Dazu war er magerer geworden , erschien also noch größer , und die weißen Hände , die aus dem weiten seidenen Schlafrocke auf das sorgfältigste gepflegt hervorsahen , hatten nicht mehr den eisenfesten Druck , der sonst den Ankommenden zu begrüßen pflegte . Die Bilder der französischen Kaiserfamilie , welche einst an den Wänden des Wohnzimmers hingen , waren entfernt , sie hatten ein paar guten Bildern von des Grafen Eltern Platz machen müssen . An der Stelle des antik gehaltenen französischen Canapee ' s stand ein großes , weiches Sopha , und einige Lehn- und Ruhestühle zeigten , daß der Besitzer dieses Raumes es sich behaglich zu machen liebe und verstehe . Als Renatus eintrat , streckte der Graf ihm die Hände entgegen und sagte : Es ist , auf Ehre , um einen Menschen abergläubisch zu machen . Ein Glück kommt nie allein ! Heute Morgen habe ich da die Anzeige erhalten , daß Seine Majestät der König mir eine große Gnade , daß er mir - der Graf hob ein mit großem Siegel versehenes Blatt empor - daß er mir den Orden verliehen , den unser Vater auch getragen hat , und jetzt kommt der einzige Sohn unserer Angelika , kommst Du , alter Junge , uns in die Heimath zurück ! Nun , willkommen zu Hause , herzlich willkommen ! - Einen Sessel für den Herrn Baron - Du siehst vortrefflich aus - aber ganz vortrefflich ! Nimm Platz , Renatus , nimm Platz ! Wie wird die gute Hildegard sich freuen ! Er hatte das alles rasch hinter einander gesprochen , ohne seinem Neffen Zeit zu einer Unterbrechung zu lassen . Dann warf er sich auf das Sopha , hüstelte leise , wickelte sich wieder fest in seinen Schlafrock ein , zog die Beine auf das Lager und sagte , während der alte Diener ihm eine Decke über die Füße legte : Verzeihe , mein Bester , aber wenn man die erste Jugend hinter sich , und sie , wie es sich gebührt , genossen hat , muß man zum Dank für treu geleistete Dienste mit seiner Gesundheit , seinem Körper rücksichtsvoll und freundlich umgehen , um sich die zweite Jugend möglichst lange zu erhalten . Ich dorlottire mich ein wenig , wie Du siehst , aber ich befinde mich wohl dabei . Wie findest Du mich aussehen ? Renatus versicherte ihm , daß er sich sehr gut erhalten habe ; der Graf nahm das mit Wohlgefallen auf . Du wirst auch , wenn Du nach Berka kommst , den Onkel Felix sehr munter finden . Die Feldzüge haben ihm entschieden gutgethan . Er hat das ganze Haus voll Kinder , schöne Kinder ! Ich war zu Weihnachten mit den Rhoden ' s dort , denn - Hildegard wird Dir das ja wohl geschrieben haben - es war Deine Schwiegermutter , der ich den gegenwärtigen engen Zusammenhang mit den Meinigen verdanke . Ich hatte früher wenig Familiensinn , aber ich habe das selbst nicht geglaubt , der Familiensinn findet sich wirklich mit den Jahren . Er war ganz ausschließlich mit sich und seinen Angelegenheiten beschäftigt . Er erzählte , wie er während der Freiheitskriege durch die Gräfin Rhoden , die er jetzt immer nur die Cousine nannte , mit der Prinzessin in nähere Beziehung gekommen sei , wie diese ihn dem Könige empfohlen und ihm dann auch neuerdings die Verleihung jenes Ordens erwirkt hätte , der , in ferner Zeit , als Lohn für besondere Tugend und Selbstverläugnung gestiftet , jetzt zu einer Auszeichnung für den Adel geworden war . Es ist eine schöne Decoration , sagte er , auf das Kästchen weisend , in welchem der Orden vor ihm lag , und man mußte doch endlich auch etwas für mich thun ! In das Militär zurückzutreten , fühlte ich keine Neigung mehr , und eine Anerkennung war man mir für die mannigfachen und oft recht peinlichen und drückenden Vermittlungen , die ich während der Franzosenherrschaft über mich genommen hatte , allerdings wohl schuldig . Du glaubst nicht , wie viel Uebles ich verhütet , wie oft ich durch meine Kenntniß der Personen und der Verhältnisse recht arge und bedenkliche Zusammenstöße verhindert habe , und ich hätte vielleicht sehr recht daran gethan , wie die Prinzessin mir es vorschlug , eines der zu vergebenden großen Consulate anzunehmen , um mir auf diesem Wege den Uebergang in die diplomatische Laufbahn zu bereiten . - Aber was willst Du ? Ich bin bequem geworden . Ich hänge an meiner Wohnung , an meinen Gewohnheiten , meinen Freunden - ich bin ohne Ehrgeiz ! Tout bonnement ein alter Junggeselle , der sich von seinen Freunden verbrauchen läßt . Und ich versichere Dich , sie machen sich das zu Nutze ! Alle , alle sammt und sonders , selbst Deine Hildegard , die ein Juwel von einem Mädchen ist ! So klug , so umsichtig , ein wahrer Schatz ! Wir sind große Freunde , nun , sie hat Dir ' s ja geschrieben ! Er unterbrach sich endlich selbst , da die Verwunderung des Freiherrn diesen lange nicht zum Sprechen kommen ließ ; denn Renatus traute seinen Ohren nicht . Wie mußten die Zeiten und die Zustände sich hier geändert haben , wenn man den Grafen für Handlungen belohnen konnte , die ihm einst den gerechten Zorn seiner ganzen Familie und die Mißachtung aller rechtschaffenen Vaterlandsfreunde zugezogen hatten ! Wie sicher mußte der Graf sich fühlen , daß er auf gar keine mögliche Einwendung von Seiten seines Neffen mehr Bedacht zu nehmen nöthig fand . Und was war es mit dem Ordenswesen überhaupt , wenn ein Gerhard von Berka den Orden erhalten und zu tragen sich unterfangen konnte , der als ein Zeichen besonderer Sinnesreinheit nur dem Adel verliehen werden durfte ? Alles , was er hörte und vernahm , war dazu angethan , den Heimgekehrten zu überraschen , denn weit mehr noch als alle diese Thatsachen setzten die Zustände ihn in Verwunderung , aus denen heraus sie