gezogen worden . Meister Fabers Schülerin hatte denn auch im Setzen von Schröpfköpfen und anderweitigen weniger schicklich auszusprechenden Ableitungen zum erstenmal in einem Grafenschlosse eine glänzende Probe abgelegt und hohe Patientin - schneller denn je von ihrer Bedrängnis erlöst - der Helferin den Antrag gestellt , gegen standesmäßiges Salär den Winter auf Reckenburg zuzubringen . - Die treue Seele opferte ohne Bedenken diesem zweifelhaften Anerbieten ihre sichere heimische Kundschaft . Ihre Augen funkelten . Sie fühlte sich als Mittelsperson , um ihre stolzesten Traumgesichte zu verwirklichen . » Denn unter solcherlei Prozeduren kommt ein Mensch zur Räson und wird weich wie Wachs . « So sollte es mir denn auch an einem gemütlichen Austausch nicht fehlen , und noch ein anderer wesentlicher Vorteil stellte sich bald genug heraus . Das der wichtigen Leibwärterin im Seitenbau angewiesene Zimmer grenzte an das meine ; es wurde erleuchtet und geheizt ; ich konnte mich in demselben , nach Absperrung der gräflichen Zone , noch ein paar Stunden ad libitum beschäftigen und brauchte nicht mehr mit den Hühnern zu Bett zu gehen . Das Menü des Diners beschränkte sich keineswegs auf die abendliche Grütze . Heute zum Beispiel gab es , nach einer trefflichen Brühe , ein Hühnchen , das bis auf einen geringen Brustbissen auf meinen Anteil fiel . Zum Nachtisch Äpfel , für die Gräfin gebraten , für mich roh . Es wurde auch Wein aufgestellt . Die alte Dame vertrug aber keine Spirituosen , und von der jungen setzte man voraus , daß sie sie nicht vertrug . Die Flaschen wurden daher unentkorkt abgetragen , um am anderen Tage unentkorkt wieder aufgetragen zu werden , und es ist immerhin möglich , daß es die nämlichen gewesen sind , welche auf der ersten und letzten gräflichen Tafel ihre Rolle spielten . Auch die Zeit des Mahles wurde nicht so knapp gemessen wie die beim Souper ; vielleicht weil es keine Wachskerzen zu löschen galt . Wir saßen wohl noch ein Stündchen uns beim Eichelkaffee gegenüber ; und ich machte mit der Schilderung meines Flurganges einen guten Effekt . » Du hast scharfe Reckenburger Augen , « sagte die Gräfin . » Halte sie offen und berichte mir ehrlich , was du bemerkst . « Mit diesen Worten war das Amt meiner Zukunft eingeleitet : scharf zusehen und ehrlich Bericht erstatten ; dazu im Verlauf die mündliche Vermittelung der Anordnungen und Ausführungen zwischen Turm und Flur , das ist der Inhalt meiner langen landwirtschaftlichen Lehrzeit auf Reckenburg . » Indessen « , so fuhr die Gräfin nach einer Pause fort , » die Zeit für das Freie wird kürzer ; und manche häusliche Stunde möchte dir einsam vorkommen , Eberhardine . Tröste dich damit , daß die Heimat dir mindestens nichts Schicklicheres geboten haben würde . Für die Saison in Dresden sind deine Eltern zu arm , und die geselligen Allüren einer kleinen Stadt würden dich nur verstimmen . Besser einsam sein , als falsch placiert . Im übrigen möchte ich dir selber unter jener bescheidenen Sozietät einen Sukzeß nicht verbürgen , und welchen Genuß gewährt die Gesellschaft mit Ausnahme des Sukzeß ? - Liest du gern , Eberhardine ? « Ich bekannte , daß ich noch gar nichts gelesen , mir die Freiheit zum Lesen aber längst gewünscht habe . » So benutze die Schloßbibliothek , « versetzte die Gräfin . » Sie enthält das Lesenswerte bis um die Mitte des Jahrhunderts . Ich selbst habe nicht den Sinn mehr für Lektüre , auch nicht die Zeit . Schone die Einbände und stelle die Bücher regelmäßig wieder an ihren Platz . Die Ordnung darf nicht gestört werden . Der Katalog macht die Auswahl leicht . Stößt du auf Romane : dir schaden sie nicht . Au contraire ! Verlangst du Neueres oder Deutsches , so wende dich an den Prediger . Persönlich kenne ich ihn nicht , nach seinen Eingaben jedoch scheint er - ein wenig Phantast - aber ein instruierter Mann . Suche ihn auf , halte dich an ihn . In dir ist kein Boden für philanthropische Phantasmen ; zur Betrachtung haben sie immerhin ihren Wert . « So war es denn auch noch ein zweiter Lebensborn , der sich in Reckenburg für mich erschloß , wenn mir auch nicht die natürliche Befriedigung des ersten aus ihm entgegenquoll . In der Bibliothek fand ich - außer genealogischen und heraldischen Sammlungen , die ich unberührt ließ , und Italienern , die ich nicht verstand - zwar lediglich Franzosen , aber das , was eine große Nation in ihrer größten Epoche hervorgebracht hat , würde schon hingereicht haben , eine junge , durstige Seele für lange Zeit zu stillen . Und dazu trat nun noch von vornherein der Pfarrer mit seinen geliebten jungen Deutschen . Am Sonntagmorgen hörte ich ihn predigen , und am Nachmittag klopfte ich an seine Tür . Ich war ein Kind an Lebenserfahrung und aus einem härteren Stoffe geformt als er . Gleichwohl brachte ich schon aus dieser ersten Begegnung in Amt und Haus das bedrückende Vorgefühl einer verfehlten Existenz . Je länger ich ihn aber im Dienste einer leiblich und geistig verwilderten Gemeinde kennen lernte , den milden , sinnvollen Menschen und Christen , dessen Grundneigung auf ein edles Maß und harmonische Bildungen gestellt war , unverstanden , ungeliebt , die liebenswerteste und liebevollste Natur , um so lebhafter fühlte ich in seiner Nähe buchstäblich ein körperliches Weh , und so viel ich persönlich an ihm verlor , ich fand keine Ruhe , bis ich ihn an einen Platz gestellt wußte , wo seine Lehre und sein Vorbild in empfänglicheren Gemütern zünden durften . Und nun zählt zu des Priesters verhallendem Wort die jammervoll leere Hand des Menschenfreundes . Einer , der nur geben , immer geben , unberechnet hätte geben mögen , und der sich mit einer bettelarmen Gemeinde um magere Zinshähne und karge Beichtgroschen streiten mußte , wenn er nur das Dürftigste zu geben haben wollte . Zählt dazu endlich den Mangel eines häuslichen Herdes