dem Reiche der Luft , bald dem Wasser angehörte . Bald war sie Sylphe , bald Undine . Sie sollte wol glauben , daß es ihr eigener Werth war , der sie den Männern so erscheinen ließ . Es brach die Zeit eines wunderbaren Rausches für sie an , eines Zustandes , den sie in dieser Art noch nicht gekannt hatte . Sie hatte die üble Wirkung beobachtet , die schon die Nennung des Namens Heinrich Klingsohr im Schlosse hervorbrachte . Der Kammerherr lohte in Eifersucht auf , der Kronsyndikus sprach nur von der » undankbaren Bande « und bestätigte nicht nur alles , was Heinrich ihr von der Vergangenheit über ihn und den Vater gleich beim ersten Zusammentreffen erzählt hatte , sondern was sie auch aus dunkeln Andeutungen des verschwiegenen alten Paares , bei dem sie wohnte , von vergangenen und vielbewegt gewesenen Tagen entnehmen konnte . Ja ! ich habe den Schlingel auf meinen Knien geschaukelt ! sagte der Kronsyndikus , als vom Doctor die Rede war . Ich habe auch die Frau erhalten , als der Elende in die Wälder lief und Aufruhr predigte . Ich habe den Pacht mir durch meinen Eifer selber verdienen müssen . Und dieser Hund will jetzt Herr über das ganze Land werden ? - Fritz - er meinte den Regierungsrath - Fritz nimmt ihn auch noch in Schutz ! Alle die Leute hier ! Mein eigener Schwager , Graf Joseph ! Aber im Düsternbrook , das sag ' ich , lass ' ich mich nicht um eine Hand breit aus dem alten Nutzen bringen , das schwör ' ich , oder ich will in alle Ewigkeit nicht aus dem Lutterberg bei Witoborn herauskommen ! Er meinte damit : aus dem Fegfeuer ; denn man glaubt in jener Gegend , daß in diesem Berge für den westfälischen Adel der Eingang zum Fegfeuer liegt . Die Begegnung mit Stephan Lengenich war ihm natürlich auch sogleich bekannt geworden . Dieser arbeitete aber täglich frisch unten fort , fällte Stämme nach wie vor und hatte in dem Düsternbrook eine ganze Werkstatt eingerichtet . Planken und Bodeneinsätze lagen ringsum , frisch erst aus dem Walde herausgehauen und gesägt . Da Lucinden , die einige Geständnisse gemacht hatte , jede fernere Begegnung mit dem Doctor , der » zu allem nun auch noch seinen gelehrten Senf hinzugäbe « , verboten wurde , so konnte sie mit ihm nur geheim zusammenkommen . Leider fand sie unter der Aufsicht der Alten , die mit ihr den Pavillon bewohnten und im allgemeinen mürrische und strenge Leute waren , Schwierigkeiten . Diese wuchsen so , daß sie ihren Entschluß , von allen diesen Fesseln , möchten sie für die Zukunft versprechen welches Glück sie wollten , sich frei zu machen , immermehr reifen ließen . Ist denn das nicht die eigentliche und wahre Natur des Mannes ? sagte sie sich , wenn sie sich im Geiste Klingsohr ' s Bild entgegenhielt . Sind denn die Männer , die das Leben zu bezwingen verstehen , wirklich solche , wie sie uns in schönen Bildern begegnen ? Klingsohr war nicht schön ; er vernachlässigte sich in seiner Kleidung , er hatte etwas Sorgloses , sogar Verwildertes . Sie erfuhr , daß sein Gang durchs Leben unregelmäßig gewesen , kometenartig ; sie erfuhr , daß er die Hoffnungen des immer rührsamen Vaters täuschte und sich der Uebereinstimmung mit demselben und seines Beifalls nicht rühmen konnte . Aber , was sie sogleich bei der äußern Unähnlichkeit dieser Natur mit der eines Oskar Binder gefühlt hatte , daß das Auge hier geistige Schönheiten finden würde und diese dann auch allmählich das Aeußere heben , traf immermehr zu . Wenn dieser seltsame junge Mann im Mondenschein an der Parkpforte mit ihr auch nur einige Minuten verweilte - die Eifersucht des Kammerherrn war jetzt aufgeregt und sein heimtückischer Sinn gefiel sich in den hinterlistigsten Anschlägen - , das Bild , das sie von ihm empfangen , verklärte sich immermehr zu der Vorstellung von dem Muthe , der Thatkraft der Männer überhaupt und der auch die Frauen hebenden heroischen Bestimmung derselben . Und wie verstand auch Klingsohr sein ganzes Sein mit einem poetischen Nimbus zu umgeben ! Mitten in den kurzen Begegnungen , die sich allein möglich machten , brach er in Verse aus und verband dann mit der Wildheit eines Titanen , der noch die ganze Welt zusammenzurütteln gedachte , etwas Naives , Träumerisches , Kindliches wieder . Manches , was die gemessene Zeit zu sagen verbot , sprach er in geschriebenen Blättern aus , die er ihr in die Hand drückte , und schon häufte sich ihr durch Bauerknaben , Bettler und fahrende Musikanten ein geheim besorgter Briefwechsel . Daß sie auf seine Hülfe und Befreiung aus ihrer gegenwärtigen peinlichen und unbestimmten Lage rechnete , das stand damals fest , als er ihr das unwürdige und schimpfliche Loos schilderte , welches zuletzt denn doch noch ihrer im Schlosse Neuhof warten würde ; Vater und Sohn , sagte er , würden zuletzt um ihren Besitz streiten und der Alte würde siegen . Sie schauderte . Klingsohr versprach , sie mit nach Göttingen zu nehmen , um sich dort , wenn der Vater die Mittel gäbe , als Docent zu habilitiren . Sie sollte sein Weib sein . Es war gegen Ende Juni . Schon lange war die erwünschte Regenzeit angebrochen und dauerte anhaltender , als sie der Landmann nun wieder haben wollte . Die auch durch strömenden Regen nicht zu tilgenden Reize des Landlebens , der Anblick der grünen und gelb gefärbten Fluren und der berauschende Duft der Linden und Tannen blieben sich gleich ; besonders von dem Schlosse Neuhof selbst aus ; nach vorn bot der volle Anblick in eine Landschaft voll Mannichfaltigkeit und Schönheit malerische Fernsichten , in nächster Nähe dufteten der Park und die nahe liegenden Wälder . An dem offenen Fenster , in der linken Eckspitze des Schlosses , im ersten Stock , saß Lucinde des Tages jetzt fast ununterbrochen und suchte sich in