er ihm Arbeiten von mir gezeigt , mich ihm empfohlen . Mir ward dessen Gunst auf eine noch unverdiente Weise . Das Uebrige , gnädige Gräfin , ist Ihnen bekannt . Aber wie konnten Sie , wenn Ihrer Familie Mittel beschränkt waren , so bedeutende Reisen machen ? Klima , Boden und Jugendkraft begünstigten mich , ich arbeitete mich durch , ich gab sogar an kleinen Orten ein paar Mal Concerte , wo ich länger blieb , Musikstunden , ich schrieb ab , ich behalf mich . Kurz , ich habe die erwähnten Länder in interessanten und bedeutenden Momenten gesehen und wollte , da meine Studien vollendet , eben nach Spanien , als der Krieg von Neuem das unglückselige Land überzog . Auf dem Rückwege traf ich den Fürsten in Karlsruhe , er concentrirte für den Augenblick meine Kraft , er gab mir Beschäftigung - und öffnete mir Ihr Haus . Ein jubelndes frisches Kindergelächter unterbrach , von der Treppe herauf schallend , das ernste Gespräch . Leontine , die wie halb schlummernd in ihre eigenen Gedanken und Träume versunken still gesessen , fuhr auf und lief den Kleinen entgegen , die mit großem Eifer ihr Zuspätkommen entschuldigten , ma bonne habe sie weit , weit auf die Bastei spazieren geführt , um die Alpen zu sehen . Und , fuhr der Aeltere fort , mit den tiefblauen Augen seiner Mutter an Gotthard hinauf sehend , wenn du nur mit oben gewesen wärest , die Leute sagen , daß Lawinen gefallen sind - eine ganze Menge . Denke nur , du hättest sie uns gezeigt . Die Berge brauen , sagte der alte Senne unten am Thor , und das sei so rechtes Lawinenwetter , da fielen sie dutzendweise in ' s Thal . Wärst du nur mitgegangen , lieber Herr Gotthard ! Mein Gott ! rief Leontine , plötzlich aufgeschreckt , und unsre Gletscher-Reisenden ? - Reicht das Wetter wol so weit ? Das wäre entsetzlich ! Gotthard gestand , ihm fehle genaue Kenntniß der Wetterscheiden und der ganzen Wettergestaltung im Hochgebirg . Gleich nach der Stunde , die ohnehin heute im bloßen Erklären einiger naturgeschichtlichen Gegenstände bestehe , wolle er selbst zum Sennen gehen und ihn befragen . Die Kinder zogen ihn fort . Gegen Mittag , noch ehe Gotthard wiederkehrte , kam Besuch aus der Stadt und sogleich war von Lawinen die Rede , die hier nahe an Bern selbst gefahrlos und ganz unbedeutend wären , im Oberlande aber sehr gefährlich . Es sei gar toll , meinten einige Herren , in solchem Wetter Excursionen in ' s Gebirg zu wagen , es heiße , Gott versuchen . Und wiederum ward die ganze Gletschermessung als unnütz , als thörichte Spielerei gescholten , denn die Unwissenheit reibt sich ja so gern an ihr unverständlichem wissenschaftlichen Streben . Auf den Seen brause der Föhn , hieß es weiter , und die Luft hange weit und breit voll Schnee ; so wie es windstill werde , würde sich ' s in Massen niedersenken . Gnad ' ihnen Gott und behüte sie ! sagte eine junge freundliche Frau . So ein Herr aus der Fremde denkt sich einen sächsischen oder bairischen Winter zu finden ; bei uns aber beginnt er zeitig , und ist gar hart und scharf . Und wir haben den zweiten November , es wäre kein Wunder , hingen die Eiszäpfli schon am Dächli ümme . Annen starrte das Herz in der Brust . Leontine fertigte leise Duguet ab , und dann noch einen zweiten Diener , sie sollten sich beide erkundigen , ob man von irgend einem Unfall oder Unwetter im Oberlande gehört . Es war nichts zu erfahren . Der Tag verging , der Abend kam . Sie begannen zu warten , zu horchen auf jeden Laut , auf den Schritt in der Gasse , auf das Oeffnen der Hausthür ; es kam Niemand . Die Kleinen hatten etwas von der Unruhe gemerkt , sie fragten alle Augenblicke , ob denn Onkel Otto nicht komme , den sie noch gar nicht gesehen und der ihnen immer etwas mitbrächte und sie auf seinem Fuße tanzen oder fliegen ließ . Die Nacht brach ein . Die alte Thurmuhr schlug Stunde um Stunde so bleischwer langsam , es kam Niemand . Die unter den Häusern hinlaufenden Arcaden , in denen Tags hindurch ein fast südlich reges Leben sich bewegte , wurden öde . Schon waren längst alle Läden und Werkstätten geschlossen , die Lichter erloschen nach und nach die ganze Gasse entlang , es ward so todeseinsam . Anna hörte ihr eigenes Herz schlagen mit peinlicher Gewalt , sonst nichts , gar nichts . Vergebens suchte sie das Thörichte , Kindische ihrer Angst sich einzureden ; es überwältigte sie wieder und wieder . Gegen Morgen hörte sie ein Pferd aus dem Stalle ziehen . Sie flog an ' s Fenster ; es war Duguet , er hatte sich vom Nachbar einen Char-a-banc geliehen , dem er jetzt heimlich ein Pferd einspannte . Er vermochte es nicht , die Angst seiner jungen Gebieterin so unthätig zu ertragen . Sophie stand mit einer Laterne im Hof und leuchtete ihm ; dann packte sie ein und steckte eine Menge kleiner Paquete , auch eine Flasche Wein in das Wägelchen - sie mußte doch wol auch an ein mögliches Unglück glauben . Endlich schleppte sie noch einen alten Pelz ihres Herrn herbei . Duguet nahm ihn nicht um , er legte ihn , sorgsam gefaltet auf den Sitz ; augenscheinlich bestimmten ihn die wackern Leute für Otto . Kalte Thränen rollten über Anna ' s bleiche Wangen , als Sophie vorsichtig das Thor öffnete und der Char-a-banc aus dem Hofe fuhr , leise , leise , um sie nicht zu wecken . Sie trat zurück , als der alte treue Diener schon im Abfahren den Blick noch einmal ihrem Fenster zuwandte ; sie wollte seinem so ergebenen Eifer kein Mislingen zeigen , und aus der weit entlegenen Zeit ihrer Kindheit flog zauberschnell ein