machte . Als er gegangen war , fand die Frau Tischlermeisterin den gelehrten Mann doch so übel nicht . Fränzchen aber riß das Fenster auf und meinte , er hätte eine Atmosphäre hinterlassen , daß sie frische Luft schöpfen müsse . Dennoch setzte sie sich an ihren Nähtisch und dachte dem Lobe nach , das Herr Sylvester seinem Landsmann Louis Armand gespendet hatte . Der widerliche Mann erschien ihr bei längerm Nachdenken jetzt schon minder abschreckend und eines Abends , als der » Zufall « wollte , daß Sylvester ihr , wie sie gerade von der Arbeit kam , wieder in den Weg trat , war er so artig , so manierlich , so zuvorkommend , daß sie zwar Anfangs im Gehen nicht inne hielt , nicht unter ihrem zierlichen Strohhütchen , dem ein blaues Band sehr gefällig stand , aufblickte , aber doch zuhörte , was er , wenn ihn der asthmatische Husten nicht plagte , so neben ihr , in seinem gebrochenen Deutsch , hinplauderte . Er erwähnte wieder die großen Talente des jungen Armand , sprach von vielen unverfänglichen Dingen und empfahl sich an der Thür ihres Hauses mit so viel Artigkeit und so wenig aufdringlich , daß sie ihm wenigstens das eine wenn auch kalte Wort : Ich wünsch ' Ihnen einen guten Abend gönnte . Mehr hatte sie ihn nicht gesprochen ... Oben in ihrem Stübchen fand sie damals einen Brief von Louis . Er schickte ihr jenes Gedicht und bat sie , seiner zu gedenken , so lange ihn ernste Pflichten fern hielten ... » Derselbe junge Mann , sagte er in dem Briefe , der schon einmal so freundlich war , an den guten Herrn Märtens einen Auftrag auszurichten , hat mir das beifolgende Gedicht übersetzt , das ich Ihnen widme , meine liebe Franziska ! Möge es Ihnen den Trost in Ihrer Einsamkeit gewähren , daß wir Parias der Gesellschaft doch einen stillen Bund geschlossen haben , indem wir für unsere Empfindungen einen gemeinsamen Cultus hegen . Die Reichen und Vornehmen sind nicht so glücklich , sie hassen sich . Wir Armen können uns lieben . « Das letzte Wort in diesem Briefe entzückte Fränzchen ; aber Paria in der Gesellschaft und Cultus ? ... Das waren zwei Worte , die Franziska selbst mit Hülfe mehrer Jahrgänge des Pfennigmagazins , der ganzen Belesenheit der Tischlerin und selbst mit einer Anfrage bei dem gegenübersitzenden Schneider nicht entziffern konnte und ihr unverständlich waren , wie das Gedicht selbst . Sie empfand nun plötzlich das Bedürfniß einer höheren Bildung . Wer sollte ihr sagen , was ein Paria der Gesellschaft und der Cultus ist ? In ihrer nächsten Gedankenreihe fühlte sie , daß es gewiß ein großes Glück wäre , wenn man französisch gelernt hätte und sonderbar ! Von dem Augenblicke an bildete sich ihr der Gedanke : Herr Sylvester hat sich so lange nicht sehen lassen , ich möchte ihm wol einmal wieder begegnen ! Dies geschah zwei Tage später . Herr Sylvester begegnete ihr nicht nur , sondern er wagte sich sogar noch einmal zur alten Frau Märtens an einem Sonntage , wo er vielleicht wußte , daß diese strengen Sittenrichter in die Kirche gegangen waren . Heinrich Sandrart hatte Parade und Fränzchen that dem Sergeanten nicht den Gefallen in die große Allee zu gehen , wo er stolz mit seiner Gardecompagnie unter Befehl des ihm seit dem Fortunaball nicht besonders gewogenen Lieutenants von Aldenhoven , vor sich einen Flottwitz und hinter sich einen Flottwitz , in dem Bataillon des Majors von Werdeck marschirte ... Vergebens sah sich der Sergeant rechts und links um , ob unter den Zuschauern nicht Fränzchens Strohhut mit dem blauen Bande sichtbar wurde . Vergebens hörte er den Lieutenant von Aldenhoven ihm zuraunen : Was gaffen Sie denn , Sandrart ? ... Der Zorn trieb ihm das Blut in ' s Gesicht ... aber Fränzchen war zu Hause , kümmerte sich nicht um die Parade , nicht um Heinrich Sandrart ' s goldene Litzen , sie saß unter ihrem gelben kleinen Bibi und knusperte mit ihren weißen Zähnen an den Hanfkörnchen , die der Verschwender über ihr niederfallen ließ . Da trat Herr Sylvester ein , sehr elegant , sehr fein , wie ein vornehmer Herr , der sicher heute noch bei einem Minister speiste . Herr Sylvester sagte , er wollte sich erkundigen , wie es mit seiner Bestellung wäre , der reiche Herr drängte um die Einrahmung seiner Bilder , die große Meisterwerke wären und glänzende Ausstattung verdienten . Fränzchen bedauerte Louis ' Abwesenheit , erzählte , daß er sich der Pflege des kranken Fürsten Egon widme , den er von Paris kenne und zeigte sich so im Zuge , so angeregt über Alles , was Louis betraf , daß Herr Sylvester Muth faßte , sich umzusehen und sich sehr beherrschte , nicht wieder in den lüsternen Ton zu fallen , den er , häßlich und widerlich genug , nach dem Fortunaball angestimmt hatte . Das Gespräch kam auf die französische Sprache und Fränzchen erkundigte sich , was ein Paria der Gesellschaft und der Cultus wäre ? Cultus , sagte Herr Sylvester und lächelte so stark , daß man an seinen eingesetzten Zähnen fast die feinen Drähte und das künstliche Zahnfleisch sah , Cultus ist die Verehrung , die Liebe ist ein Cultus , meine liebe Franziska , und die Parias sind eine unglückliche Kaste von Menschen in Indien , die arm , elend , verstoßen sind und bleiben , weil sie arm , elend , verstoßen geboren wurden und nichts lernen können . Sind Das einige Erinnerungen aus den Gesprächen mit Louis Armand ? Fränzchen erröthete und die Folge der weiteren Forschungen und Schmeicheleien des Herrn Sylvester war die , daß sich der feine Mann erbot , ihr französischen Unterricht zu geben . Als sie , halb erschrocken , halb doch innerlichst erfreut , Anstand nahm und mit lächelndem Scherz auf ihre leere Kasse deutete , wies Herr Sylvester jede Zumuthung an die Voraussetzung eines