hat , wie bei einem übervollen Gefäße ... Fränzchen hatte der Sängerin einige Pfennige gegeben . Sie untersuchte nicht , wie mechanisch und geläufig schon jener Bettlerin dieser religiöse Gesang sein mochte , sie empfand ihn wie eine unmittelbare Eingebung gerade nur zur Lösung ihrer eigenen gepreßten Stimmung . Wie einige große , schwere Thränen auf ein Häubchen fielen , das sie der Frau Meisterin richtete für den nächsten Sonntagskirchgang zu Propst Gelbsattel - Frau Märtens liebte erhabene Anregung - zog sie die Schublade ihres Nähtischchens noch weiter heraus , hob einen gelbgebeizten kleinen Deckel auf und zog zwei Papiere hervor , die sie neben sich hinlegte . Das eine enthielt , von Siegbert auch in deutschen Lettern niedergeschrieben , seine Übersetzung des französischen Gedichtes von Louis Armand , das andere ein zweites Gedicht , das ihr Heinrich Sandrart , der junge Sergeant , verehrt hatte . Das französische Gedicht hatte sie Anfangs , als eine Huldigung des Mannes , den sie mit so hoher Verehrung liebte , überrascht , dann aber bei mehrmaligem Lesen war es ihr befremdlich geworden . Sie hatte wochenlang nichts mehr von Louis vernommen , die vielen Bestellungen , die für seine Bilderrahmen und Spiegelformen einliefen , wurden vorn von dem verschlossenen Comptoir hierher an den Tischler Märtens verwiesen und auf eine große Schiefertafel für die Zeit verzeichnet , wo endlich zu hoffen stand , daß Louis Armand aus dem stolzen Palaste seines hohen Gönners zurückkehren würde . Wie wuchs da des armen Mädchens Verlangen , doch irgend etwas von diesem einschmeichelnden , sanften und so zarten jungen Fremdling zu vernehmen und nun erschrak sie regelmäßig , daß ihr sein Gedicht so wenig verständlich war ! Da waren Wendungen , so schrill , so schneidend , daß es ein unschuldiges deutsches Mädchen kalt überlaufen mußte und doch entzückte sie wieder das stolze : » Nur weine nicht « , mit dem jeder Vers trotz seines schlimmen und fast höhnischen Inhaltes schloß ... Heinrich Sandrart dagegen , der seit dem Fortunaball sich an sie geklettet hatte wie mit einer wahren Toggenburg-Treue , der junge Sergeant hatte in seinen Versen sogleich das Beste , das Höchste , das Schmeichelhafteste von ihr gesagt . Er redete sie mit so glänzenden , so wohlthuenden Bezeichnungen an , nannte sie seines Lebens Sonne und seiner Hoffnung Wonne , sprach vom lichten Schimmer ihrer Augen , dem Kelch , aus dem er Liebe wollte saugen , und sah die Jugend und die Tugend in ihr treugepaart und nannte sie einen Edelstein unübertrefflich in seiner Art. Das Alles klang , besonders von Frau Märtens schmelzend vorgetragen , gar lieblich und schmiegsam und war bis jetzt das Einzige , was für Heinrich Sandrart bei ihr sprach . Wie oft hatte sie ihn gebeten , ihr nicht mehr des Abends da , wo sie gearbeitet hatte , aufzupassen und sie nach Hause zu begleiten ! Wie zürnte sie ihm , daß er offen und frei mit den alten Märtens sprach , seine edelsten Absichten diesen Leuten zu erkennen gab und diese umsomehr für sich gewann , als er sich in der Eigenschaft eines reichen Bauernsohnes genügend ausweisen konnte ! Wie litt sie unter den Vorwürfen der Frau Tischlermeisterin , die ihr wegen ihrer Sprödigkeit gegen den hübschen jungen Sergeanten in gewählter Sprache gemacht wurden ! Dieser kam nie ohne eine Aufmerksamkeit , nie ohne ein kleines Geschenk . Einen Blumenstrauß , eine kleine Näscherei , ein Bildchen führte er fast immer bei sich , wenn er sich sehen ließ . Aus den Rockschößen seiner feinen Patentuniform langte er das feinste Obst hervor und hielt sich Abends und Morgens , wo er nur Zeit fand , stundenlang , wenn nicht an Fränzchen ' s Seite selbst , doch bei den alten Märtens auf , die gern mit ihm plauderten , weil er gemüthlich und noch über das Pfennigmagazin hinaus unterrichtet war . Fränzchen war nicht etwa kokett oder schnippisch gegen ihn . Gerade , weil sie ihn nicht lieben konnte , war sie einfach und duldsam gegen seine Besuche und fand nichts darin , daß er ihr oft , während sie arbeitete , einen Kuß von der Hand stahl , die im Nähen sich nicht verstecken konnte . Sie trug gern kurze Ärmel in der guten Jahreszeit , mußte nun aber ihr bestes , schönes , blaues Kleid tragen , nur um durch lange Ärmel zu verhindern , daß Heinrich Sandrart stundenlang auf ihre zarten weißen runden Arme blickte , gierig sich mit seinen liebesirren Blicken an der feinen Haut weidete und ehe sie sich ' s versah in die weichen Formen einen brennenden Kuß drückte . Ihn mit Gewalt von sich zu weisen , hatte sie den Muth nicht . Wer gab ihr ein Recht , an Louis Armand wie an eine Hoffnung zu denken ! Hatte er sie nicht in diesen letzten Wochen ganz vernachlässigt ? War ihr mehr von ihm noch geblieben , als daß sie manchmal mit zitternder Hand auf die Schiefertafel für seine kunstvollen Arbeiten Bestellungen schreiben konnte , die nach seinen Thonformen schon einige Gesellen des alten Märtens auszuführen versuchten ? Dann kam es wol , daß sie denn doch immer und immer Louis ' Gedicht vor sich nahm und es mit Heinrich ' s verglich und trotz der schönen und freundlichen Wendungen des letzteren an jenen herben und schroffen Worten einen Gefallen fand , über das sie sich keine andere Rechenschaft geben konnte , als daß unglückliche Liebe doch wol auch herb und bitter mache . Zur Vermehrung ihres Leides war nun sogar der Onkel Heunisch angekommen und hatte in rascher Weise mit allen ihren Bedenklichkeiten Kehraus machen wollen . Da wurden im Bunde mit Madame Märtens Heinrich ' s Glücksumstände gepriesen und als sie immer darauf bestand , sie wollte noch nicht heirathen , hieß es , so möchte sie in das Forsthaus nach Hohenberg mitkommen und dem Onkel die Wirthschaft führen . Die Ursula sträube sich zwar dagegen , aber der Onkel , dem das Heirathen