lassen , das gewann nach dieser Nacht plötzlich ein sozusagen angsthaftes Interesse für mich . Andere Leute mochten es vielleicht anders nennen ; ich nannte es Gedanken , was mich auf meinen Wegen bis heute durchgängig gehindert hatte , auf die Bewegung um mich her viel zu achten . Höchstens ärgerlich hatte ich dann und wann auf- und mich umgesehen , wenn ein unvermuteter Puff und Knuff von Menschenkindern , die es stets eiliger als ich hatten , mich in meiner Neigung , mit gesenkter Nase hinzuschlendern und , offen gestanden , an sehr wenig zu denken , störte . Nun hatte sich dieses mit einem Male geändert , wenigstens für diesen Morgen . Ich ging mit geradeaus gerichteter Nase und mit Augen , die nach rechts und links und manchmal sogar einem auffälligeren Individuum nachguckten . Weißt du , wer da mit dir geht oder dir entgegenkommt ? Hast du es schriftlich , daß niemand darunter ist , dessen Erkennung im Haufen dir wichtiger sein kann als das träumerische Gespinste , in welches du deine fünf Sinne eingewickelt umherträgst ? Würdest du dich über kein zweites unvermutetes Begegnen an der Straßenecke wundern oder freuen ? Bist du wirklich so ganz allein und - auf dich allein angewiesen unter den Hunderttausenden ? Und - da stand ich schon und starrte und brachte im jähen Anhalten meinerseits diesmal eine Hemmung in den Strom der Bevölkerung und auf dem Gesichte des Nächsten hinter mir , auf dessen Zehen ich mich mit meinem Hacken niederließ , einigen Verdruß hervor . - - - Mademoiselle Martin ! Das war nicht das Gesicht , auf welches ich in dem großen Strome gepaßt hatte - Eva Sixtus sah anders aus ! - Aber das Wunder und die Verwunderung blieben die nämlichen . Ich mußte doch noch Mademoiselle Martin , unsere alte französische Sprachmeisterin von Schloß Werden , kennen ! Sie war es ! Sie war es unbedingt , und wenn auch nur , um das alte Wort zu bewahrheiten : Wenn es kommt , so kommt es in Haufen ! Ein greisenhaft , verschrumpfelt und verrunzelt , etwas phantastisch aufgeputztes Mütterchen , wackelte sie daher , und ich stand mit dem Hute in der Hand : » O Mademoiselle ! ... O Mademoiselle Martin , welches ungemein erfreuliche - « » Monsieur ? ! « Es lag eine Welt von Fragen in dem einen Wort ; und ich war imstande zu stottern : » Oh , ich bitte - Doktor Langreuter ist mein Name . « Da ging es gottlob wie ein Lächeln über das sorgenvolle Altfrauengesichtchen der ci-devant soeur ignorantine . » Je , Fritz ? ! Monsieur Frédéric Langreuter ! Ei , der Herr Doktor Langreuter ! ! Aber , en vérité , das nenne ich freilich ein recht erfreuliches Zusammentreffen . Haben Sie mich wiedererkannt , Fritz - Herr Doktor ? O dieses unvermutete Wiederfinden freut mich ebenfalls sehr . « » Und Sie kennen mich auch noch , Mademoiselle ? Und gestern mittag - o Mademoiselle , welche Wunder können doch noch in dieser Welt geschehen ! ... Gestern der Vetter Just und nun Sie , Fräulein Martin ! Und Sie haben sich so wenig verändert , daß auch das ein neues Wunder ist , Mademoiselle . « » Geben Sie mir Ihren Arm , monsieur . Durch ein paar Straßen müssen wir sans condition miteinander gehen . Schmeicheln will ich Ihnen nicht : Sie haben sich sehr verändert , M. Langreuter , und hätten Sie mich nicht angerufen , so würde ich Sie wahrscheinlich nicht wiedererkannt haben . « Wir paßten ganz zueinander : ich , der mittelalterliche Quellenforscher , und das melancholische , geputzte Mütterchen an meiner Seite . Durch ein heiteres Wesen hatte sich Mamsell Martin wohl nie hervorgetan ; aber nun hatten die Jahre und die Erlebnisse wie immer dichter sich übereinanderschiebendes Gewölk das letzte Licht in ihren Altjungfernzügen ausgelöscht . Ich hatte sie vorsichtig zu führen , denn ihr Schritt gehörte nicht mehr zu den festesten . Wir gingen langsam , und auch das war sehr nötig . » Ich habe es gestern von einem guten , alten Freunde vernommen , daß Gräfin Irene jetzt hier ihren Aufenthaltsort genommen hat , Mademoiselle . Ich habe viel erfahren seit gestern , Mademoiselle , und vieles , was ich eigentlich ebensogut , wo nicht besser als jener treue , wackere Freund wissen müßte . Nun gehe ich plötzlich auch mit Ihnen hier - « » Ja , wir wohnen seit einigen Wochen in Berlin , Herr Fritz Herr Doktor . Durch wen aber wissen Sie das auch - seit gestern ? « » Durch den Vetter Just . « Nun sah man wieder einmal recht deutlich , daß sowohl der Dichter des Textes zum » Freischütz « sowie der Komponist und alle weisen und melodischen und poetischen Männer , die das nämliche vor ihnen in Versen oder Prosa oder Noten angemerkt , das Richtige getroffen hatten . » Ob auch die Wolke sie verhülle , die Sonne bleibt am Himmelszelt ! « Wie ein Sonnenstrahl ging es über die gelbe , faltenreiche Stirn , wie freudiges Leuchten zuckte es aus den schwarzen Augen der alten soeur ignorantine . » Oh , monsieur , monsieur ! Der Vetter Just ! O wohl , monsieur Just Everstein ! Ja , der hat uns gefunden und hat uns eine Visite gemacht , und wir waren so glücklich , ihn zu sehen ! Und er hat bei uns gesessen stundenlang und von der alten Zeit gesprochen ! Und er hat unser Kind in seinen guten Armen in den Schlaf getragen ! Die Komtesse hat geweint , als er weggegangen ist , aber diesmal vor Freuden . Nicht weil er gegangen ist , sondern weil er versprochen hat , immer wieder zu uns zu kommen , zu uns und unserem armen Kinde . Und er ist wiedergekommen und hat wieder mit uns von der alten Zeit und dem Herrn Grafen und dem lieben ,