einzig möglich geworden sein konnten . Dazu berührte die Weise , in welcher der Graf bei jedem Anlasse Hildegardens Lob aussprach , den Freiherrn nicht angenehm . Er meinte überall herauszufühlen , daß der Onkel das Vertrauen seiner Braut mehr , als es nöthig sei , besitze . Es klang ihm im weiteren Verlaufe der Unterhaltung , als müsse Hildegard sich sogar über ihn , über sein langes Ausbleiben , ja , über seine Beziehungen zu der Herzogin und zu Eleonoren gegen den Onkel klagend ausgesprochen haben , denn der Eifer , mit welchem Graf Gerhard das Deutschthum auf Kosten des Franzosenthums , und die edeln Eigenschaften einer deutschen Jungfrau über alle Reize der Ausländerinnen erhob , klangen in seinem Munde so unberechtigt , daß er , bei seinem Scharfsinn und bei seiner Klugheit , nothwendig eine bestimmte Absicht haben mußte , um eine solche Ungeschicktheit zu begehen . Weil Renatus endlich von der Bewunderung seiner Verlobten , zu der er nicht geneigt war , abzukommen wünschte und weil er der in jedem Augenblicke drohenden direkten Frage nach seinem Erleben und wohl gar nach Eleonoren ausweichen wollte , brachte er die Rede auf seine Geschäfte . Er sagte , daß er eben nur so lange in Berlin zu bleiben vorhabe , als dieselben es erheischen würden , erwähnte , daß er schon heute zu Tremann habe gehen wollen , daß die Auffahrt einer Gesellschaft ihn aber davon zurückgehalten und daß er morgen gleich in der Frühe sich zu ihm zu begeben denke . Der Graf ließ sich das ruhig erzählen , schenkte sich und seinem Neffen sorgfältig den Thee ein , welchen der Diener inzwischen aufgetragen hatte , wählte mit Kennerblick für seinen Gast die besten Stücke der kalten Küche aus und zeigte überhaupt alle jene kleinen Aufmerksamkeiten für ihn , durch welche eine achtsame Hausfrau ihrem Besucher die Freude über seine Anwesenheit auszudrücken liebt . Renatus rühmte dies dankbar , der Graf nannte es scherzend seine Hagestolzenkünste , und das brachte Jenen auf die Frage , ob der Onkel seine frühere Haushälterin , die Kriegsräthin , noch bei sich habe . Der Graf verneinte es . Ich habe sie schon vor drei Jahren fortgeschickt , sagte er . Sie war eine vortreffliche Köchin , überhaupt eine brauchbare Person , aber Eine Kunst ging ihr völlig ab : sie verstand nicht , alt zu werden . Sie wurde eine lächerliche Figur , und eine solche in meinem Vorzimmer zu haben , konnte mir nicht passen . Sie kamen dann wieder auf Tremann zu sprechen , und Graf Gerhard meinte , es sei ihm unbegreiflich gewesen , wie Renatus eben ihn zu seinem Bevollmächtigten habe wählen mögen . Auf die Frage , ob der Graf denn Gründe habe , Tremann zu mißtrauen , versetzte er : Und welche Gründe hast Du , ihm zu vertrauen ? Es entstand eine kleine Pause , ehe der Graf mit dem Ausspruche wieder das Wort nahm , daß er für sein Theil überhaupt keinem Kaufmanne vertraue , und dem thätigen , dem unternehmenden am wenigsten . Der Besitz , sagte er mit einer jener hochtönenden Phrasen , welche der müßige Uebermuth so leicht erlernt , der Besitz ist für diese Art von Leuten nicht das zu schonende Feld , der zu pflegende Baum , von dessen Frucht und Ernte sie leben wollen , ruhig leben wollen . Nicht der Besitz erfreut sie , sondern der Erwerb . Das Jagen nach demselben , die rastlose Arbeit ist ihr eigentlicher Genuß . Sie schmieden sich an das ewig rollende Rad des wechselnden Glückes ; und jene widerwärtige Spannung zwischen Gewinn und Verlust , die einem gebildeten Geiste wie die Marter eines Ixion bedünken würde , ist die Wollust solcher niedrig geborenen Naturen . Nimm Dich mit ihm in Acht ! Auf unfertige Menschen macht jeder allgemein ausgesprochene Satz , vor Allem , wenn er auf irgend etwas anwendbar ist , das mit ihren besonderen Verhältnissen zusammenhängt , Anfangs immer einen bannenden Eindruck , und trotz seiner achtundzwanzig Jahre und seines in der letzten Zeit so mannigfach bewegten Lebens war Renatus in sich nicht freier , nicht von der leichten Bestimmbarkeit geheilt worden , welche , als eine Folge seiner Erziehung , ihn immer unsicher über sich selbst und zum Sklaven jeder fremden Meinung machte , die ihm mit Sicherheit entgegentrat . Er hatte sich bisher etwas damit gewußt , daß er Paul zu seinem Vertreter und Vertrauensmanne erwählt hatte . Es war auch alles , was derselbe bis jetzt für ihn gethan , soweit Renatus es aus der Ferne hatte übersehen und beurtheilen können , durchaus zufriedenstellend gewesen , so daß er in seinem Inneren beständig auf den psychologischen Scharfblick stolz gewesen war , den er bewiesen hatte . Jetzt aber kam plötzlich bei des Grafen Worten der böse Genius aller schwachen Seelen , das Mißtrauen gegen sich und Andere , über den jungen Freiherrn , und sichtlich beunruhigt erkundigte er sich , wem die beiden Häuser gehörten und wer sie errichtet hätte , die neben dem alten von Arten ' schen Hause emporgestiegen waren . Wer anders soll sie erbaut haben , als Tremann ! entgegnete der Graf . Es war eine Spekulation , die ihm , glaube ich , gut eingeschlagen ist , und es gibt kein großes Unternehmen irgend einer Art , in dem er nicht die Hände hätte . Wo er die Capitalien dazu hernimmt , ist freilich nicht zu sagen . Ich denke , Flies war reich , wendete Renatus ein . Reich genug ! Aber der Alte kannte seine Leute , lächelte der Graf . Nicht ein Pfennig des Flies ' schen Capitals ist in dem Geschäfte geblieben . Tremann muß andere Quellen haben , und Du selbst hast ihm vielleicht mehr , als wir übersehen können , damit genutzt , als Du ihm Deine Angelegenheiten überantwortet hast ! Es war das ein unbegreiflicher Einfall von Dir , und ich bekenne Dir , mein Lieber , ich wußte nicht , was