war . « » Sind Sie denn ein Christ , Herr Ernest ? « » Wofür halten Sie mich denn ? « fragte er höchst erstaunt . » Für einen Papisten , « entgegnete sie unbefangen . Ernest brach in ein schallendes Gelächter aus . Judith sah ihn verwundert an und setzte hinzu : » Ich habe gehört , das sei eine Sekte , die ihr Oberhaupt , den Papst , anbete und mit dem Christentume , aus dem sie hervorgegangen ist , nichts mehr zu schaffen hätte ; und Christen wären nur die , welche vom Papst , als dem Antichrist , nichts wissen wollten . Da ich nun mit den Christen nichts zu tun haben mag , so war es mir sehr angenehm , in Ihnen einen Papisten zu finden . Jetzt bin ich enttäuscht . « Ernest lachte dermaßen , daß er die Hände in die Seiten stemmte und sich erschöpft niedersetzte . » Werd ' ich endlich erfahren , worüber Sie lachen ? « fragte Judith halb lächelnd und halb unmutig . » Es wäre zu weitläufig , Ihnen das zu erklären , « sagte endlich Ernest , » und trotz aller Mühe würden Sie mich doch nicht verstehen . Aber nicht wahr , jene Erklärung , was das sei , ein Papist , hat Ihnen jemand gegeben , der sich selbst Christ nannte ? « Judith wurde noch bleicher als ihr farbloses Gesicht schon war , und erwiderte : » Ich habe es von einer anderen Person in Paris gehört ; denn ich meinesteils bekümmere mich durchaus nicht weiter um die Christen , als insofern es die gesellschaftlichen Verhältnisse meiner Eltern erfordern - und ob sie an den Papst oder an sonst etwas glauben - das ist mir ganz einerlei , und ich spreche nie mit ihnen darüber . « » In letzterem haben Sie vollkommen recht ! Der Glaube will nicht im Salon zwischen einer Tasse Tee und einer Schale Gefrorenem besprochen werden . Er will gelebt sein , Fräulein Judith , gelebt im Salon wie im Dachstübchen , gelebt in der Kirche wie auf dem Markte « » Erzählen Sie mir lieber von den Sibyllen , Herr Ernest ! das freut mich mehr , « sagte Judith und heftete ihr dunkles Auge sinnend auf das Gemälde . » Die Sage spricht , daß die Sibylle von Cumä zum Beherrscher der alten Roma , zum König Tarquinius kam und ihm ihre prophetischen Schriften über Roms Geschicke um einen ungeheuren Preis anbot . Der König wollte ihn nicht zahlen ; da warf die Sibylle drei ihrer Bücher ins Feuer und ging von dannen . Nach einiger Zeit kam sie wieder und bot dem König ihre um drei Bücher verminderten Schriften , aber für denselben ungeheuren Preis an . Der König fand das unsinnig und wies sie ab ; da warf die Sibylle abermals drei Bücher ins Feuer und ging von dannen . Und zum drittenmale erschien sie vor König Tarquinius und forderte für ihre drei letzten Bücher den ungeminderten , ungeheuren Preis . Da kaufte sie der König und sie wurden auf dem Kapitol niedergelegt ; und Tag für Tag war darin verzeichnet , welche Begebenheiten das heidnische Rom treffen würden , bis es seinen Untergang fand . « » In den verbrannten Büchern stand vielleicht , wie es sich hätte retten können . « » Kann sein . Man soll eben nicht feilschen um die Wahrheit . Und mehrere hundert Jahre später , gerade am Tage der gnadenreichen Geburt des Herrn , sagt die Legende , ließ Kaiser Augustus die Sibylle von Tibur vor sich rufen und fragte sie , ob es an der Zeit sei , daß er seinen Platz zwischen den Gottheiten Roms einnähme ? das römische Volk wolle ihm göttliche Ehren erweisen . Da stand die Sibylle und schaute gen Himmel und sie gewahrte die Sonne umgeben von einem leuchtenden Zirkel und in der Mitte der Sonne saß eine hehre Frauengestalt , die hielt auf ihrem Schoße ein zartes Kindlein . Die Sibylle deutete auf dasselbe und sprach zum Kaiser : Dies Kind ist größer als Du ! bete es an . Da entsetzte sich der gewaltige Kaiser und ließ zu Ehren dieses göttlichen Kindes auf dem kapitolinischen Hügel einen prächtigen Altar errichten . Später wurde die Kirche Ara Coeli - Altar des Himmels - dort erbaut und sie steht bis zu dieser Stunde auf dem Kapitol . Aber auf den reizenden Hügeln von Tivoli , über welche die berühmten Cascatellen dahin tanzen , steht der kleine , von jonischen Säulen getragene Tempel , den man den Tempel der Sibylle nennt ; denn Tivoli ist das alte Tibur . Mehr weiß ich nicht von den Sibyllen . « » Aber die Kunst , sagten Sie , habe sie verherrlicht . « » Und unsterblich gemacht ! ja , das ist wahr ! « rief Ernest mit funkelndem Blick . » In des erhabenen Vatikans feierlicher sixtinischer Kapelle , in welcher nur an den größten Festen die heiligen Geheimnisse des Glaubens gefeiert werden , haben Perugino und Michel Angelo , der eine mit seinem holdseligen und der andere mit seinem gewaltigen Pinsel , das ganze Epos des Menschengeschlechtes , von der Schöpfung bis zum Weltgerichte , in großartigen Gemälden an den Wänden und der Decke geschrieben , und Michel Angelo ' s Sibyllen , als die Verkünder des Erlösers in der Heidenwelt , schauen mit den Propheten des Alten Testamentes vom Gewölbe herab auf den Altar des Neuen Bundes , wo das Lamm Gottes im ewigen Opfer geschlachtet wird ; auf den mystischen Kalvarienberg , den sie am Horizont der Zukunft mit dem Auge des Glaubens aufsteigen sahen . Und da man in Rom keinen Schritt tun kann , ohne auf Spuren vom Göttlichen im Menschen nach der Gnadenordnung zu stoßen , Spuren , die sich bald als Genie , bald als Seelenadel , bald als Liebeskraft , bald als Geistesgröße aussprechen : so findet man denn auch eine zahllose Menge von