der Gegend war eingeheimst , der gesellige Verkehr , der im Sommer fast schlummerte , begann mit dem Besuch in Mittelbach . Graf Taiß mit seiner Gemahlin und deren Schwester wohnten dann einige Wochen bei Fanny , die eine entfernte Verwandte der beiden Damen war ; ferner erschien als regelmäßiger Gast ein Herr von Dören mit seiner Gattin . Beide Familien wohnten zu entfernt , um nach etwaigen Festlichkeiten , wie die Gutsnachbarn pflegten , abends wieder heimfahren zu können . Fanny erwies ihren Bekannten dann Gastfreundschaft im größten Stil . Bei aller Freiheit , welche die Hausordnung jedem einzelnen ließ , gestaltete sich das Zusammenleben bei ihr doch unwillkürlich etwas anders als zum Beispiel beim Grafen Taiß , wo man sich im November versammelte . Da ein Hausherr fehlte , nahm man erhöhte Rücksichten auf die Hausfrau und die Damen überhaupt . Anstatt ausgedehnter Billardpartien , langer Sitzungen im Rauchzimmer und dergleichen gab es für die Herren mehr Unterhaltung mit den Damen zusammen . Zwar gingen sie zuweilen früh morgens unter Joachims Führung auf die Jagd - Lanzenau mußte sich oft davon fern halten , weil ein feuchter Morgen ihm unfehlbar einen leisen Ischiasanfall brachte , doch war dies sein Geheimnis , und er gab vor , kein Vergnügen mehr an der Jagd zu finden - allein der übrige Tag sah sie mit den Damen bei Spazierfahrten , beim Lawntennies , am Schießstand , auf Kahnpartien . Zum Diner , das in dieser Zeit um sechs Uhr stattfand , machten die Damen besondere Toilette , wobei ein gewisser wetteifernder Luxus nicht fern blieb . Abends setzte sich zuweilen jemand an den Flügel , zum Tanz aufzuspielen , oder es gab ein Dilettantenkonzert , dessen Kosten Lanzenau , Joachim und die Schwester der Gräfin Taiß , das Fräulein von Grävenitz , trugen . In diesen rauschenden Tagen erwachte Adrienne zu neuem Leben ; das war eine Art zu sein , wie sie es geträumt hatte . Alles , was Sorge , Entbehrung , Unfreundlichkeit , Langeweile hieß , schien nicht zu existiren , man hatte keine Zeit , über seelische Zustände zu grübeln , hier war nicht von Pflichten , von Selbsterziehung , von Beschränkung die Rede , all die verschiedenen Charaktere lebten in heiterster Harmonie neben und mit einander , niemand schien irgend einen lieben Eigenwillen zu opfern , und doch hatte jeder neben dem andern Platz . Seltsam , und sie und Arnold hatten nicht einmal in ihrer Einsamkeit zusammen Platz gehabt , das mußte unleugbar an Arnold gelegen haben , denn da sie hier gegen niemand anstieß , ja , im Gegenteil sich dem Kreis einfügte , als habe sie immer in demselben gelebt , so war damit erwiesen , daß ihm alle Schuld an ihrem kalten Verhältnis zuzuschreiben sei . Adrienne äußerte das einmal gegen Fanny , als diese ihre Freude aussprach , die Schwägerin so aufblühen zu sehen . » Aber , mein Kind , « sagte Fanny ernst , » die Gemeinsamkeit in einem Vergnügen ist doch ein ander Ding als die Gemeinsamkeit in einer Ehe . Die Anforderungen für die erste sind die leichtesten , die an Menschen gestellt werden können , man braucht sich bloß von seiner vorteilhaftesten Seite zu zeigen , was jeder schon aus Eitelkeit thut . Die Anforderungen für die zweite sind die schwersten , die an uns ergehen können , da sollen wir just die unvorteilhafte Seite des andern mit Demut und Liebe ertragen , was natürlich nur nöglich ist , wenn wir uns vorstellen , daß der andere ja ebenso auch unsere Unerträglichkeiten geduldig trägt . Zum Glück ist in rechten Ehen diese Erkenntnis dann die Meisterin , sie bröckelt hier und dort Schroffen ab , bis beide Charaktere glatt zusammenpassen . « Adrienne bereute sogleich , von Fanny eine solche Belehrung herausgefordert zu haben . Sie besaß jetzt in Fräulein von Grävenitz eine bessere und verständnisvollere Freundin . Das Fräulein , noch jung genug , um von der Zukunft irgend etwas Besonderes zu erwarten , und doch zu alt , um sich zu Severina oder gar zu der lustigen kleinen Frau von Dören zu gesellen , hatte alsbald in Adrienne die geeignete Zuhörerin für ihre Erinnerungen und Phantasien erkannt , die sie laut vorzutragen liebte . Sie war in jungen Jahren verlobt gewesen , der Bräutigam wurde indes vom Grafen Taiß auf Wegen betroffen , die eine Verbindung mit Lucy von Grävenitz unmöglich machten . Lucy wollte selbst den Beweisen nicht glauben , daß ihr angebeteter Arthur nur mit ihrem Vermögen den Aufwand zu bestreiten dachte , den eine berüchtigte Tänzerin in der Residenz trieb . Mit einer Zähigkeit , die bis zur Unwürdigkeit ging , hielt sie an ihm fest . Glücklicher- oder unglücklicherweise fallirte damals der Bankier der alten Frau von Grävenitz und brachte sie um den größten Teil ihres Vermögens . Augenblicklich löste Arthur seine gegen den Willen der Familie noch heimlich unterhaltenen Beziehungen zu Lucy . Diese , obschon anfangs wahrhaft trostlos , suchte später in der Literatur Trost ; das gebrochene Herz blieb ihre Spezialität , sie schrieb Romane , in welchen viel von der Knechtung der Frau , der Notwendigkeit ihrer Befreiung und der Gleichberechtigung der Geschlechter die Rede war ; jeder Held sah übrigens aus wie ihr bleicher Arthur mit dem schwarzen Vollbart ; ihre Romane hatten zur Verzweiflung des Grafen Taiß , dank einer gewissen Ueberschwenglichkeit , Schönfärberei , lebendigen Phantasie und versteckten Sinnlichkeit , viel Erfolg . Das Fräulein von Grävenitz also , die sich , nebenbei gesagt , auch zu Taiß ' Verzweiflung nicht der Mode gemäß , sondern » individuell « kleidete , das heißt in rot- oder gelbseidenen Blusen und mit einer Goldspange im schwarzen Lockenhaar einherging , während ihren Unterkörper ein weißer oder schwarzer , faltiger Seidenrock umwallte - das Fräulein hatte sich an Adrienne geschlossen , ihr ihre Märtyrergeschichte der Vergangenheit und Gegenwart erzählt und Adrienne auf den Kopf zugesagt , daß sie mit einem Manne nicht glücklich sein könne , der