Schweigen beschämt , daß sie sich hatte hinreißen lassen , denn sie bat plötzlich mit gänzlich veränderter Stimme , einen Stuhl zu nehmen und ihr ein wenig Gesellschaft zu leisten . In diesem Augenblicke wurde die thür heftig aufgestoßen , und eine weibliche Gestalt erschien auf der Schwelle . Es kostete Elisabeth Mühe sich zu überzeugen , daß diese Erscheinung in äußerst vernachlässigter Toilette , und alle Zeichen großer Aufregung an sich tragend , die Baronin Lessen war . Das spärliche , sonst stets mit peinlicher Sorgfalt geordnete Haar fiel aus einer Morgenhaube auf die Stirn , die gewöhnlich so blaß und elfenbeinartig jetzt eine dunkle Röte überflammte . Aus den Augen war das stereotype stolze Selbstbewußtsein gewichen , und wie unbedeutend erschienen sie jetzt , als sie scheu und erschreckt in das Zimmer blickten ! » Ach , Helene ! « rief sie angstvoll , ohne Elisabeth zu bemerken , und mit ungewohnt raschen Schritten ihre korpulente Gestalt vorwärts bewegend , » Rudolf hat soeben den unglücklichen Linke auf sein Zimmer befohlen ... Er wütet und tobt so laut gegen den armen Menschen , daß es über den Hof bis in mein Schlafzimmer schallt ... Gott , ich fühle mich so elend ... der heutige Morgen hat mich so angegriffen , daß ich mich kaum auf den Füßen halten kann ; aber ich konnte die Ungerechtigkeit nicht länger mit anhören und flüchtete hierher ... Und diese feilen Seelen , diese Dienerschaft , die während Rudolfs Abwesenheit nicht mit den Augen zu blinzeln gewagt , da steht sie frech unter den Fenstern und belacht schadenfroh das Unglück , was über einen treuen Diener hereinbricht ... Es stürzt alles zusammen , was ich mühsam im Dienste des Herrn und zum Heil des Hauses aufgerichtet habe ... Und daß Emil gerade in Odenberg sein muß ! Wie beklagenswert und verlassen sind wir , teure Helene ! « Sie schlang ihre Arme um den Hals der jungen Dame , die sich bestürzt und leichenblaß erhoben hatte . Diesen Moment benützte Elisabeth , um aus dem Zimmer zu schlüpfen . Als sie den Korridor betrat , der in das Vestibül mündete , schallte ihr lautes Sprechen entgegen . Es war eine tiefe , klangreiche Männerstimme , welche sich dann und wann in heftiger Erregung steigerte , nie aber , selbst im höchsten Affekt , eine Spur von Schärfe annahm . Obgleich sie kein Wort verstehen konnte , so bebte sie doch schon bei dem Klange der Stimme ; es lag etwas Unerbittliches , Eisernes in der Art und Weise , wie die einzelnen Sätze markiert wurden . Der Schall in dem langen Korridor täuschte . Elisabeth wußte nicht , von welcher Seite die Stimme kam , und lief deshalb vorwärts , um schneller ins Freie gelangen zu können . Aber schon nach wenig Schritten hörte sie , als stände sie neben dem Sprechenden , die Worte : » Sie verlassen Lindhof bis morgen abend . « » Gnädiger Herr - « wurde geantwortet . » Es ist mein letztes Wort , gehen Sie ! « klang es gebieterisch , und in demselben Augenblick sah sich Elisabeth zu ihrem Schrecken neben einer weit offenen Flügelthür . Eine hohe Männergestalt stand , die linke Hand auf den Rücken gelegt und mit der rechten auf die Thür zeigend , mitten im Zimmer . Ein Paar sprühende dunkle Augen begegneten ihrem Blicke , den sie tief betroffen abwandte , indem sie schnell nach dem Vestibül und hinaus in den Garten eilte ... Ihr war , als verfolge sie dieser Blick , aus dem eine empörte Seele flammte , und treibe sie rastlos weiter . Als die Familie Ferber beim Abendbrote zusammensaß , erzählte der Vater lebhaft angeregt , daß er heute im Forsthause die Bekanntschaft des Herrn von Walde gemacht habe . » Nun , und wie hat er dir gefallen ? « fragte seine Frau . » Ja , das ist eine Frage , liebes Kind , die ich dir vielleicht erst in einem Jahre beantworten könnte , vorausgesetzt , daß ich täglich Gelegenheit hätte , mit dem Gutsherrn zu verkehren , und da fragt es sich noch sehr , ob ich wirklich im stande sein würde , ein Endurteil zusammenzufassen ... Mir ist der Mann dadurch interessant geworden , daß man fortwährend angeregt wird , darüber nachzudenken , ob er das wirklich ist , was er scheint , nämlich eine völlig kalte , leidenschaftslose Natur ... Er kam zu meinem Bruder , um näheres über den Vorfall zwischen seinem Verwalter und der armen Taglöhnerswitwe zu hören , weil man ihm irrigerweise gesagt hatte , daß Sabine die Mißhandlung selbst mit angesehen hätte . Sie wurde hereingerufen und mußte erzählen , wie sie die Schneider gefunden habe . Er fragte nach dem kleinsten Umstande , aber immer kurz , bestimmt . Welchen Eindruck Sabines Bericht ihm machte , darüber blieb man völlig im Dunkeln , so undurchdringlich war sein Blick ; nicht die leiseste Bewegung in seinen Zügen verriet die Richtung seiner Gedanken ... Er kommt direkt aus Spanien . Aus den wenigen Aeußerungen , zu denen er sich herabließ , konnte man entnehmen , daß ihm brieflich durch irgend einen Freund das Unwesen auf seinem Gute mitgeteilt worden war , worauf er sofort die Rückreise nach Thüringen angetreten hatte . « » Und seine äußere Erscheinung ? « fragte Frau Ferber . » Gefällt mir , obgleich mir so viel Zurückweisung und Unnahbarkeit in Haltung und Bewegung fast noch nie bei einem Menschen vorgekommen ist . Ich begreife vollkommen , daß man ihn für unbegrenzt hochmütig hält , und doch kann ich mir anderseits wieder nicht einreden , daß hinter den merkwürdig geistvollen Gesichtszügen ein so thörichter Wahn Grund und boden habe . Sein Gesicht hat stets den Ausdruck kalter Ruhe , dessen ich gedachte ; nur zwischen den Augenbrauen liegt ein , ich möchte sagen , unbewachter Zug ; der flüchtige Beobachter würde ihn höchst wahrscheinlich finster nennen , ich aber finde ihn melancholisch schwermütig