dieses Viertels stilvolle Einheit gaben . Um in den Frieden des Tiergartens einzutreten , mußte sie durch das dichteste Verkehrsgewühl , am Bahnhof » Zoo « vorbei , wo sich oben , auf dem hochgelegenen Bahnsteig , Fernzüge mit den Vorortzügen treffen , während unten , auf dem Niveau der Straße , zahllose elektrische Linien sich kreuzen , Automobile mit sausenden Stößen ihr Benzin in Kraft verwandeln , die Berliner Droschken in ihrem unbeirrbar gemächlichen Hottetrott auf ihre Art mit ihnen konkurrieren und die Passanten sich auf Straßenübergängen und Bürgersteigen drängen . Die weiten Prachtstraßen , die den Berliner » Westen « mit Charlottenburg und Wilmersdorf verbinden , gehen strahlenförmig von hier ab . Drüben aber , auf der anderen Seite , wo die Gärten den Verkehr in ruhigere Wege leiten , glüht , mit farbigen , eingelegten Kuppeln , bauchigen Türmchen , bizarren Schnörkeln , Pagoden , fratzenhaften Emblemen und unperspektivischen , ägyptischen Fresken , - ein Stück Morgenland , in den Gebäuden des Zoologischen Gartens . Über diesem bunt aufeinander getürmten Gemisch steigt , schmal und hochgestreckt , fast kahl gegen die orientalische Fülle , der romanische Turm der Gedächtniskirche auf ; und das goldene Kreuz , an seiner Spitze , flammte im Schein einer kupferroten Wolke , die auf dem schiefergrauen Himmel erglüht war . Die herbstliche Abendsonne warf ihre Lichter auf die große , ebene Fläche aufgeworfener Erde , die , mit Sand vermengt , ganz hellbraun erschien , und vom Zoologischen Garten aus den Eingang zum Tiergarten bildet . Schon der Weg , der noch an den Toren des Bahnhofs vorbei und eng zwischen Droschkenstandplatz und dem Endgeleise der elektrischen Bahn hindurch führt , ist nicht viel mehr , als ein sandig-erdiger Reitweg . Er weitet sich zu einer Art Riesenmanège unter freiem Himmel , die sich links , tief hinein , unter die Unterführungsbogen der Stadtbahn streckt , rechts eine breite Allee zwischen die Bäume des Tiergartens entsendet . Hier wurde geritten , und die Fußgänger hatten sich , beim Übergang zu der schmalen , dunklen Wasserstraße des Landwehrkanals , zwischen den geschickt gelenkten , gut gepflegten Tieren der Reiter und Reiterinnen durchzuwinden . Diese fröhliche Kavalkaden , die da zwischen den schon entblätternden Bäumen hinsprengten , gefielen Olga . Voll Erquickung ging sie nun am Wasser entlang , vorbei an der brausenden Schleuse , bei der Freiarchenbrücke , am Garten- und Lützowufer herunter . Ihr starkes Naturgefühl antwortete auf die zarten Reize dieser Parklandschaft , und ihre Blicke nahmen alle Bilder mit seltener Eindringlichkeit auf . Sie sah alles : die breiten , langen , meist mit Kohlen beladenen Kähne mit den kleinen Überbauten am Bug , deren winzige , gardinenverhängte Fensterchen verrieten , daß die Schiffer hier ihre Wohnstätte hatten ; die zierlichen Dampfer mit den buntfarbigen Ringen um den rauchenden Schlot , - die einen , zwei und mehr der breiten Kähne durch den Kanal schleppen , bis hinaus auf die Wasser der Spree , deren große Biegung der Kanal verbindet . Sie sah , auf dem Wasser , die buntgezeichneten Enten ihr Spiel treiben , und besonders ein Pärchen fiel ihr auf ; er , herrlich von Gefieder , in Farben strahlend , saß still und vornehm unbeweglich auf einem Fleck ; sie , die Entin , graubraun wie ein Spatz , unterhielt sich dicht vor seinem Schnabel auf besondere Art : immer wieder tauchte sie mit Kopf , Hals und Brust senkrecht ins Wasser und streckte den Rest ihrer Leiblichkeit , das breite Bürzel mit den flossenhaften Pfoten , steil in die Höhe , dem Gatten , der diesem Spiel mit vollendeter Ruhe zusah , dicht unter den Schnabel . So tauchte sie aus und ein , wohl einhundertmal , - das Ende der Prozedur war jedenfalls noch nicht gekommen , als Olga , nachdem sie eine Weile dieser Gymnastik zugesehen , weiter ging . Und sie sah die Bäume an , diese alten , jetzt farbig belaubten , schon entblätternden Eichen , Ulmen , Buchen . Sie stand still vor dem Stamm eines alten Prachtkerls von Baum und sah , zum erstenmal , eine Rinde , die fast vollkommen regelmäßige , zylindrische Einkerbungen zeigte , genau an ; ja sie sah die Böschungen des Ufers , wie sie , niedrig und schräg zurückweichend , bei der Freiarchenbrücke begannen und da noch ganz mit Rasen bewachsen waren , wie sie aber immer höher und steiler wurden , der Rasen immer mehr und mehr zurückwich und die glatte , steinerne Kaimauer darunter sichtbar wurde , bis , von der Korneliusbrücke an , der Kanal nur noch zwischen diesen schwarzen , steinernen Mauern durchfloß , in denen ab und zu ein paar Stufen sichtbar wurden , die von dem immer höher ansteigenden Promenadenweg zum Wasser herunterführten . Und sie bog ab und ging über die Brücke , tiefer hinein in den Tiergarten . Am Neuen See war es , an dessen sich immer wieder biegenden Ufern sie jetzt ging . Sie war