nicht minder schönen , aber blaß und kränklich aussehenden Knaben von etwa zwölf Jahren , und eines alten Mannes , der sich durch einen eisgrauen Schnurrbart und eine martialische Haltung auszeichnete und halb der Freund , halb der Diener der Dame zu sein schien . Die Dame war im Sommer desselben Jahres - damals ohne den Knaben - mehrere Wochen lang in Fichtenau gewesen , um ihren Gemahl , der sich seit sieben Jahren in Doctor Birkenhains Heilanstalt befand , dem Tode entgegensiechen und endlich sterben zu sehen , und ihr trauriges Schicksal nicht minder als ihre unendliche Güte und Milde gegen Jedermann , besonders gegen Kranke und Arme , hatten ihr die Liebe und Verehrung der Einwohner des Städtchens in so hohem Grade erworben , daß man noch jetzt in mehr als einer Familie das Andenken der » guten Frau « dankbar segnete . Aber auch dieses Mal schien keine freudige Veranlassung die Dame nach Fichtenau geführt zu haben , denn sie war kaum von dem Wirth selbst unter vielen Bücklingen und Complimenten in den Salon der Bel-Etage geführt worden und hatte sich in demselben und in den zwei links daran stoßenden Zimmern - das Zimmer rechts konnte der gnädigen Frau leider nicht sofort eingeräumt werden , da es noch von einem Reisenden bewohnt sei , der aber jedenfalls nur bis morgen bleibe , - mit Hülfe des alten Dieners einquartiert und den Knaben , der von der Reise sehr angegriffen war , zu Bett gebracht , als sie sich hinsetzte und einige Zeilen an Doctor Birkenhain schrieb , mit denen sich der alte Diener in Begleitung des Hausknechts sogleich auf den Weg nach der Heilanstalt machte . Nach einer Stunde war Doctor Birkenhain , den alten Diener neben sich , in seinem Einspänner vor dem Curhause vorgefahren , war zu der Dame in den Salon gegangen und hatte eine lange Unterredung mit ihr gehabt , die wohl nicht sehr erfreulichen Inhalts gewesen sein konnte , denn Jean , der Zimmerkellner , hatte , als er den Thee in den Salon brachte , gesehen , daß die gnädige Frau geweint und sich bei seinem Eintritt die Augen getrocknet hatte . Doctor Birkenhain war nach dieser Unterredung noch einmal an das Bett des schlafenden Knaben getreten , hatte ihm die Hand auf das Herz gelegt , sich dann über ihn gebeugt , und , das Ohr auf die entblößte Brust drückend , längere Zeit gehorcht , dann hatte er sich wieder aufgerichtet , den Schläfer sorgsam zugedeckt , ihm das volle lockige Haar aus der bleichen feinen Stirn gestrichen und sich mit einem Lächeln auf den Lippen , das die strengen ernsten Züge des Mannes eigenthümlich verklärte , zu der Dame gewandt , die , das Licht in der Hand , mit dem gespannten Ausdrucke schmerzlicher Ungewißheit in dem lieben schönen Gesicht dagestanden hatte und den Arzt jetzt ängstlich fragend ansah . Beruhigen Sie sich , gnädige Frau ! sagte er , ich kann mich allerdings noch nicht mit Gewißheit aussprechen , aber was ich bis jetzt beobachtet habe , flößt mir die beste Hoffnung ein , daß es mit unserem kleinen Patienten nicht so schlecht steht , als meine Grünwalder Herren Collegen angenommen haben . Ein Freudenstrahl erhellte das Gesicht der Dame , ihre großen dunklen Augen füllten sich mit Thränen . Doctor Birkenhain nahm ihr das Licht aus der Hand und geleitete sie in den Salon zurück . Ich komme morgen früh wieder , sagte er , indem er Hut und Stock nahm ; lassen Sie , wenn es Sie beruhigt , den alten Baumann bei Julius wachen . Sie selbst legen sich zeitig zu Bett und nehmen eins von diesen Pulvern . Sie sind sehr angegriffen und bedürfen der Ruhe . Bleiben Sie noch einen Augenblick , Doctor ! sagte die Dame . Ich muß Sie noch etwas fragen . Ihre Züge verriethen eine große Erregung ; ihr Busen hob und senkte sich unruhig ; sie schien einen Gedanken aussprechen zu wollen , der ihr zu fürchterlich war , als daß sie ihn hätte in Worte kleiden können . Doctor Birkenhain legte Hut und Stock wieder auf den Stuhl . Setzen Sie sich , gnädige Frau ; sagte er , wieder neben ihr auf dem Sopha Platz nehmend . Ich weiß , was Sie mich fragen wollen ; ich habe diese Frage schon den ganzen Abend in Ihren angstvollen Augen , auf Ihren zitternden Lippen gelesen . - Sie glauben nicht an die Herzkrankheit , welche die Grünwalder Aerzte diagnosticirt haben ; wenn Sie daran glaubten , wären Sie , so hoch Sie auch von meinen geringen Erfahrungen und Kenntnissen denken mögen , doch nicht gerade zu mir gekommen . Sie glauben , daß das Uebel tiefer liegt , daß es - mit einem Worte - ein erbliches Uebel , der erste Keim , der Beginn einer Krankheit ist , die schon einmal für Sie so verhängnißvoll geworden . Habe ich recht ? Die Antwort der Dame war ein Strom von Thränen , der wie eine lange zurückgehaltene Fluth unwiderstehlich aus ihren Augen brach . Sie drückte schluchzend ihr Taschentuch gegen das Gesicht . Liebe gnädige Frau , sagte der Arzt , die Hand der Weinenden ergreifend ; ich bitte , ich beschwöre Sie , beruhigen Sie sich . Es ist , so viel ich aus dem schriftlichen Bericht meiner Collegen , aus Ihren eigenen Worten und aus meiner Beobachtung urtheilen kann , auch nicht der mindeste Grund vorhanden , der Ihren schrecklichen Verdacht bestätigte . Der Wahnsinn ist erblich , ja ; er pflanzt sich viele Generationen fort , bald hier , bald dort , oft nach langen Zwischenräumen wieder auftauchend , aber in der Familie Ihres Gemahls ist erwiesenermaßen der Fall Herrn von Berkows der erste , so lange die Familie existirt , d.h. seit Jahrhunderten . Und dieser Ausnahmefall hatte seine besonderen , sehr traurigen Ursachen , die sich nur auf das betreffende Individuum beziehen , und sich in ihren Wirkungen nur an diesem