den Präsidenten einige Andeutungen darüber fallen , als sie zusammen aus dem Daumerschen Haus gingen . Der Präsident zuckte die Achseln und schwieg . Er bat den Baron , ihn nach dem Gasthof zum Adler zu begleiten ; dort erkundigten sie sich , ob der englische Herr zu Hause sei , erfuhren jedoch , daß Seine Herrlichkeit Lord Stanhope , so drückte sich der Kellner aus , vor einer knappen Stunde abgereist war . Der Präsident war unangenehm überrascht und fragte , ob man wisse , welche Richtung der Wagen genommen habe ; das wisse man nicht genau , ward geantwortet , doch da er das Jakobstor passiert , sei zu vermuten , daß er die Richtung nach Süden , etwa nach München eingeschlagen habe . » Zu spät , überall zu spät « , murmelte der Präsident . » Ich hätte gern gewußt « , wandte er sich an Herrn von Tucher , » was Seine Herrlichkeit bewogen hat , soviel Dukaten aufs Rathaus zu tragen . « Das Gesicht Feuerbachs war dermaßen zerarbeitet von Gedanken und Sorgen , von der Anstrengung einer beständigen Wachsamkeit wie von der Glut eines zehrenden Temperaments , daß es dem eines Kranken oder eines Besessenen glich . Und so war es seit Monaten . Die ihm unterstellten Beamten fürchteten seine Gegenwart ; die geringste Pflichtverletzung , ja , der geringste Widerspruch brachte ihn zur Raserei , und waren die Ausbrüche seines Zornes schonvon jeher furchtbar gewesen , so zitterten sie jetzt um so mehr davor , als der unbedeutendste Anlaß einen solchen Sturm heraufbeschwören konnte . Dann gellte seine Stimme durch die Hallen und Korridore des Appellgerichts , die Bauern auf dem Markt unten blieben stehen und sagten bedauernd : » Die Exzellenz hat das Grimmen « , und vom Regierungsrat bis zum letzten Schreibersmann saß alles blaß und artig auf den Stühlen . Vielleicht hätten sie williger dies Joch getragen , wenn sie gewußt hätten , welche Pein dadurch dem Urheber selbst bereitet ward , wie sehr er , besiegt durch sein eignes Wüten , Scham und Reue litt , so daß er bisweilen , wie um durch irgendeine Handlung sich loszukaufen , dem erstbesten Bettler auf der Gasse eine Silbermünze hinwarf . Sie ahnten freilich nicht , daß die trüben Nebel dieser Laune ein bewegtes Widerspiel von Pflicht und Ehre bargen und daß hier ein Genius am Werk war , um inmitten scheinbarer Unrast und Friedlosigkeit ein Wunderwerk der Kombination zu schaffen und mit wahrem Seherblick eine Hölle von Verworfenheit und Missetat zu durchdringen . Mit Zaubrerhand war es ihm gelungen , aus den dunkeln Fäden , die das Schicksal Caspar Hausers an eine unbekannte Vergangenheit banden , ein Gewebe zu knüpfen , auf welchem jählings wie in Brandlettern flammte , was durch die Fügung der Umstände und die Zeit selbst mit Finsternis bedeckt war . Voll Schrecken stand er vor seiner Schöpfung , denn der Boden seiner Existenz wankte unter ihm . Es gab für ihn keinen Zweifel mehr . Aber durfte er es wagen , mit der fürchterlichen Wahrheit auf den Plan zu treten und die Rücksicht hintanzusetzen , die ihm durch sein Amt und das Vertrauen seines Königs auferlegt war ? Schien es nicht besser , das Geschäft des Spions in Heimlichkeit weiter zu betreiben , um den ränkevollen Gewalten , tückisch wie sie selbst , erst bei gelegener Stunde in den Rücken zu fallen ? Es war nichts zu gewinnen , nicht einmal Dank , aber alles war zu verlieren . O Qual , dachte er oft in schlaflosen Nächten , sonderbare Qual , dem rechtlosen Treiben als bestellter Wächter und mit untätiger Hand zusehen zu müssen , groß und kleine Sünde am ungenügenden Gesetz zu messen , die Feder auf den Buchstaben zu spießen , indes das Leben seine Bahn läuft und Form auf Form gebiert , zerstört , niemals Herr der Taten zu sein , immer Spürhund der Täter und nie zu wissen , was zu verhüten sei , was zu befördern ! Er wäre nicht der gewesen , der er war , wenn er nicht einen Weg zwischen Öffentlichkeit und feigem Verschweigen gefunden hätte , der seiner Selbstachtung Genüge tat . Er richtete ein ausführliches Memorial an den König , worin er mit bedächtiger Gliederung aller Merkmale den Fall darlegte , frei und kühn vom Anfang bis zum Ende ; ein Hammerschlag jeder Satz . Das Schriftstück begann mit der Auseinandersetzung , daß Caspar Hauser kein uneheliches , sondern ein eheliches Kind sein müsse . Wäre er ein uneheliches Kind , hieß es , so wären leichtere , weniger grausame und weniger gefährliche Mittel angewendet worden , um seine Abstammung zu verheimlichen , als die ungeheure Tat der viele Jahre lang fortgesetzten Gefangenhaltung und endlichen Aussetzung . Je vornehmer eines der Eltern war , desto müheloser konnte das Kind entfernt werden , und noch weniger Ursache zu so bedeutenden und verräterischen Anstalten hätten Leute geringen Standes und geringen Vermögens gehabt ; das Brot und Wasser , welches Caspar im Verborgenen verzehren mußte , hätte man ihm auch vor aller Welt reichen dürfen . Denkt man sich Caspar als uneheliches Kind hoher oder niedriger , reicher oder armer Eltern , in keinem Fall steht das Mittel im Verhältnis zum Zweck . Und wer übernimmt grundlos die Last eines so schweren Verbrechens , zumal wenn er dabei die angstvolle Plage hat , es für unabsehbare Zeit Tag für Tag wieder und wieder verüben zu müssen ? Aus alledem geht hervor , so fuhr der unerbittliche Ankläger fort , daß sehr mächtige und sehr reiche Personen an dem Verbrechen beteiligt sind , welche über gemeine Hindernisse unschwer hinwegschreiten , welche durch Furcht , außerordentliche Vorteile und glänzende Hoffnungen willige Werkzeuge in Bewegung setzen , Zungen fesseln und goldene Schlösser vor mehr als einen Mund legen können . Ließe es sich sonst erklären , daß die Aussetzung Caspars in einer Stadt wie Nürnberg am hellen Tage erfolgen und der Täter spurlos verschwinden konnte ; daß durch alle seit