voll von Franzosen gewesen , und er selber war , ihren Fahnen folgend , für Napoleon in den Kampf gezogen , für denselben Kaiser , der jetzt , ein zum zweiten Male Niedergeworfener , auf dem einsamen Felsen-Eilande inmitten des Weltmeeres in harter Gefangenschaft seine Tage hinschwinden sah . Jetzt herrschten Ruhe und Friede in dem Lande , das Geschlecht der Hohenzollern saß wieder in voller Sicherheit auf seinem Throne , und doch wollte es Renatus , als er , von seinem Gasthofe kommend , durch die Straßen ging , bedünken , als sei es sonst belebter und lustiger in denselben gewesen . Berlin erschien ihm traurig , kleinstädtisch und leer . Das schnell fluthende Leben des glänzenden Paris hatte den Maßstab verändert , nach welchem der Freiherr die Dinge maß , und mehr noch , als der Ort , kam er selber sich verwandelt vor . Wo waren all die Wünsche und Hoffnungen , wo war die schöne , schmerzliche Sehnsucht , wo war die ganze innere Zuversicht geblieben , mit welcher er an jenem hellen , kalten Mittage an seines Onkels Haus vorüber in den russischen Krieg gezogen war ? Als er , von seinem Gasthofe ausgehend , an das Schauspielhaus kam , sah er aus alter Gewohnheit nach den Fenstern eines Eckhauses hinauf . Einer seiner liebsten Kameraden hatte dort gewohnt . Der fröhliche Gesell war in einem der ersten Gefechte des Freiheitskrieges gefallen ; auch sein Vetter , der Renatus diesen Todesfall gemeldet hatte , war ein Opfer des Krieges geworden . Der Bruder lebte noch und stand bei einem der in Berlin garnisonirenden Regimenter ; aber er hatte sich verheirathet und Renatus es versäumt , sich um seine Wohnung zu erkundigen . Er dachte an diesen und jenen von seinen früheren Bekannten , ohne zu wissen , ob sie in der Stadt und wo sie anzutreffen wären . Das ließ ihn nur noch deutlicher merken , wie lange er entfernt gewesen sei , wie fremd er in Berlin geworden war , und diese Einsicht , verbunden mit jener Scheu , welche man , wenn man mit sich selbst nicht einig ist , vor jeder Erörterung über sich und seine Zustände empfindet , machte ihn vor dem Zusammentreffen mit den Personen zurückschrecken , die zu sehen er eigentlich gekommen war . Wäre er seiner Stimmung gefolgt , hätte er einen Zauberstab besessen , er wäre in demselben Augenblicke davongegangen . Aber wohin ? Es blühten ihm an keinem Orte Freuden . Unbehaglich , ohne eine bestimmte Absicht , ging er in den Straßen vorwärts . Endlich fing er an , sich seines Zustandes zu schämen , und wie einer , der lange zaudernd vor dem kalten Wasser steht , bis er sich mit gewaltsamem Entschlusse kopfüber hineinstürzt , so schlug Renatus mit Einem Male seinen Weg nach dem Hause ein , welches einst das Wappen seines Geschlechtes über dem Portale getragen hatte . Als er in die Straße kam , in welcher es gelegen war , und in die Nähe des Hauses selbst , fand er Alles sehr verändert . Der gartenartige Hof , der das Haus nach der Straße und zu beiden Seiten umgeben hatte , war verschwunden , das Eisengitter gegen die Straße hin war abgerissen , rechts und links waren ein paar stattliche Wohnhäuser entstanden , und Renatus sah an den Wagen , die vor dem ehemaligen Arten ' schen Hause hielten , an dem Diener , der den ankommenden Gästen die Thüre des Hauses mit Beflissenheit öffnete , wie an der Reihe der hellerleuchteten Fenster im ersten Stockwerke , daß man irgend ein Festgelage in demselben begehen müsse . Er blieb einen Augenblick stehen und blickte hinauf . Ein paar Leute aus dem Volke , ein paar arme Kinder standen ebenfalls still und betrachteten die Aussteigenden . Er hatte eine äußerst unangenehme Empfindung , als er sich also einsam , in solcher Gesellschaft vor dem Hause seiner Väter umhergehend fand , und obschon er sich einen Vorwurf daraus machte , konnte er sich nicht überwinden , eben jetzt seine Karte bei dem Hauswart abzugeben und sagen zu lassen , daß er morgen in den Vormittagsstunden vorsprechen werde . Unentschlossen , wohin er sich wenden solle , kehrte er nach den Linden zurück , und weil ihm die Aussicht , den Abend einsam in der Stube seines Gasthofes zuzubringen , unerträglich fiel , beschloß er , seinen Oheim aufzusuchen , obschon dieser im Grunde der Letzte war , den wiederzusehen er Verlangen trug . Aber Renatus war in einer Verfassung , in welcher jede Unterhaltung , jede Gesellschaft ihm willkommener war , als des Alleinsein mit den eigenen Gedanken , und er war endlich wirklich froh , er kam sich wie geborgen vor , als er auf seine Anfrage den Bescheid erhielt , daß der Graf zu Hause sei , sich freilich nicht ganz wohl befinde , aber sehr erfreut sein werde , den Herrn Baron zu empfangen . Es war noch die Wohnung , noch die etwas prunkende Einrichtung , die der Graf zur Zeit des russischen Feldzuges gehabt hatte ; indeß es war mit beiden doch eine Veränderung vorgenommen worden , und am meisten hatte der Graf selbst sich verändert . Wie er sich einst geflissentlich aus einem preußischen Offizier in einen Napoleonisten verwandelt , so hatte er sich jetzt wieder in das Deutsche zurück übersetzt , und er gefiel Renatus in dieser Gestalt gleich bei dem ersten Anblicke besser , obschon er in dem Zeitraume , in welchem sie einander nicht gesehen , verhältnißmäßig sehr gealtert hatte . Sein Haar , das er vor Jahren in der dicken französischen Locke bis tief auf die Stirn herabhängen lassen , war am Vorderhaupte und an den Schläfen weit zurückgewichen und dünn geworden . Man konnte noch nicht sagen , daß er kahl sei , aber die Stirn war bedenklich hoch , und wenn sein von Natur feines Antlitz dadurch auch noch nicht entstellt ward , so veränderte es seinen Ausdruck doch .