andres denkt , als daß sie wohl rieche , den Sonnenschein und die gute Speise genießt , ohne darüber nachzusinnen , woher beides stamme . « Achtes Kapitel Eine bedeutende Krankheit kann bisweilen ein Glück sein . Unser Leben wird zur größeren Hälfte von Gewohnheiten , und nur zur kleineren von Freiheit und Entschluß genährt . Gewohnheiten aber sind meistens die Polster , welche die schwachen Seiten unsrer Natur sich unterlegen . Eine Krankheit unterbricht nun den einschläfernden Gang dieser Nachgiebigkeiten , und macht es dem Genesenden möglich , sich nicht bloß im körperlichen , sondern auch in einem höheren Sinne , wie neugeboren zu fühlen . Wirklich nahm sich Hermann in den ersten Tagen des wiedergeschenkten Lebens ernstlich vor , künftig vorsichtiger zu sein . Die Äußerungen des Arztes hatten schon ein unangenehmes Streiflicht auf seine Ritterschaft geworfen , und Flämmchens eigne Reden dienten nur dazu , den Tag heraufzuführen , bei dessen Glanze er sich zuletzt wie ein zweiter Don Quixote vorkommen mußte . Das wilde Mädchen hatte gar kein Hehl , daß sie sich bloß vor der Strenge des alten Johanniters gefürchtet habe . Ihre Tugend war durchaus nicht in Gefahr gewesen , das sah ihr Beschützer nunmehr zu seinem Leidwesen ein . Es war ihm unbegreiflich , wie sich ein solches Hirngespinst in ihm hatte festsetzen können , und er beschloß , hinfort noch kälter und klüger zu sein , als er nach seiner Überzeugung bereits war . Die Lage , in der er sich trotz aller Unschuld befand , war sehr zweideutig . Ein junges Mädchen , verkleidet , Tag und Nacht in seinem Vorzimmer zu wissen ; welches Mißgefühl für ihn , welch ein Anlaß zu den übelsten Verwicklungen ! Aber wohin sollte er mit dem Kinde ? Vom Pflegevater , an den er gleich geschrieben , hatte er eine in schwülstigen Ausdrücken verfaßte ablehnende Antwort erhalten . So grausam durfte er nicht sein , ein verlaßnes Wesen von sich zu stoßen ; und konnte er hoffen , daß jemand sich mit dem verwahrloseten Geschöpfe befassen werde ? Diese Sorgen hielten ihn mehrere Tage lang zwischen Furcht und Zweifel gespannt . Niemand konnte er sich vertraun . Dabei war ihm der Mangel an aller ordentlichen Bedienung äußerst lästig . Sein Kaleb war ohne Ohr für die Stunde , ohne Sinn für Ordnung , warf alles unter- und übereinander , und wenn er ihr Anweisungen gab , oder Strafpredigten hielt , so fiel sie ihm um den Hals , statt zu gehorchen . Er war daher fast allein auf sich und seine Hände beschränkt , und dazu kam noch , daß schon ihr Geschlecht ihm verbot , manches von ihr zu fordern , dessen ein Genesender bedarf . Der Arzt , der allein hier hätte einschreiten können , schien , voll Schadenfreude , kein Auge für diese Verlegenheiten zu haben . Konnte ihm etwas seine verdrießliche Situation erträglich machen , so war es der Umstand , daß das Mädchen über alles , was Lüsternheit oder nur Sinnlichkeit heißen mochte , in völliger Unbekanntschaft lebte . Er sammelte hierüber merkwürdige Erfahrungen ein , und mußte die ewige Konsequenz der Natur bewundern , welche immer nur in einer Richtung bildet und mißbildet . Während ihre Phantasie ganz vom Abenteuerlichen und Seltsamen geschwängert worden war , blieb sie rein von allen den Dingen , womit sich sonst in den Jahren der Entwicklung ein stilles und gefährliches Nachsinnen zu beschäftigen pflegt . Mit dem Gedanken , daß er sie heiraten werde , woran sie starr und steif festhielt , verknüpfte sie keine andre Vorstellung , als daß sie sich neben ihm in weichgepolsterter Kutsche wiegen , oder den Schmuck einer vornehmen Dame am Halse tragen werde . Eines Tages war er auf einen Augenblick ins Freie gegangen , und fand sie , als er zurückkehrte , nicht in ihrem Vorzimmer . Am Pfosten des Bettes hing ein Täschchen , wie es schien , vollgestopft . Ein Buch , das hervorsah , machte ihn neugierig ; er nahm das Täschchen und leerte es aus . Da zeigte sich ein sonderbarer Inhalt . Allerhand Dornen , Stäbchen , beschmutzte Bilder , halbzerbrochne Whistmarken kamen zum Vorschein . Ein sogenannter Krötenstein wurde sichtbar , nebst Stücken von einem Kindesschädel . Er sah ein Band von ungewöhnlicher Farbe , auf dem fremdartige Charaktere eingestickt waren , vermutlich das Ordensband einer Loge , irgendwo verlorengegangen . Er öffnete ein zugenähtes Säckchen ; dieses fand er mit Salz und Kümmel angefüllt1 . Er schlug die Büchlein auf , welche das Täschchen enthielt , und sah die Vermutung des Arztes bestätigt . Es waren einige von den Sachen , die vor Jahren die Einbildungskraft aller jungen Leute so sehr in Bewegung setzten : die » Teufelselixiere « , der » Goldne Topf « , » Rasmus Spikher « u.a.m. teils vollständig , teils in zerlesenen Bogen und Blättern . Er hielt also den Kram in Händen , welcher das Gehirn des armen Kindes verdreht hatte . Mit der Vertilgung dieser äußerlichen Dinge meinte er den Aberglauben an der Wurzel zu zerstören , und warf daher alles rasch in das herbstliche Kaminfeuer . Neuntes Kapitel Eine geheime Scheu hatte ihn noch immer abgehalten , sich seinen Wohltätern vorstellen zu lassen , obgleich er das lebhafteste Verlangen empfand , der edlen Herzogin wieder in das Antlitz zu sehn . Er errötete , wenn er ihrer gedachte , und verschob den Tag des Besuchs von Woche zu Woche , unter dem Vorwande , daß er noch zu angegriffen sei , um in Gesellschaft erscheinen zu können , obgleich der Arzt ihm längst alle Rechte der Gesunden eingeräumt hatte . Diesem Manne mußte er sich dankbar und verpflichtet fühlen ; dennoch empfand er kein Behagen an seinen Gesprächen . Der Arzt hatte seine Wissenschaft mit Geist und Freiheit studiert , die verwandten Naturgebiete waren von ihm in den Kreis der Betrachtung gezogen worden , er teilte sich gern und ausführlich mit . Aber freilich hatten diese Studien die gewöhnliche Folge