Augen , den Mund und taumelte fort . Am kommenden Tage blieb er bis Mittag in seinem Bette liegen , und als ihn die Hanne frug , ob er krank sei , sagte er zu ihr : » Nein , faul ! « Dann drehte er sich um und schlief weiter . Nachmittags stand er auf , legte seine besten Kleider an , steckte Geld zu sich und ging davon , ohne daß er auch nur nach seinem Buben gefragt hätte . Früh , als es schon zu grauen begann , kam er heim , er pfiff und sang , daß ihn die Hanne schon draußen auf der Straße hörte , und als sie ihm die Türe öffnete , sang er noch immer . Vergeblich wartete das Mädchen von einem Tag zum anderen , daß er wieder seine Arbeit aufnehmen werde , es war vorbei damit ; sie konnte nicht den Mut aufbringen , ein Wort davon zu sagen , und schlenderte herum und wich sogar jeder Frage aus , die er sonst zuweilen an sie richten mußte . Nach Wochen , als er im Fortgehen sagte : » Du , der alte Davidl , der Tandler von der unteren Gasse , holt heute den alten Schubladkasten , räum ihn aus « , schrak sie zusammen . Langsam ging der Leopold der Türe zu , da hörte er die schüchterne , zagende Stimme des Mädchens seinen Namen rufen . » Ah so , du kannst reden « , kicherte der Mann , wandte sich um und setzte sich ihr gegenüber an den Tisch , er legte ein Bein über das andere und frug : » Also , Mädel ? « » Du wirst wieder krank werden « , begann sie traurig . » Fürcht dich nicht , ich kann jetzt schon wieder einen Puff aushalten ... Ist das alles ? « » Ich hab dich bitten wollen , weißt , wegen dem Polderl , geh doch wieder in dein Geschäft . « Sie zitterte , daß sie nicht weiterreden konnte , endlich aber übermannte es sie , und wie ein verzweifelter Schrei klang es , als sie fragte : » Was muß ich denn tun oder sagen , daß du mir zulieb auch einmal etwas tust ? « Das gab dem Mann einen Ruck , er ließ den einen Fuß von dem andern gleiten , beugte den Oberkörper vor , stützte seine Hand aufs Knie und schaute die Hanne prüfend an . » Dir zuliebe ... armes Mädel , mir selber zuliebe , willst sagen , gelt ? « frug er ernst und mit einem warmen , weichen Ton , so wie er öfter zu ihr gesprochen hatte einst , als sie mit gebrochenen Gliedern dalag ... als sie noch ein Kind war ... » Dir zuliebe , Hanne , hätte ich viel tun und lassen müssen ... Ich habe alleweil das Verkehrte getan auf der Welt ... Jetzt bin ich dabei , das Rechte zu tun , und das wird auch dir nützen , langes Mädel . « » Mir ? « » Ich habe dich freilich nicht mitgerechnet gehabt , das ist mir auch erst eingefallen , wie du geredet hast ... Schau , Hanne , warum hast du nie früher gesagt , ich soll dir zuliebe was tun ? ... Du warst immer so mäuserlstill , und ein schweigsames Frauenzimmer ist , darauf bin ich durch sie ... und dich gekommen , was Seltenes und vielleicht darum nicht anheimelnd , nicht warm . Plausch , Mädel , plausch alleweil ... « » Ja , was hätt ich denn sagen sollen ? « fragte sie beklommen . » Vielleicht hättest du mir die andere aus dem Herzen plaudern können ... jetzt ist alles zu spät ! « » Was redest du so - so ... « » Es ist wirklich aus , Hanne , sie kommt nimmer ... nimmer zu mir ... « , schluchzte er plötzlich , ließ seinen Arm auf den Tisch fallen , legte den Kopf darauf und weinte ... weinte ... weinte . Allmählich erzählte er ihr alles , die ganze Leidensgeschichte , die sein Herz durchempfunden , jede Qual , die er lautlos getragen , jede Hoffnung , die er begraben hatte ... Er sprach , als ob sie gar nicht so leichenhaft dort im Halbdunkel säße , als ob er allein wäre und eine verweinte Beichte seiner Schuld und seiner Pein hinsagte vor einem unsichtbaren , gleichfalls wehrlosen Wesen , das nichts mehr gutmachen kann , nicht mehr aufhelfen kann , das nur hineinschauen soll in ein zermalmtes , verblutendes Menschenherz . In dem großen Gemache erwachten klagende Stimmen allerorts ... wie erweckt von dem haltlosen Schluchzen des Mannes , so wurden alle Erinnerungen aus alten Tagen lebendig , und ein leises Weinen zitterte in allen Ecken , in allen Geräten , in allen Wänden . Der gewaltige , freigewordene Schmerz störte die Geister aller an dieser Stelle stumm getragener Leiden auf , und wie aus einer fernen unbekannten Welt klangen die Töne herüber , schwermütig , geisterhaft , klagend , gleich dem Echo zerrissener Saiten , gleich dem Nachklang gramvoller Sterbeseufzer . » Aus ist es , Hanne , ob mich heute oder morgen oder übermorgen die Kugel niederwirft ... ich weiß es nicht , aber ich kann nimmer leben ohne mein Weib , das siehst du doch jetzt ein , Mädel , gelt ? « fragte der Leopold am Ende . » Ja - freilich - das sehe ich jetzt ein - « , erwiderte die Hanne mit fester Stimme . Sie redeten so zueinander , aber keines konnte das andere sehen . Das Mädchen hatte den Vorhang niedergelassen und sich in die dunkle Ecke gesetzt neben den Kleinen , als der Mann zu erzählen anhub , und dort war sie unbeweglich sitzen geblieben und hatte nur hingehorcht zu ihm , er aber hatte die Augen geschlossen , während er sprach , als ob sie ihm der Schmerz zugedrückt hätte