seines reichen Vaters hatte singen und jodeln hören . Die drückende Schwere des Herzens , die Fränzchen durch die halb politischen , halb privaten Seufzer der alten Tischlermeisterin nur noch mehr beängstigte , löste ein Besuch , der rasch und eilig die schmale Treppe fast herauf stürmte . Man hörte das Küchengatter draußen heftig öffnen und noch heftiger zufallen . Ist Fränzchen zu Hause ? rief eine weibliche Stimme im Eintreten und schon war der Besuch durch die größere Stube hindurch in Fränzchens Kammer getreten . Es war Louise Eisold . Achtes Capitel Volksahnungen Die Trauerkleidung , in der Louise Eisold über die Straße ging , konnte der durch diesen Besuch angenehm überraschten Franziska nicht auffallen . War doch in der Nacht , als beide Freundinnen den Fortunaball besucht hatten , zur tiefsten Betrübniß und zu einem ewig nagenden Vorwurfe für Louisen der alte Urgroßvater mitten unter seinen Urenkeln still entschlummert ! Einmal nur hatte Franziska Louisen seither gesehen . Zwei Tage nach dem Ball kam sie wegen der Kleider , über deren Benutzung Mademoiselle Florentine , die Putzmacherin , furchtbaren Lärm schlug und mit allen Gerichten der Welt drohte . Louise nahm diese Nachricht ruhig auf und wehklagte nur über den Tod des Alten , der so einsam , so verlassen , so lieblos hatte dahingehen müssen ! Die Kinder hatten alle geschlafen , so wie sie sie verlassen hatte , das Jüngste hatte sich nicht geregt , die Uhren gingen wie sie aufgezogen waren , sie war leise und still mit der Morgendämmerung in ihr Zimmer zurückgekehrt , selbst Karl , der früh auf die Arbeit mußte , schlief noch gegen fünf Uhr . Nur ein Blick auf den Alten zeigte ihr , daß Das kein lebendiger Schlaf mehr war , der so den Körper streckt , so die Züge des eingeschrumpften trocknen Gesichtes spitz hervortreten läßt ! ... Sie fühlt auf die Stirn , sie fühlt den Puls , sie betastet die Hände , die Füße , der alte Mann war entschlummert , vielleicht von einem Lungenschlag getroffen . Mit einem Schrei , der ihrem ohnehin bebenden und gepreßten Herzen Luft machte , weckte sie alle Geschwister . Diese fuhren empor . Großvater ist todt ! Alle Kinder schrien und weinten . Nur Louise konnte vor innerm Schauder nicht zu Thränen kommen . Sie verurtheilte sich selbst . Sie sah den Alten sich nach ihr noch einmal umblicken , sie hörte ihn rufen , sie glaubte an seinen Uhren zu bemerken , daß er noch einmal aufgestanden war . Sie täuschte sich wol , aber ihre Phantasie malte ihr , daß er Allen vielleicht noch ein Lebewohl sagte , aber sie fehlte , Sie , die die Hüterin , der Schutzengel dieser Räume sein sollte ! Erst als die Kinder alle auf ihre Arbeit gegangen waren und die ganz Kleinen ihr ihren wahren Kummer nicht ausfragen konnten , machte sie ihrem Herzen durch Thränen Luft ... Und dann die Sorge des Begräbnisses ! Glücklicherweise gehörte der Greis zu einer sogenannten Todtenbrüderschaft , bei der man sich durch Jahresbeiträge ein anständiges Begräbniß sichert . Einige schwarzgekleidete Männer nahmen ihr die Sorge der Beerdigung ab . Mit den schwarzen Kleidern angethan , die sie erst vor kurzem nach beendigter Trauer um die Ältern abgelegt hatte , folgte sie dem Sarge mit ihren Geschwistern . Jedermann erstaunte , wie sie vor der aufgeschütteten Erde so trostlos weinen konnte . Man glaubte doch , daß ihr eine Last vom Schicksal abgenommen war . Niemand kannte ihren nagenden innern Vorwurf , ihre bittere Reue ... die Vizewirthin Mullrich ausgenommen , die recht hämisch den Kopf schüttelte , als der Sarg durch die schmale Thür auf den vor ihrem Kellerfenster stehenden Leichenwagen gehoben wurde . Ihr Mann , der gerade von der Unternehmung bei der Schievelbein heimkam , hatte wohl gesehen , daß Louise Eisold damals an der untern Ecke der Brandgasse aus einem Fiaker stieg , in dem noch ein andres geputztes Frauenzimmer und ein Soldat saßen ... Louise , die in allen Dingen entschlossen handelte und Umstände nicht liebte , machte ohne Weiteres die Kammerthür zu , umarmte Fränzchen , nahm sich einen Stuhl und setzte , erschöpft von ihrem raschen Gange , zu ihrer Freundin sich nieder . Ich habe mir ein paar Augenblicke abgestohlen , sagte sie , und bin froh , dich zu Hause zu finden . Du wirst nicht gewußt haben , wo ich so lange geblieben bin . Auch ich hatte viel zu thun , sagte Franziska . Laß dich nicht stören ! Arbeite fort ! Was wird Das ? Ein Häubchen für eine Nachbarin . Wie hübsch die Spitzen ! Kind , ich komme von Florentinen . Ach ! Ich denke , die Gefahr ist vorüber . Ich hab ' ihr zum letzten male meine Meinung gesagt und nun sind wir einverstanden . Gott sei Dank ! Ich sagte ihr : Wenn wir nicht so ehrlich wären , hätte sie ' s nie zu erfahren brauchen , daß wir mit diesen Kleidern auf dem Fortunaball waren . Wir hatten sie so gut erhalten ! Aber betrügen wollten wir sie nicht . Die fünfzehn Thaler , die sie mir seit Jahren schuldet und die ich doch nie wieder bekomme , würden den Flitterstaat vollkommen bezahlen , allein was sollen wir damit ? Ich gehe sobald auf keinen Ball wieder ... Und du ? Erinnere mich nicht - ! Genug , sie nimmt die Kleider wieder , ja kaum hatt ' ich sie hingeschickt , so hängen sie schon prächtig wie das Allerneueste in ihrem Magazin und zwei vornehme Damen sah ich , die sie sehr bewunderten , sich Blumen als Besatz bestellten und die Überwürfe zu förmlichen Kapuzen umnähen lassen . Ich sah dem Handel ruhig zu und schüttelte für mich den Kopf , welch ' ein Ausbund die Florentine ist ! Du hättest sie reden hören sollen ! Das Neuste , das Schönste , Sie werden reizend aussehen , meine Gnädige , wie ein Engel