materiellen Interesses zurück und drängte so lange und so artig , so wirklich gefällig in Franziska , daß es dieser vorkam , als wenn sich die grüne Brille des Fortunaballes niemals in so abschreckender Gestalt , fast wie eine Schlange , ihr offenbart hätte . Sie fand ihn leidlich und ging auf die Vorschläge ein , bei ihm wöchentlich drei Stunden zu nehmen . Sie sagte , sie wollte ihm dafür nähen , was er wünschte ; auch Namen zeichnen in Taschentücher oder was er begehre , sie wollte sich ihm dankbar zeigen . Ich will Sie nur gelehrig sehen ! sagte Herr Sylvester und schlug vor , die Stunden bei ihm zu nehmen . In der Königsstraße Nr. 13 ? sagte sie , nein , Das geht nicht ! Er wiederholte vergeßlich : Königsstraße ? ... Sind Sie ausgezogen ! fragte sie . Er schien in Verlegenheit und antwortete : Ja wohl , ja wohl ! Königsstraße ! Franziska meinte nun , die Mühe , zu ihr zu kommen , müsse er sich nicht verdrießen lassen , sonst dürfte sie den Unterricht nicht nehmen . Er versprach diese Bemühung , fürchtete aber , die Wirthsleute seines Zöglings möchten Einsprache thun . Das soll meine Sorge sein ! sagte Fränzchen , und richtig , sie wußte den alten Leuten , als sie aus der Kirche kamen und von der Parade noch die Schlußmusik gehört hatten , das Glück der Bildung und geistigen Vervollkommnung so klar und besonders der Tischlermeisterin anschaulich zu machen , daß die Stunden ihren Anfang nahmen . Zwar hatte Fränzchen mit Herrn Sylvester viel auszustehen . Anfangs wollte er durchaus die Verbindungsthür zwischen beiden Zimmern geschlossen wissen , dann , als ihm Fränzchen dies abschlug , wurde er nichtsdestoweniger oft hinter den schützenden Blumen und der rankenden Kresse wieder so unartig wie nach dem Fortunaball . Aber auf ein ernstes : Herr Professor ! sammelte er sich und Fränzchen lernte so geschwind ihre Vokabeln , übte sich so fleißig in den Präparationen , daß sie sichtbare Fortschritte machte . Das dauerte vier Wochen , bis Onkel Heunisch kam . Ärgerlich über die Weigerung seiner Nichte , den jungen , hübschen und reichen Sandrart zu heirathen , kam er gerade mit einem Besuche des Herrn Sylvester zusammen , maß diesen Mann von oben bis unten und von unten bis oben , ließ sich Dies und Jenes erzählen , hörte Heinrich ' s Klagen , daß Fränz zu hoch hinaus wolle , und daß sie mit diesem Sprachmeister in ' s Gerede komme , und erklärte ihr , als die Stunde vorbei war , daß dies die letzte gewesen wäre . Wie ? sagte Fränzchen entrüstet . Heunisch antwortete ruhig : Er dulde diese Ausschweifungen nicht länger ! Sie wäre armer Ältern Kind und müsse ihr Brot von anderer Leute Gnade essen ... Punktum ! Der alte Kerl dürfte hier nicht mehr über die Schwelle kommen . Franziska war erst fast ergrimmt . Dann aber fügte sie sich und war zuletzt mit diesem Entschluß umsomehr zufrieden , als sie doch von Louis Armand , dem all ihr Mühen und Lernen galt , vergessen zu sein schien . Louis Armand ließ nichts mehr von sich hören . Herr Sylvester kam sehr unregelmäßig , blieb oft nur eine Viertelstunde , und nur , wenn Niemand , außer Fränzchen , zu Hause war , konnte sie ihn nicht wieder fort bringen . Er spottete so boshaft , er wußte so viel zweideutige Anekdoten , er blieb so wenig bei der Sache , daß sie in der That das nächste mal zwar mit einer gewissen Befangenheit , aber doch entschlossen erwiderte , dem Onkel seinen Willen zu thun und ihm sagen zu wollen : Herr Sylvester , ich fühle , daß ich für meine Verhältnisse zu viel Zeit auf eine Sprache verwende , zu deren Benutzung mir mein künftiges Leben keine Gelegenheit bieten wird ! So saß Fränzchen an ihrem Fenster , las in der wehmüthigen Stimmung , die das Lied der armen Frau angeregt hatte , die beiden Gedichte wieder durch und nahm das Einerlei ihrer Arbeit vor ... Der Flickschneider von drüben machte manchmal einen Scherz mit ihr . Bon jour , Mamselle ! rief er nach einiger Zeit . Parlez vous français ? Dabei lachte er , ohne es jedoch so bös mit seinem Spotte zu meinen , wie ihn die alte Märtens , die nebenan eben die Zeitung laut buchstabirte , nahm und sich unterbrach mit den Worten : Portugal ... Dem Heiland sei Dank , daß die Menschen bald nicht mehr solche schändliche Reden hinter uns ehrlichen Leuten werden sagen können ! ... Schon wieder ein Erdbeben gewesen ... Ich begreife nicht , wie Eins dies so lange hat dulden können ! ... Fünf Häuser sind eingefallen . Während Fränzchen diese harten von einem portugiesischen Erdbeben unterbrochenen Worte überdachte , verfloß wol eine Viertelstunde und wieder rief der Flickschneider - nach einer Viertelstunde - über den Hof : Habe ja die Flöduse so lange nicht gehört . Guter Mond du gehst so stille ... das ist mein Leibstück , Mamsell ! Frau Märtens mußte wol nebenan durch ' s Fenster ihm eine Miene des traurigsten Achselzuckens machen ; denn ganz laut hörte Fränzchen den Seufzer , der mehr jene Gebehrde begleitete , als den Vorfall , daß in Mexiko eine Bergwerksgrube eingestürzt war und dreizehn Indianer verschüttet hatte . Die Flöte aber blies Heinrich Sandrart , wenn der junge Soldat von Fränzchen nicht beachtet wurde und wol eine Stunde neben ihr gesessen und kaum ein Wörtlein von ihr vernommen hatte . Dann ging er traurig nebenan und langte sich eine Flöte her , die er bei der Frau Märtens auf der Commode unter den darauf prangenden , großen bunten und vergoldeten Jahrmarkts-Deckelgläsern und einigen lehrreichen Schriften liegen hatte und blies dann so still für sich , aber zur Freude des ganzen Hinterhofes , einfache Volksmelodieen , wie er sie gerade auswendig konnte oder im Ullagrunde von den Knechten