sondern ein Verbannter , ein Flüchtling , ein verarmter Sohn des stolzen Hauses Gradenigo , der vielleicht sein Leben wage um eine Nacht unter dem Dach seiner Väter zuzubringen , und hastig rief ich : » Schweig , Gino ! hier hat Niemand zu befehlen als ich ! Hält jene Barke sich ruhig , so darf sie bleiben . « » Sia benedetta , Madonna ! « rief der fremde Gondolier mit Ton und Geberden , die es ungewiß ließen ob mir oder der heiligen Jungfrau der Segenswunsch gelte . Aber nicht Einmal , sondern hinfort allnächtlich bei meiner Heimkehr lag dieselbe verschlossene Gondel mit demselben vermummten Gondolier auf demselben Platz ! Und sobald ich die Treppe erstiegen hatte , die aus der Einfahrt ins Innere des Hauses führte , hörte ich den leisen Ruderschlag womit sie sich fortbewegte . Trat ich in meinem Cabinet auf den Balkon um ihr nachzusehen , so bemerkte ich nur daß sie nach der Kirche Maria Salute ihre Richtung nahm . Einmal fragte ich Gino ob er nicht wisse was es mit ihr für eine Bewandniß habe . » Da ' Lustrissima ihr die Station vor Ihrem Palast verstattet haben , so werden Sie das wol besser wissen als ich , « entgegnete Gino mit so tiefer Demuth in Ton und Haltung , daß es unmöglich war ihm die Impertinenz der Worte vorzuwerfen . » Nein , Gino , ich weiß es nicht ! entgegnete ich ; und ich würde mich auch nicht weiter darum bekümmern , wär ' mir nicht eingefallen daß der vermummte braune Mann ein Spitzbube sein könnte . « Gino brach sehr unehrfurchtsvoll in ein schallendes Gelächter aus . » Sangue di Cristo ! rief er , ein Barcarole soll ein Spitzbube sein . Man sieht wol daß ' Lustrissima keine Tochter Venedigs ist , sonst würde sie wissen , daß der Barcarole neben tausend unleugbaren Fehlern auch eine eben so unleugbare Tugend hat : die Ehrlichkeit . Nein ! was den Punkt betrift , dafür steh ' ich ein . « » Und nur der ist wichtig , Gino ! übrigens geht mich jene Barke nichts an . « » Ganz wie ' Lustrissima befehlen ! « sagte er wieder mit der tiefsten Unterwürfigkeit . Venedig war von jeher die Stadt der Geheimnisse , sprach ich zu mir selbst , das liegt in ihrer Atmosphäre . Aber unwillkürlich beschäftigte sich meine Phantasie mit jenem geheimnißvollen Unbekannten , den ich bald zu einem verbannten Anhänger der giovine Italia , bald - und noch lieber - zum dürftigen Nachkommen eines glänzenden Geschlechts machte . Daß Einer oder der Andre sich trotz seiner tragischen Geschicke dennoch in mich verliebt haben könne , erschien mir nicht unnatürlich ; erstens : weil dergleichen einer Frau niemals unnatürlich , sondern ziemlich in der Ordnung erscheint ; zweitens : weil ich wol wußte wie schön ich war . Die Blumensendungen brachte ich auch mit jenem Unbekannten in Verbindung ; - doch blieb mir das Alles bis jezt nur eine Spielerei für meine unbeschäftigte , ewig rege Phantasie , und wochenlang ging das so fort . Einst kam ich zu Hause gegen drei Uhr Morgens , wo Todtenstille und Einsamkeit auf den Canälen herrscht . Es war eine tief dunkle Nacht , so dunkel , daß ich kaum die mysteriöse Barke hatte gewahr werden können . So wie ich mein Cabinet betrat stieg dem Balkon grade gegenüber aus der Mitte des Canal grande eine Rakete wie ein Signal empor , und ungefähr zwei Minuten später flammte im herrlichsten Brillantfeuer mein Name Sibylla Regina an jener Stelle auf . Nachdem er eine Weile gebrannt hatte , verwandelte er sich in tausend buntfarbige Leuchtkugeln , und flog wie Myriaden von Schmetterlingen in den dunkeln Himmel hinein . Dann blieb Alles stumm und finster , und ich vernahm nur den taktmäßigen Schlag einiger Ruder , welche eine große Barke , wahrscheinlich die des Feuerwerkers , fortbewegten . Ich hatte Lust an Zauberei zu glauben ; denn ich hatte Tags zuvor mit Fidelis über die Schönheit eines Feuerwerks auf dem Canal grande gesprochen und hinzugefügt : Wäre ich noch in der verschwenderischen Laune meiner früheren Jahre , so würde ich mir dies Vergnügen verschaffen . Jezt verschaffte es mir ein Anderer - mir ! das war kein Zweifel ! mein Name sagte es mir . Und wer , um Gottes Willen ! wer konnte wissen , daß ich Regina hieß .... kaum Sedlaczech ! » Nun was sagen Sie zu der Ueberraschung der letzten Nacht ? « fragte ich ihn am nächsten Morgen . » Ich sage , sprach er lächelnd , daß Jemand in Venedig lebt , welcher Sibylla zur Königin seines Herzens erkoren - wie uns die Flammenschrift gesagt hat . « » Nicht doch ! Regina ist ja mein zweiter Name . « » Das ist seltsam ! rief er überrascht . Das deutet auf einen alten genauen Bekannten ! « » Ich habe hier keinen andern , als Sie . « » Nun ? Sie trauen mir doch wol nicht solchen allerliebsten Unsinn zu ? fragte er gutmüthig . Erstens hab ich kein Geld ; zweitens aber - und hätte ich Goldminen ! - - würde ich einen geliebten und verehrten Namen still in mein Herz schließen , statt ihn als Leuchtkugeln verflattern zu lassen . « Ich hatte es im Grunde auch nicht geglaubt . Nach einigen Nächten , die ich absichtlich bis zur Morgendämmerung auf Torcello zugebracht , kehrte ich eines drohenden Gewitters wegen früher zurück ; und siehe ! die Rakete gab das Signal und das frühere Schauspiel wiederholte sich . Ich bin von einem Dämon umgeben , sprach ich zu mir selbst , der meine Worte hört und meine Schritte sieht . Halb war dieser Gedanke mir unheimlich , halb lieblich ! So gab es doch Jemand der sich für mich interessirte - wenngleich in etwas befremdlicher Weise . Ich überlegte ob ich meine Leute fortschicken und Andre nehmen sollte Wer bürgte mir