so daß niemand im stande war , zu entscheiden , ob hinter diesen burlesken Selbstanklagen nicht doch eine Spur von Ernst steckte , da rief er : Aber das kommt von der Abstinenz ! Seit 75 Minuten habe ich keinen Alkohol gesehen . Auf ! Laßt uns in ein Gebärhaus tröstlicher Gedanken wallen , und wenn es eine Gosenstube wäre . Kennt ihr mein Ritornell ? : Molkige Gose ! Bezeugte nicht Dein Rausch sehr hohen Rang , Nännt ich dich Sauce . Mit einziger Ausnahme des Brechweines gab es kein alkoholisches Getränk , dem sich Stilpe nicht mit Hingabe widmete . Aber die » schweren Sachen « bevorzugte er . Das Leipziger Lagerbier war bald nicht mehr im stande , ihm irgend etwas anzuhaben . Er nannte es » schlechterdings Wasser « und konnte es durchaus nicht begreifen , daß man » es noch immer in Brauereien herstellt ; man sollte doch merken , daß es aus dem Schoße der Erde quillt , denn es ist im eigentlichen Sinne culturlos . « Dagegen zollte er direkt Ehrerbietung der ostpreußischen Bowle , die aus Burgunder , Porterbier , Sekt und Cognac besteht . Dieses Getränk , so sagte er , hat die Kraft und das heilige Rauschen des germanischen Urwaldes . Man fühlt direkt Speere in der Faust , wenn man es trinkt . Seine Hauptgnade aber besteht darin , daß es wunschlos macht . Es ist das Katholikon der Getränke . Auserwählten ist es gegeben , zu sehen , daß diese Bowle eine tiefgoldene Gloriole hat . In dieser Weise charakterisierte er im Kreise des Cénacles » die gesammte Aristokratie der Spirituosen « , und er lehnte es durchaus nicht ab , wenn man ihn den Homer des Alkohols nannte . Aber die Getränke , die er liebte , waren kostspielig , und weder er noch die anderen drei Cénacliers waren auf die Dauer im stande , das Geld dafür aufzubringen . Deshalb beschloß man , einen » Barbemuche zu etablieren « , d.h. nach dem Muster des Mürgerscher Cénacles jemand ausfindig zu machen , der » also geeigenschaftet wäre : Ehrfürchtig vor dem Geiste , Sehnsüchtig zur Kunst , Wohlausgestattet mit Gelde , Ein bischen dumm und dessen dumpf bewußt , Demütigen Herzens und Angenehm lächerlich . « Stilpe war es , der einen solchen Jüngling entdeckte : - Herrn stud . Lehmann aus Liegnitz . Er hatte ihn in » so einem « Hause der Magazingasse aufgelesen . Dort , in einem Salon , war ihm der blasse , etwas angefettete junge Mann durch eine sehr dicke Brieftasche und schwermütiges Betragen aufgefallen . - Sie fühlen sich nicht wohl in dieser Umgebung , hatte Stilpe zu ihm gesagt , als sie sich einander vorgestellt hatten . Ich begreife das . Man geht hierher , um sich nicht wohlzufühlen . Man will sich kasteien . Sie peitschen sich lieber mit blonden Ruten , ich lieber mit braunen . Das ist der ganze Unterschied . Temperamentssache . - Ach ja , es ist schrecklich , antwortete der Philologe Lehmann ; ich verabscheue diese Häuser , aber , sehen Sie , ich finde ja draußen nichts , und dabei bin ich doch so ... so ... so sinnlich . Ach , leider ! - Wie ? Leider ? Sie sagen : Leider ? Sie haben doch leider gesagt ? Hm . Hm . Hm ! - Aber natürlich : Leider ! Es ist doch schrecklich , so direktionslos zu sein ! - Direktionslos nennen Sie das , wenn Alles so deutlich ins Schwarze zielt ? Das nennen Sie di ... , aber Herr Lehmann ! Sie sind beneidenswert um diese gerade Tendenz Ihres Wesens ! Seien Sie fröhlich , Herr Lehmann ! Es fehlt Ihnen blos die rechte Gesellschaft . Sie sind ein Einsiedel-Lehmann , und das ist für solche Naturen eine Gefahr . - Freilich ist es das . Ich fühle es selber . Aber ich schließe mich schwer an . Wissen Sie , die meisten ' Studenten sind so banausisch , so entsetzlich interesselos , und ich möchte doch Jemand haben , der auch noch etwas mehr will , als Doktor werden . Sechs Tage ochsen und einen Tag sumpfen , das mag ich nicht mitmachen ! - Das ehrt Sie , Herr Lehmann ! Sie suchen den Einklang von Lebenskunst und Wissenschaft . Sie wollen Streben und Genuß vereinen . Sie wollen , mit einem Worte , aber verstehen Sie mich recht und nehmen Sie das nicht etwa als einen Witz : Sie wollen ein runder Mensch werden ! - Ich ahne , was Sie meinen , und es ist wahr , das deckt sich wohl mit dem , was ich suche . - Rund sein ist alles , Herr Lehmann ! Wissen Sie , wie diese indischen Götter : Rund um den Leib herum tausend Arme , und immer zwischen zwei Armen eine Göttin . Aber Gott bleiben ! Ein runder Gott bleiben mit tausend Armen und fünfhundert Göttinnen dazwischen ! Oder , weniger exotisch gesprochen : Goethehaft ! Herr Lehmann lächelte höchst bitter : - Sie wollen mich wohl verspotten . Goethe und - ich ! Ich mit meiner klassischen Philologie . Ich studiere nämlich klassische Philologie . Aber Sie müssen da nicht gleich denken , daß ich Gymnasiallehrer werden möchte . Nein , ich möchte mich der akademischen Carrière fürs Griechische widmen . Es ist da noch viel zu holen , sag ich Ihnen ! Mein Fach ist im Niedergange . Es fehlt an Kapazitäten . Ein neues Alexandrinertum ist eingerissen ! - So reißen Sie es um , Herr Lehmann ! Schmeißen Sie die Perrücken zum Tempel hinaus ! Der Moder stinkt ! Hygiene thut not ! Fort mit den Schwartenschwenkern ! Das reine Hellas ziehe ein ! Und was ist der Hellene des Altertums ? Der runde Mensch ! Was ist Hellas ? Die Synthese von Genuß und Erkenntnis ! ... Kürzlich stellte ich für einen kleinen Kreis von Freunden , der