wirklichen Bestand der gegenwärtigen Szene erklären konnte , gab ich nun Weg und Stege an , die an den Ort führen , und nannte hier ein Dorf , dort eine Brücke oder eine Wiese . Ich kannte dieselben nur vom flüchtigen Hörensagen , und obgleich ich kaum darauf gemerkt hatte , stellte sich nun jedes Wort zur rechten Zeit ein . Ferner erzählte ich , wie wir unterwegs Nüsse heruntergeschlagen , Feuer gemacht und gestohlene Kartoffeln gebraten , auch einen Bauernjungen jämmerlich durchgebleut hätten , welcher uns hindern wollte . Im Walde angekommen , kletterten meine Gefährten auf hohe Tannen und jauchzten in der Höhe , den Geistlichen und den Lehrer mit lächerlichen Spitznamen benennend . Diese Spitznamen hatte ich , über das Äußere der beiden Männer nachsinnend , längst im eigenen Herzen ausgeheckt , aber nie verlautbart ; bei dieser Gelegenheit brachte ich sie zugleich an den Mann , und der Zorn der Herren war ebenso groß als das Erstaunen der vorgeschobenen Knaben . Nachdem sie wieder von den Bäumen heruntergekommen , schnitten sie große Ruten und forderten mich auf , auch auf ein Bäumchen zu klettern und oben die Spottnamen auszurufen . Als ich mich weigerte , banden sie mich an einen Baum fest und schlugen mich so lange mit den Ruten , bis ich alles aussprach , was sie verlangten , auch jene unanständigen Worte . Indessen ich rief , schlichen sie sich hinter meinem Rücken davon , ein Bauer kam in demselben Augenblicke heran , hörte meine unsittlichen Reden und packte mich bei den Ohren . » Wart , ihr bösen Buben ! « rief er , » diesen hab ich ! « und hieb mir einige Streiche . Dann ging er ebenfalls weg und ließ mich stehen , während es schon dunkelte . Mit vieler Mühe riß ich mich los und suchte den Heimweg in dem dunklen Wald . Allein ich verirrte mich , fiel in einen tiefen Bach , in welchem ich bis zum Ausgange des Waldes teils schwamm , teils watete , und so , nach Bestehung mancher Gefährde , den rechten Weg fand . Doch wurde ich noch von einem großen Ziegenbocke angegriffen , bekämpfte denselben mit einem rasch ausgerissenen Zaunpfahl und schlug ihn in die Flucht . Noch nie hatte man in der Schule eine solche Beredsamkeit an mir bemerkt wie bei dieser Erzählung . Es kam niemand in den Sinn , etwa bei meiner Mutter anfragen zu lassen , ob ich eines Tages durchnäßt und nächtlich nach Hause gekommen sei ? Dagegen brachte man mit meinem Abenteuer in Zusammenhang , daß der eine und andere der Knaben nachgewiesenermaßen die Schule geschwänzt hatte , gerade um die Zeit , welche ich angab . Man glaubte meiner großen Jugend sowohl wie meiner Erzählung ; diese fiel ganz unerwartet und unbefangen aus dem blauen Himmel meines sonstigen Schweigens . Die Angeklagten wurden unschuldig verurteilt als verwilderte bösartige junge Leute , da ihr hartnäckiges und einstimmiges Leugnen und ihre gerechte Entrüstung und Verzweiflung die Sache noch verschlimmerten ; sie erhielten die härtesten Schulstrafen , wurden einige Wochen lang auf die Schandbank gesetzt und überdies noch von ihren Eltern geschlagen und eingesperrt . Soviel ich mich dunkel erinnere , war mir das angerichtete Unheil nicht nur gleichgültig , sondern ich fühlte eher noch eine Befriedigung in mir , daß die poetische Gerechtigkeit meine Erfindung so schön und sichtbarlich abrundete , daß etwas Auffallendes geschah , gehandelt und gelitten wurde , und das infolge meines schöpferischen Wortes . Ich begriff gar nicht , wie die mißhandelten Jungen so lamentieren und erbost sein konnten gegen mich , da der treffliche Verlauf der Geschichte sich von selbst verstand und ich hieran sowenig etwas ändern konnte als die alten Götter am Fatum . Die Betroffenen waren sämtlich , was man schon in der Kinderwelt rechtliche Leute nennen könnte , ruhige , gesetzte Knaben , welche bisher keinen Anlaß zu grobem Tadel gegeben und aus denen seither stille und arbeitsame junge Bürger geworden . Um so tiefer wurzelte in ihnen die Erinnerung an meine Teufelei und das erlittene Unrecht , und als sie es jahrelang nachher mir vorhielten , erinnerte ich mich ganz genau wieder an die vergessene Geschichte , und fast jedes Wort ward wieder lebendig . Erst jetzt quälte mich der Vorfall mit verdoppelter nachhaltiger Wut , und sooft ich daran denke , steigt mir das Blut zu Kopfe , und ich möchte mit aller Gewalt die Schuld auf jene leichtgläubigen Inquisitoren schieben , ja sogar die plauderhafte Frau anklagen , welche auf die verpönten Worte gemerkt und nicht geruht hatte , bis ein bestimmter Ursprung derselben nachgewiesen war . Drei der ehemaligen Schulgenossen verziehen mir und lachten , als sie sahen , wie mich die Sache nachträglich beunruhigte , und sie freuten sich , daß ich zu ihrer Genugtuung mich alles einzelnen so wohl erinnerte . Nur der vierte , ein etwas beschränkter Mensch , der viele Mühe mit dem Leben hat , konnte niemals einen Unterschied machen zwischen der Kinderzeit und dem spätern Alter und trug mir die angetane Unbilde so nach , als ob ich sie erst heute , mit dem Verstande eines Erwachsenen , begangen hätte . Mit dem tiefsten Hasse geht er an mir vorüber , und wenn er mir beleidigende Blicke zuwirft , so vermag ich sie nicht zu erwidern , weil das Unrecht doch auf mir ruht und keiner von uns es vergessen kann . Siebentes Kapitel Ich hatte mich nunmehr in der Schule zurechtgefunden und befand mich wohl in derselben , da das erste Lernen rasch aufeinanderfolgte und , leicht faßlich , täglich fortschritt . Auch die Einrichtung derselben hatte viel Kurzweiliges , ich ging gern und eifrig hinein , sie bildete mein öffentliches Leben und war mir ungefähr , was dem neugierigen Athenienser die Gerichtsstätte und das Theater . Es war keine öffentliche Anstalt , sondern das Werk eines gemeinnützigen wohltätigen Vereins und dazu bestimmt , bei dem damaligen Mangel guter niedriger Volksschulen , den Kindern dürftiger Leute eine