sei und daß ihr die Stütze gefehlt habe , welche jeder Mensch nur in dem Anlehnen an die Kirche und ihre ihn überwachende Gewalt mit Sicherheit zu finden vermöge . Das räumte man ihm willig ein . Einem Mädchen , das unter der Aufsicht frommer Nonnen im Kloster erzogen worden , einem Mädchen , dem der Rath und die Aufsicht eines gewissenhaften Beichtigers zur Seite gestanden , hätten solche Abenteuer nicht begegnen können . Man entschuldigte endlich Eleonore mit einem niederdrückenden Mitleid und man begann gleichzeitig , die Herzogin zu tadeln , die , nur auf weltliche Vortheile für sich und ihre Freunde bedacht , es verabsäumt hatte , ihre Nichte auf den Weg des Heils und in die Arme der Kirche zu führen . Renatus hatte von all diesen Gerüchten einen empfindlichen Rückschlag zu erleiden . Er sah sich von seinen Bekannten und Umgangsgenossen mit einer mehr oder weniger verhehlten Neugier betrachtet , die Näherstehenden wagten vorsichtige Fragen , um , wie sie behaupteten , den an sie von allen Ecken und Enden gestellten Erkundigungen entsprechen zu können , und die Verwirrung seines Gemüthes machte ihm die Nadelstiche , die ihm fortwährend zu Theil werdenden kleinen Verletzungen und Kränkungen nur empfindlicher , ihn nur ungeduldiger in ihrer Abwehr . Alles , was sich bis dahin ganz von selbst für ihn zurecht gelegt , ihn ganz natürlich gedünkt hatte , wurde ihm nun plötzlich zu einem Gegenstande , der reifliche Erwägung forderte . Es war zu bedenken , ob er in dem Palais der Herzogin bleiben könne , bleiben solle , zu bedenken , ob es gerathener sei , Paris zu verlassen , die Gesellschaft zu meiden und dem Uebelwollen das Feld zu räumen , oder sich zu behaupten und zu versuchen , in wie weit es möglich sei , auch Eleonoren dabei nützlich zu werden . Und bei dem allem lag ihm die Besorgniß , daß man seine Ehre antaste , ohne daß er das Geringste thun könne , dies zu hindern , schwer auf der Seele . Hier und da stieß er auf Fragen , auf Andeutungen , die sein Blut zum Sieden brachten ; mehrmals stand er auf dem Punkte , die vorsichtig Zudringlichen , wie es sich nach seinen edelmännischen und militärischen Begriffen gebührte , zu blutiger Rechenschaft zu ziehen , aber die Besonnenen unter seinen Genossen und Kameraden wußten die Zerwürfnisse beizulegen und ihn zu beschwichtigen , indem man ihn daran mahnte , daß der Ruf der Gräfin durch jedes neue Aufsehen neuen Gefahren ausgesetzt sei , und daß in dem Verhältnisse , in welchem die preußischen Truppen sich in Paris befänden , für den Chef derselben nichts ungelegener kommen könne , als ein Duell unter seinen Offizieren , oder gar das Duell eines seiner Offiziere mit einem zum Hofe gehörenden Franzosen . Trotz ihrer Krankheit verlangte die Herzogin es auch ganz ausdrücklich , daß ihr junger Gast unter ihrem Dache bleiben solle . Sie ließ es ihn durch den Arzt wissen , daß es ihr beruhigend sei , einen ihr befreundeten Menschen in ihrer Nähe zu haben , für den die Ungunst ihres Königs kein Grund sein könne , sich von ihr zurückzuziehen , und dem sie keinen Nachtheil zuzufügen fürchten müsse , wenn er sich ihr anhänglich erweise . Mit zitternder Hand schrieb sie ihm an einem der folgenden Tage , daß sie ihn noch zu sehen hoffe , ehe sie vom Dasein scheide , und da die Freude an der schönen Form in ihr nur mit dem Leben selbst erlöschen konnte , fügte sie den zwei Zeilen am Schlusse die Wendung zu : da sein Vater ihr in Leid und Sorge seine Hand gereicht , so habe der Himmel wohl die Hand des Sohnes auserwählt , ihr die müden Augen zuzuschließen . Renatus blieb also in ihrem Hause . Von Seiten seiner Freunde und Vorgesetzten sah man dies gern . Es ließ ihn schuldlos an dem Geschehenen erscheinen , und er selber war zu reinen Sinnes , um es der Herzogin zuzutrauen , daß sie ihn gerade deßhalb und eben nur aus Rache gegen Eleonore bei sich festzuhalten suchte . Wenige Tage nach der Abreise der Gräfin , als Renatus sich eines Abends zu Hause und einsam in seinem Zimmer befand , ward der Abbé ihm angemeldet . Er sagte , daß er eben erst angekommen sei , daß er eben erst mit höchster Bestürzung das Geschehene erfahren habe . Mit mehr Lebhaftigkeit , als er seinem Ausdrucke sonst zu geben pflegte , beklagte er es , daß er nicht im Stande gewesen sei , dem Rufe der Gräfin zu folgen . Er beurtheilte sie weit weniger streng , als in seiner letzten Unterredung mit dem Freiherrn , versicherte , daß er ihr gleich heute schreiben werde , und billigte es durchaus , daß Renatus in der Nähe der Herzogin geblieben sei . Dann ließ er sich bei dieser anmelden und wurde von ihr trotz der späten Abendstunde angenommen . Von dem Tage ab kehrte er regelmäßig am Morgen und am Abende wieder , und der Arzt that keinen Einspruch dagegen . Das Uebel der Kranken stellte sich als ein unheilbares heraus und machte raschen Fortschritt . Man gönnte ihr also jede Erquickung und Zerstreuung , deren sie begehrte . Der Abbé kam und ging . Er hatte es vor Niemandem Hehl , daß er an einer Aussöhnung der Herzogin mit ihrer Nichte arbeite ; er hatte sogar verschiedene Zusammenkünfte mit dem alten Fürsten von Chimay , den er in das Interesse zu ziehen suchte . So lange man auf die Verbindung Eleonorens und des Prinzen Polydor gerechnet hatte , war es zwischen den Betheiligten als selbstverständlich angesehen worden , daß Eleonore die Erbin der Herzogin wurde und daß auf diesem Umwege der Prinz zu dem Besitze des Vermögens gelangte , welches die Herzogin ihm zuzuwenden wünschte . Jetzt wollte sie ihrer Nichte natürlich diese Vortheile entziehen , und der Fürst seinerseits wünschte sie zur Abfassung eines Testamentes zu Gunsten seines Sohnes