anbietet . « Diese letzte Wendung floß ihm aus der Feder , nicht aus dem Herzen . Ja , wie er sie auf dem Papier sah , fing er bitterlich an zu weinen . Er sollte auf irgendeine Weise dem Glück , ja dem Unglück , Ottilien zu lieben , entsagen ! Jetzt fühlte er , was er tat . Er entfernte sich , ohne zu wissen , was daraus entstehen konnte . Er sollte sie wenigstens jetzt nicht wiedersehen ; ob er sie je wiedersähe , welche Sicherheit konnte er sich darüber versprechen ? Aber der Brief war geschrieben ; die Pferde standen vor der Tür ; jeden Augenblick mußte er fürchten , Ottilien irgendwo zu erblicken und zugleich seinen Entschluß vereitelt zu sehen . Er faßte sich ; er dachte , daß es ihm doch möglich sei , jeden Augenblick zurückzukehren und durch die Entfernung gerade seinen Wünschen näher zu kommen . Im Gegenteil stellte er sich Ottilien vor , aus dem Hause gedrängt , wenn er bliebe . Er siegelte den Brief , eilte die Treppe hinab und schwang sich aufs Pferd . Als er beim Wirtshause vorbeiritt , sah er den Bettler in der Laube sitzen , den er gestern nacht so reichlich beschenkt hatte . Dieser saß behaglich an seinem Mittagsmahle , stand auf und neigte sich ehrerbietig , ja anbetend vor Eduarden . Eben diese Gestalt war ihm gestern erschienen , als er Ottilien am Arm führte ; nun erinnerte sie ihn schmerzlich an die glücklichste Stunde seines Lebens . Seine Leiden vermehrten sich ; das Gefühl dessen , was er zurückließ , war ihm unerträglich ; nochmals blickte er nach dem Bettler : » O du Beneidenswerter ! « rief er aus ; » du kannst noch am gestrigen Almosen zehren und ich nicht mehr am gestrigen Glücke ! « Siebzehntes Kapitel Ottilie trat ans Fenster , als sie jemanden wegreiten hörte , und sah Eduarden noch im Rücken . Es kam ihr wunderbar vor , daß er das Haus verließ , ohne sie gesehen , ohne ihr einen Morgengruß geboten zu haben . Sie ward unruhig und immer nachdenklicher , als Charlotte sie auf einen weiten Spaziergang mit sich zog und von mancherlei Gegenständen sprach , aber des Gemahls , und wie es schien vorsätzlich , nicht erwähnte . Doppelt betroffen war sie daher , bei ihrer Zurückkunft den Tisch nur mit zwei Gedecken besetzt zu finden . Wir vermissen ungern gering scheinende Gewohnheiten , aber schmerzlich empfinden wir erst ein solches Entbehren in bedeutenden Fällen . Eduard und der Hauptmann fehlten , Charlotte hatte seit langer Zeit zum erstenmal den Tisch selbst angeordnet , und es wollte Ottilien scheinen , als wenn sie abgesetzt wäre . Die beiden Frauen saßen gegeneinander über ; Charlotte sprach ganz unbefangen von der Anstellung des Hauptmanns und von der wenigen Hoffnung , ihn bald wiederzusehen . Das einzige tröstete Ottilien in ihrer Lage , daß sie glauben konnte , Eduard sei , um den Freund noch eine Strecke zu begleiten , ihm nachgeritten . Allein da sie von Tische aufstanden , sahen sie Eduards Reisewagen unter dem Fenster , und als Charlotte einigermaßen unwillig fragte , wer ihn hieher bestellt habe , so antwortete man ihr , es sei der Kammerdiener , der hier noch einiges aufpacken wolle . Ottilie brauchte ihre ganze Fassung , um ihre Verwunderung und ihren Schmerz zu verbergen . Der Kammerdiener trat herein und verlangte noch einiges . Es war eine Mundtasse des Herrn , ein paar silberne Löffel und mancherlei , was Ottilien auf eine weitere Reise , auf ein längeres Außenbleiben zu deuten schien . Charlotte verwies ihm sein Begehren ganz trocken : sie verstehe nicht , was er damit sagen wolle ; denn er habe ja alles , was sich auf den Herrn beziehe , selbst im Beschluß . Der gewandte Mann , dem es freilich nur darum zu tun war , Ottilien zu sprechen und sie deswegen unter irgendeinem Vorwande aus dem Zimmer zu locken , wußte sich zu entschuldigen und auf seinem Verlangen zu beharren , das ihm Ottilie auch zu gewähren wünschte ; allein Charlotte lehnte es ab , der Kammerdiener mußte sich entfernen , und der Wagen rollte fort . Es war für Ottilien ein schrecklicher Augenblick . Sie verstand es nicht , sie begriff es nicht ; aber daß ihr Eduard auf geraume Zeit entrissen war , konnte sie fühlen . Charlotte fühlte den Zustand mit und ließ sie allein . Wir wagen nicht , ihren Schmerz , ihre Tränen zu schildern . Sie litt unendlich . Sie bat nur Gott , daß er ihr nur über diesen Tag weghelfen möchte ; sie überstand den Tag und die Nacht , und als sie sich wiedergefunden , glaubte sie , ein anderes Wesen anzutreffen . Sie hatte sich nicht gefaßt , sich nicht ergeben , aber sie war nach so großem Verluste noch da und hatte noch mehr zu befürchten . Ihre nächste Sorge , nachdem das Bewußtsein wiedergekehrt , war sogleich , sie möchte nun , nach Entfernung der Männer , gleichfalls entfernt werden . Sie ahnte nichts von Eduards Drohungen , wodurch ihr der Aufenthalt neben Charlotten gesichert war ; doch diente ihr das Betragen Charlottens zu einiger Beruhigung . Diese suchte das gute Kind zu beschäftigen und ließ sie nur selten , nur ungern von sich ; und ob sie gleich wohl wußte , daß man mit Worten nicht viel gegen eine entschiedene Leidenschaft zu wirken vermag , so kannte sie doch die Macht der Besonnenheit , des Bewußtseins , und brachte daher manches zwischen sich und Ottilien zur Sprache . So war es für diese ein großer Trost , als jene gelegentlich mit Bedacht und Vorsatz die weise Betrachtung anstellte : » Wie lebhaft ist « , sagte sie , » die Dankbarkeit derjenigen , denen wir mit Ruhe über leidenschaftliche Verlegenheiten hinaushelfen ! Laß uns freudig und munter in das eingreifen , was die Männer unvollendet zurückgelassen haben