geflügelten Pferde zu denken , weil es die erste Aufgabe aller Poesie ist , das platt Alltägliche hinter sich zu lassen ; und nun frag ich Sie , teuerster Pastor , auf welchem Pferde , geflügelt oder nicht , sind Sie imstande sich unsern Schmidt von Werneuchen vorzustellen ? Ist es vielleicht der weiße königliche Zelter , Mit Federbüschen bunt im Winde flatternd , Die Brust , wie Schnee , mit blauem Schleier schmückend ? « » Nein , liebe Renate « , antwortete Seidentopf , » dieser weiße königliche Zelter ist es sicherlich nicht . Die Kreuzzugs-Jahrhunderte , die drüben bei den Ziebinger Freunden fast nur noch Geltung haben , sind nicht das Zeitalter unseres einfachen und , wie nicht bestritten werden soll , an Haus und Hof gebundenen Schmidt : er ist ganz Gegenwart , ganz Genre , ganz Mark . Er ist so unromantisch wie möglich , aber er ist doch ein Dichter . « » Das ist er « , fiel jetzt der Dolgeliner Pastor ein , zu dessen kleinen Eitelkeiten es gehörte , seine Bekanntschaft mit dem Werneuchener Amtsbruder ins rechte Licht zu stellen . Außerdem hatte er den Wunsch , doch endlich auch seinerseits in den Gang der Unterhaltung einzugreifen , und der rechte Augenblick dafür schien ihm gekommen . » Unser viel angefochtener Freund « , fuhr er fort , » ist ein Poet trotz einem ; aber ich sehe wohl , unser Fräulein Renate hat zuviel da drüben nach Frankfurt hin verkehrt und ist aus der Barnimer Schule , die so recht eigentlich eine brandenburgische Schule ist , in die neue Lebuser übergegangen , wo sie nur noch spanische Stücke lesen und mit dem Herrn Tieck einen Götzendienst treiben , als hätt es vor seiner mondbeglänzten Zaubernacht noch gar keine Dichtung und noch gar keinen rechten Mond gegeben . Und dieser Hochmut reizt mich , und wiewohlen Dolgelin ein alt-lebusisches Dorf ist , so steh ich doch in dieser Dichterfehde ganz auf seiten von Nieder-Barnim , und wenn sie mir sagen wollen , daß noch nie so Schönes gedichtet worden ist wie : Ihr kleinen goldnen Sterne , Ihr bleibt mir ewig ferne , was sie jetzt auf allen Leiern spielen , so sag ich : nein , ihr Herren , euer Geschmack ist nicht mein Geschmack , und es fällt mir ganz anders auf die Sinne , wenn unser Werneuchner Freund in seiner drallen Dichterweise anhebt : Auf seinem Waldhorn bläst des Dorfes Hägereiter , Die Paare treten an , die Augen werden heiter , Des Amtmanns Schreiber kommt , die Bauern rufen : Tusch , Fort mit den Tischen , itzt beginnt der Kiekebusch ! Das nenn ich Sprache . Ich sehe den Bräutigam mit der rotkalmankenen Weste und höre , wie sie mit den Hacken zusammenschlagen . Da ist echtes Gold drin , gegen das sich die kleinen goldnen Sterne verstecken können . « Turgany lachte herzlich . Im übrigen trat eine kleine Verlegenheitspause ein , die Seidentopf endlich - mit geflissentlicher Umgebung des ganzen Intermezzos , als welches die Dolgeliner Verteidigungsrede anzusehen war - unterbrach , indem er sich an seine schöne Widersacherin wendete : » Sie unterschätzen ihn , liebe Renate , wie so viele mit Ihnen tun . Vielleicht , daß ich meinerseits in den entgegengesetzten Fehler verfalle , weil ich die Vorzüge seines Herzens auch in seinen Dichtungen wiederfinde . Man muß ihn eben kennen . « » Nun , so lassen Sie uns an Ihrer Kenntnis teilnehmen , erzählen Sie von ihm . « » Das muß Turgany tun « , fuhr der Pastor fort , » er hat die Gabe eindringlicher Schilderung , er kennt ihn , er schätzt ihn auch , wenn ich mich früherer Gespräche recht entsinne . « Turgany machte zunächst eine ablehnende Handbewegung und setzte dann erklärend hinzu : » Lieber Seidentopf , es muß eine Verwechselung vorliegen , vielleicht mit deinem Amtsbruder Pastor Zabel , den wir soeben in dankbarer Erinnerung an die rotkalmankene Weste sich enthusiasmieren sahen . An ihn wäre dein Appell in der Ordnung gewesen . « Aber diese Ablehnung , wie vorauszusehen , war umsonst ; alles drang in Turgany , der endlich , wohl oder übel , dem allgemeinen Wunsche nachgeben mußte . Vielleicht nicht ungern . Denn er tat nichts lieber als medisieren . » Nun denn « , so hob er an , » Sie wissen alle , daß unser Werneuchener Freund ein Prediger und Dichter ist , aber was Sie vielleicht nicht wissen und was so recht eigentlich den Schlüssel zum Verständnis seiner Dichtungen bildet , das ist das , daß er auch Gatte und Vater ist . Die Kanzel steht ihm nahe , aber die Wiege steht ihm näher . Sein Haus ist eine Kinderstube oder , wie es hierlandes heißt : mehr Quarre als Pfarre . Versteht sich , ist er kreuzbrav . Er züchtet Bienen und Blumen und lädt seine Gäste statt in Prosa in Versen , meist in Sonetten , ein . Er ist bescheiden und selbstbewußt , nachgiebig und eigensinnig , harmlos und schlau , in summa ein Märker . Nicht zufrieden damit , für sein eigen Teil der Pastor Schmidt von Werneuchen zu sein , ist sein bester Freund auch noch der Pastor Schultze von Döbritz . Nomen et omen . Er raucht aus langer Pfeife und trägt Käppsel und Schlafrock , und wenn er den letztern ausnahmsweise nicht trägt , so macht er den Eindruck , als trüge er zwei . Unter seinen Dichtungen hat mir die kleine Gruppe , die die Überschrift aufweist : Lieder für Landmädchen , abends beim Melken zu singen , immer den größten Eindruck gemacht . In einer angefügten Notiz findet sich nämlich die Bemerkung , daß er sie gedichtet habe , um verschlafene Milchmädchen beim Melken wach zu erhalten . Ich bezweifle , daß er seinen Zweck erreicht hat . « Seidentopf mühte sich , einen kleinen Unwillen zu zeigen . » Das führt uns nicht weiter