, darum ging er in den Hof und schlürfte die Nacht in sich ein , die so still war , spätsommerlich lau , trotzdem der Oktober schon weit vorgerückt war . Der zerbrochene Zaun , der verwilderte Gemüsegarten , in der Ferne die Felder , die niederen Häuser , alles zitterte in der sanften Bronzierung des sinkenden Mondes . Er hörte etwas murmeln , ging ohne Furcht den Lauten nach , öffnete das Scheunentor und wurde bleich vor Bestürzung , als er auf einem Strohlager den alten Gedalja gewahrte , der in einen Kerzenstumpf blickte und Agathon eifrig zu sich herwinkte , als er ihn gewahrte . » Psch ! nix reden ! « rief er mit unterdrückter Stimme . » Mausstill sein , sonst schneid ' ich d ' r ab die Ohren . Setz ' dich her zu mir , und ich will d ' r sagen was Guts für dein Leben . Hör zu , Jung . Ob de bist reich , ob de bist arm , ' s is ganz egal ; ob de bist gottesfürchtig , ob de bist nit gottesfürchtig , ' s is aach egal . Müßt ich sonst sitzen auf Stroh in der Scheune wie Hiob , und unterm Gras wie Nebukodnezor ? Ich will dir geben en guten Rat un sollst ' n nit vergessen in deinem Leben . Sag ' niemals , un wenn de wirst siebzig Jahr , sag ' niemals , daß de hast einen Menschen , wozu de haben kannst Vertrauen . Gott im Himmel , bin ich geworden neunzig Jahr , un meine Kinder schämen sich meiner . Hab ' ich gehabt e Gut , e Haus un e Viech un e Frau , un es Unglück is gekommen un hat aufgesperrt seinen Rachen , daß ich jetzt sein muß heimlich in der Scheune meines Vetters , bis er wird sein willig , mir zu geben e Kammer für die Nacht . Glauben is kaaner mehr in der Welt , ich spürs am eignen Fleisch , Gott hat die Zeit verloren , sie is ihm gefallen aus der Hand , nebbich . Du hörst se schreien von Juden un Christen , aber was se meinen is das Geld un was se nicht meinen , is die Frommheit . Was is Gott ? Is das Gott , wenn ich mach e Kreuz , wenn ich bet in der Thora ? Is das Papier Gott ? Is das Holz Gott ? Is Gott der Himmel , is Gott der Mond ? Nix is Gott ; Gott is meine Gutwilligkeit un mein Armsein . Ich bin Gott , du bist Gott , e Gespenst is Gott , e Stück Armut und Elend . « Er hatte die Hände erhoben und seine Augen standen voll Tränen . Zerrissen mit sich und der Welt lag er da . Agathon war versteinert . Dann begann der Alte wieder , leiser und ruhiger : » Jetzt gehste wieder hin , wo de bist hergekommen , legst dich schlafen un bist still . Du bist e gescheiter Mensch un wirst schweigen . Ich muß sein allein . Ich kann nit sehn vor mir e menschliches Gesicht . « Agathon wandte sich , verschloß die Tür , ging ins Haus , in sein Zimmer , kleidete sich aus , - alles wie bewußtlos . Dann legte er sich ins Bett und dachte nach , weit über Mitternacht hinaus . Sechstes Kapitel Er stand auf , spürte die Nacht um sich her mit den Fingern , kleidete sich an , ging hinab , und obwohl er sich nicht bemühte , leise zu gehen , schwebte er nur so hin über die Treppe und den Flur . Aus der Straße war es zauberhaft still : Häuser , Gärten , Brunnen gefroren in Ruhe . Er schlich um das Sebalderwirtshaus herum , erkletterte das Weinlaubgerüst , stand oben vor einem vergitterten Fenster , preßte sich mit seltsamer Geschicklichkeit durch und hüpfte durch die geöffneten Fenster in Sürich Sperlings Schlafgemach . Es war vollkommen finster , doch sah er jeden Gegenstand , auch den verstecktesten , mit brennender Deutlichkeit . Sürich Sperling lag nicht im Bett , sondern saß auf einem Stuhl , starrte in den leeren Ofen und sagte : » Mich friert . « - » Soll ich einschüren ? « fragte Agathon sanft . Er kniete hin und heizte . Das Material , das er dazu gebrauchte , fühlte sich an wie Wolle , und schließlich wurde es naß und er sah , daß er mit Blut geheizt hatte . Dann öffnete sich die Tür und von den flackernden Flammen beleuchtet , kam Stefan Gudstikker herein . Er führte an einer Leine zwei Hunde , zwei Katzen und zwei weiße Mäuse , die alle gehorsam hinter ihm herschritten . Er ging auf Agathon zu und reichte ihm einen Brief , über den Agathon in große Bestürzung geriet und dann sah er plötzlich seine Mutter , die mit rollenden Augen etwas Unverständliches sagte . Jetzt stand Sürich Sperling auf und sagte : » Es lebe das Kapital . Es lebe die Schnaps- und Fuselbrennerei . Es lebe die Bürgerschaft , die überm Pulverfaß schnarcht . Es lebe die Revolution . Ich bin Robespierre . Ich bin der ewige Jude . Es lebe der Tod . « Plötzlich wurde es hell im Zimmer , Agathon wußte nicht , ob durch die Flammen im Ofen oder durch ein Feuer von draußen . Da begann das Kruzifix an der Wand lebendig zu werden , Agathon sah ein Männergesicht von erhabener Schönheit und kniete nieder . Doch als er wieder emporblickte , sah er statt dessen eine nackte Frau . Es war Jeanette . Sein Herz klopfte zum Zerspringen . Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn fort , durch das leere Dorf , durch die Stadt , durch Wiesen und Wälder und Felder , dann kam eine öde Strecke , dann eine Brücke , die über einen grauenhaften