» lassen Sie meine Sachen hinüberschaffen . « Und nun ging er auf die Bank zu , wo St. Arnaud und Cécile mittlerweile Platz genommen hatten . Boncoeur war mit da , lag aber diesmal nicht zur Seite , sondern in Front , in vollem Sonnenschein . Als er Gordon kommen sah , hob er einen Augenblick den Kopf , ohne sich im übrigen zu rühren . » Ah , Herr von Gordon « , sagte der Oberst . » So spät . Ich dachte , Sie wären ein Frühauf . Meine Frau hat Ihnen in den letzten zehn Minuten mindestens ebenso viele Krankheiten angedichtet . Ich wette , sie schwärmte schon in der Vorstellung einer allerchristlichsten Krankenpflege . « » Der ich mich nun rasch und undankbar entziehe . « » Wie das ? « » Ein eben erhaltenes Telegramm ruft mich fort , und ich komme , mich zu verabschieden . « Gordon sah , wie Cécile sich verfärbte . Sie bezwang sich aber , warf mit dem Schirm ein paar Steinchen in die Luft und sagte : » Sie lieben Überraschungen , Herr von Gordon . « » Nein , meine gnädigste Frau , nicht Überraschungen . Erst seit einer Stunde weiß ich davon , und es lag mir daran , über das , was nun sein muß , so schnell wie möglich hinwegzukommen . Was sag ich Ihnen noch ? Ich werde diese Tage nie vergessen und würde mich glücklich schätzen , sie früher oder später , sei ' s hier oder in Berlin oder irgend sonstwo in der Welt , wiederkehren zu sehen . « Cécile sah vor sich hin , und eine peinliche Stille folgte , bis St. Arnaud artig , aber nüchtern erwiderte : » Worin sich unsere Wünsche begegnen . « In diesem Augenblicke läutete die Glocke drüben zum zweiten Male . » Das gilt mir . Adieu , meine gnädigste Frau . Au revoir , Herr Oberst . « Und Gordon , den Hut lüftend , ging auf den Bahnhof zu , der nur durch eine hohe Hecke von der Parkwiese getrennt war . Vor einem der hier eingeschnittenen Durchgänge blieb er noch einmal stehen , verneigte sich und grüßte militärisch hinüber . Der Oberst erwiderte den Gruß in gleicher Weise , während Cécile dreimal mit dem Taschentuch winkte . Keine Minute mehr , und der Pfiff der Lokomotive schrillte durch die Luft . Boncoeur aber sprang auf und legte seinen Kopf in den Schoß der schönen Frau . Dabei schien er sagen zu wollen : » Laß ihn ziehen : ich bleibe dir und - bin treuer als er . « Siebzehntes Kapitel Gordon war allein im Coupé und nahm einen Rückwärtsplatz , um so lange wie möglich einen Blick auf die Berge zu haben , zu deren Füßen er so glückliche Tage verbracht hatte . Hundert Bilder , während er so hinstarrte , zogen an ihm vorüber , und inmitten jedes einzelnen stand die schöne Frau . Gedanken , Betrachtungen kamen und gingen , und auch der Abschiedsmoment stellte sich ihm wieder vor die Seele . » Dieser Abschied « , sprach er vor sich hin , » ich wollt ihn abkürzen , um nicht in armselige Redensarten zu verfallen , und doch war mein letztes Wort nichts andres . Auf Wiedersehen ! Alles Phrase , Lüge . Denn wie steht es damit in Wahrheit ? Ich will sie nicht wiedersehen , ich darf sie nicht wiedersehen ; ich will nicht Verwirrungen in ihr und mein Leben tragen . « Er wechselte den Platz , weil die just eine starke Biegung machende Bahn ihm den Blick auf die Berge hin entzog . Dann aber fuhr er in seiner Betrachtung fort : » Ich will sie nicht wiedersehen , so sag ich mir . Aber schließlich , warum nicht ? Sind Verwirrungen denn unausbleiblich ? Lady Windham in Delhi war nicht älter als Cécile , und ich selbst war um fünf Jahre jünger als heut , und doch waren wir Freunde . Niemals , in den nun zurückliegenden Tagen , hab ich mir im Umgange mit der liebenswürdigen Lady mißtraut und ihr selbst noch weniger . Also warum kein Wiedersehen mit Cécile ? Warum nicht Freundschaft ? Was in einer indischen Garnisonstadt möglich war , muß noch viel möglicher sein innerhalb der Zerstreuungen einer großen Residenz . Sind doch Einsamkeit und Langeweile so recht eigentlich die Gevatterinnen , die die Liebestorheit aus der Taufe heben . « Er warf die Zigarette fort , lehnte sich zurück und wiederholte : » Warum nicht wiedersehen ? « Aber er konnte weder Ruhe noch Trost aus dieser Frage schöpfen . » Ach , daß ich von der Frage nicht loskomme , das ist eben das Mißliche , das gibt die Vorwegentscheidung . Ich entsinne mich eines Rechtsanwalts , der mir einmal beim Schoppen erzählte : Wenn wer zu mir kommt und im Eintreten schon anhebt Ich habe da was geschrieben und wollte nur noch von ungefähr anfragen , ob vielleicht eine Stelle ... , so ruf ich ihm schon von weitem zu : Streichen Sie die Stelle . Sie würden mich nicht fragen , wenn Sie nicht ein schlechtes Gewissen hätten . Und daß ich immer wieder frage , warum nicht Freundschaft ? , das ist mein schlechtes Gewissen , das beweist mir , daß es nicht geht und daß ich den Gedanken daran fallenlassen muß . Cécile lebt nicht für Kränzchen und Flora-Konzerte , soviel steht fest ; ob die Natur sie so schuf oder ob das Leben sie so bildete , gilt gleich . Möglich , ja wahrscheinlich , daß sie sich zeitweilig nach Idyll und Herzensgüte sehnt , aber sie schätzt instinktiv einen jeden nach seinen Mitteln und Gaben , und ich wäre der Lächerlichkeit verfallen , wenn ich meinen Ton ihr gegenüber plötzlich auf Kunstausstellung und Tagesneuigkeiten oder gar auf den vorlesenden Freund stellen wollte . Was sie von mir erwartet , sind Umwerbungen , Dienste , Huldigungen .