sich entgegen ; die etwas kühnen Ideen Marthas berührten die andere sympathisch , und das völlige Gleichgewicht des gediegenen , toleranten , vornehmen Wesens der Gräfin Ranegg übte trotz der Grundverschiedenheit der Ansichten auf Martha einen eigenen Reiz ; es lag etwas so Beruhigendes und Harmonisches darin , - wie in allem , was aus einem Gusse und dabei aus edlem Stoffe ist . Mit aufrichtiger Freude ging Martha der Eintretenden entgegen : » Ah , sieht man Euch endlich wieder , ihr mondänen Geschöpfe ! « Die vier Mädchen küßten Martha die Hand . » Ja , mondaines sind wir , « seufzte Gräfin Ranegg , » gestern Ball bei Pallavicini , heute bei Erzherzog Ludwig Viktor , morgen im Ministerium des Äußern ... Es ist eine wahre corvée . « » Nun , nun , es macht Euch doch Vergnügen , « sagte Martha , » das heißt den Kindern ... das Los der Mütter ist auf Bällen freilich kein beneidenswertes . « Die Mädchen waren mit Sylvia und Rudolf in eine andere Ecke des Zimmers gegangen , wo sie sich laut und eifrig unterhielten , sodaß die beiden älteren Damen miteinander sprechen konnten , ohne von den anderen gehört zu werden . » Ich kann Dich versichern , « sagte Gräfin Ranegg , » nicht nur für Mütter , auch für die Töchter ist jetzt in unserer Welt nicht viel Vergnügen zu finden ... « » Ja , « bestätigte Martha , » das habe ich an Sylvia auch erfahren ... die moderne junge Herrenwelt ist gar so , ich weiß nicht wie ich sagen soll ... « » Sag ' ihr eigenes Lieblingswort : fad . Erinnerst Du Dich zu unserer Zeit , welch ein Unterschied - wie wurde da den jungen Mädchen der Hof gemacht , was doch - seien wir aufrichtig , was doch die Würze der weltlichen Vergnügungen ist . Geflirtet muß werden oder , wie man früher sagte , Passionen müssen entbrennen ... Das hat alles aufgehört . Unsere jungen Männer verlieben sich nicht mehr - wenigstens nicht in unsere Mädchen . « » Nein , in Bühnenprinzessinnen , « schaltete Martha ein . Gräfin Ranegg fuhr fort : » Und zum Tanzen - da muß man die jungen Leute ordentlich zwingen . Dabei sind die meisten , deren man doch habhaft wird , so uninteressant , so langweilig , so gar nicht bei der Sache ... Sie tanzen ein paar Touren , weil es sein muß , oder tanzen auch nicht . Und zu den Soiréen sind sie einfach gar nicht zu haben . Wieviel solche haben wir schon mitgemacht , wo wir fast nur Frauen waren - ein paar alte Diplomaten und Generäle ausgenommen . Auf den Bällen gibt es zwar männliche Jugend , aber die wird hinkommandiert - die Mehrzahl der Tänzer besteht aus den ganz Jungen : Gymnasiasten , Theresianisten . Väter , Mütter , Töchter und Flaumbärte : das ist das Kontingent unserer Ballsäle . Auch junge Frauen sieht man da wenig - die haben ihre Diners und Spielpartien - dort verkehren auch unsere Herren lieber - - « » Vielleicht wird die Sitte des Tanzens ganz aussterben , « sagte Martha . » Es ist schon einmal so - die Welt verändert sich . « » Leider ! « » Ich sage nicht leider . Platz dem Neuen ... Und so langweiligen sich Deine Töchter ? « » Langweilen ? O nein ... hörst Du , wie sie dort mit Deinen Kindern lachen - sie sind , Gott sei Dank , stets so guter Laune . « » Wie geht es Deiner Mutter ? « » Danke - nicht gar gut . Sie spürt ihre fünfundachtzig Jahre ... Wir sind sehr viel bei ihr ... jeden Abend bringt eine oder die andere von den Mädchen bei ihr zu - und oft streiten sie , welche von ihnen den Vorzug haben kann , statt auf den Ball , zur Großmutter zu gehen . Jetzt aber « - Gräfin Ranegg stand auf - » müssen wir wieder fort ... Kinder , kommt ! « » Das war ein kurzer Besuch ! « » Wir haben noch ungefähr siebzehn Visiten zu machen . - Wenn das keine corvée ist ! Nächstens will ich übrigens auf einen ganzen Nachmittag zu Dir kommen - auf einen ordentlichen Plausch . « » Tu ' das ! Wir hätten uns so viel zu erzählen . « Nachdem sich die Tür hinter den Besucherinnen geschlossen hatte : » Diese Familie ist mein Kreuz , « rief Rudolf . » Ein wahrer Jammer ! « » Aber , aber ! « machte Martha vorwurfsvoll , » wie kannst Du so etwas sagen ? Ich kenne keine lieberen achtungswerteren Menschen . « » Das ist ja eben der Jammer ... Soll ich Dir das erklären ? « » Ja , da wäre ich neugierig . « » Nun denn : Ich erinnere mich , einmal dem Gärtner den Befehl erteilt zu haben , einen gewissen Baum umzuschlagen , dessen Stamm hohl war . Beim nächsten Sturm konnte er umfallen und dabei vielleicht Schaden anrichten , also war es besser , ihn gleich zu fallen . Und während ich das Todesurteil sprach , blickte ich in die Krone hinauf und sah da ein Vogelnest , aus dem die Jungen die Hälse streckten und das die Alten umkreisten . Lassen wir ' s , - sagte ich zum Gärtner - vielleicht hält der Baum noch den ganzen Sommer aus . - Verstehst Du , was ich meine ? So stehen wir sogenannten Reformatoren auch vor morschen Gesellschaftsordnungen und meinen , es müßte da die Axt angelegt werden ; in dem Laubwerk aber , das den hohlen Stamm krönt , da haben sich die lieben , glücklichen Vöglein ihre Nester gebaut . Ihre ganze Existenz ist an die Existenz des Baumes gebunden - was liegt ihnen an der innern Fäulnis des Holzes , solange die Blätterfülle ihres Astes grünt