ihm unablässig über die Wangen , er empfand es kaum . Es war ihm dumpf im Hirn und weh im Herzen , sehr weh . Er mochte nicht heimgehen , noch minder zum Meister . So schlich er denn zum Städtchen hinaus an eine einsame Stelle und warf sich da ins rote Heidekraut nieder und weinte sein Weh aus . Er weinte nur um den armen Freund . Erst als er ruhiger geworden , kam ihm der Gedanke an sich selbst und wie er nun ohne Führer und Lehrer dastehe . Aber da weinte er nicht mehr , ruhig und gefaßt grübelte er darüber nach , was er nun beginnen müsse . Erst am Abend kam er heim . Die Mutter erschrak , als sie ihn sah . » Was fehlt dir ? « rief sie . » Du bist totenblaß ? « » Es ist nichts « , wehrte er ab , » ein bißchen Kopfweh . Morgen früh bin ich wieder ganz gesund - ich verspreche es dir . « Dieses Versprechen hielt er auch . Still und ruhig ging er am nächsten Morgen an die Arbeit . Er hatte seinen Entschluß gefaßt . » Ich kann Deutsch lesen , schreiben und sprechen « , sagte er sich . » Was mir fehlt , sind Bücher . Kann ich mir die auftreiben , so bleib ' ich . Ich werd ' mir schon selbst weiterhelfen . « Und er grübelte darüber nach , wie er sich Bücher verschaffen könne . Es hatte dies große Schwierigkeiten , denn nur wenige Leute in Barnow hatten deutsche Bücher . Der Stadtarzt stand im Rufe großer Menschenliebe , und Schlome Grünstein war ein sanfter , gütiger Mensch - » aber « , fürchtete Sender , » vielleicht halten sie mein Streben für töricht oder sündhaft und verraten mich doch . « Ein anderer Weg dünkte ihm sicherer und klüger . Die einzige große Bibliothek des Städtchens , ja des Kreises , fand sich im Kloster der Dominikaner . Sie stammte aus einstigen Tagen , da der Orden noch sehr reich gewesen und sich diesen Luxus erlauben konnte . Auch deutsche Bücher gab es da , sogar auffallend viele , und darunter solche , die man wahrlich in einer gottgeheiligten Bücherei nicht vermutet hätte . Es hatte dies seine eigene , sonderbare Bewandtnis . Als das Land unter österreichische Herrschaft gekommen , da war die kluge k.k. Militärverwaltung , die im Namen und Geiste Kaiser Josephs das Land organisierte , mit Eifer und Glück beflissen gewesen , in jedes Kloster , welches man nicht aufheben wollte oder konnte , doch mindestens zwei Patres aus den deutschen Erblanden zu bringen . Und wo es nur irgend anging , wurde einer von ihnen zum Prior gemacht . Es geschah dies aus leichtbegreiflichen Gründen . Die Interessen des deutschen Priesters waren von denen der Regierung in dem eben gewonnenen Lande nicht verschieden . So war auch im letzten Jahrzehnt des achtzehnten Säkulums ein kluges , behäbiges Mönchlein aus dem Breisgau , Pater Stephanus , Prior zu Barnow geworden und blieb an die vierzig Jahre da . Aber so sanft und leicht er auch sich und den Brüdern das Joch des gottgefälligen Berufs auflud , er fühlte sich doch nie recht wohl im fremden Lande und ließ sich darum als Tröster mindestens aus der Heimat so viele deutsche Bücher kommen , als der Klostersäckel nur immer bezahlen konnte . Der gute Stephanus las gern ein gutes Buch und stapelte die Klassiker in langer Reihe auf , aber fast noch lieber mag der dicke , fromme Herr schlechte Bücher gelesen haben , sofern sie nur sehr amüsant waren . Als die Patres nach seinem Tode die Bibliothek inventierten , entsetzten sie sich nicht wenig und lasen im frommen Schreck jedes solche Buch mehrere Male . Dann aber kam der sonderbare Schatz allmählich in Vergessenheit und im währenden Zeitenlauf legte sich auch über die Bücher des Stephanus dieselbe Staubdecke , welche die schweren , frommen Folianten bedeckte . Denn das Kloster verarmte immer mehr , die Brüder rekrutierten sich aus immer niedrigeren Ständen , und so fanden sich schließlich nur noch mit Mühe die Lehrkräfte für die Klosterschule , obwohl da wahrlich nur sehr schlichte Weisheit vorgetragen wurde . Die Bibliothek stand verödet und außer den Spinnen und Mäusen waltete nur noch ein einziger Mann in den beiden hohen , düsteren Sälen . Das war der einstige Meier und jetzige Hausverweser das Klosters , Fedko Hayduk , jener alte , schweigsame Mann , dem einst der kleine » Senderko « so gut gefallen hatte . Er sorgte seinem Auftrage gemäß dafür , » daß nichts wegkomme « , aber er hielt sich nicht für verpflichtet , entgegenzuwirken , wenn sich das Vorhandene mehrte . Und so ward die Staubdecke immer dichter , die Zahl der Mäuse immer stattlicher . Auf den Fedko nun setzte Sender seine Hoffnung oder vielmehr nur auf die schöne , kupferige Nase des Mannes . Er wußte von dem vermodernden Bücherschatze im Kloster , wie jedes Kind in Barnow , und wußte auch , daß es nur von Fedko abhänge , ihm den Zugang zu verschaffen . » Ein Mann « , dachte er , » der eine solche Nase im Gesichte trägt , wird wohl nicht unbarmherzig sein , wenn man sich ihm mit freundlichen Worten und gutem Schnapse nähert . « Und diese Probe wagte er denn auch schon in den nächsten Tagen . Da suchte er den Alten in seiner Stammkneipe auf . Fedko saß in derselben Ecke , wo er seit manchem Jahr zu sitzen pflegte , und trank still und lächelte stumm vor sich hin . Er war ein einsamer Zecher und überflüssiger Rede fast so abhold wie dem Wasser , sofern es nicht gebrannt war . » Ei guten Tag , lieber Fedko « , begann Sender freundlich , indes ihm das Herz vor banger Erregung wie ein Hammer schlug , » täglich jünger , auf Ehre , täglich