hier ein geflügeltes Kreuz im Gottesherzen nicht aufwärts , den Flammen der göttlichen Liebe zu , sondern kopfüber geradeswegs zur Hölle . Da ein ganzer Volksstrom zum Gebirge hinaus war , um dem prächtigen , von den Franciscanern begleiteten Leichenconduct beizuwohnen , so war die Kirche nur wenig besucht und ausschließlich von der vornehmen Welt . Zu dieser Sphäre stand Norbert Müllenhoff - Bonaventura war beim Leichenbegängniß - in einem gleichsam nur hinter dem Rücken derselben strengen und schroffen Verhältniß . Hinterrücks hatte er alle Floskeln von » breiweicher Sentimentalität « , » Empfindungsrührei « , » Stunden der Andachtspinselei « , » Lavendel-Christenthum « , immer in Bereitschaft , aber ein Schwindel überkam ihn , davon etwas in unmittelbarer Gegenwart der hier ohnehin höchst andächtig gestimmten Vornehmheit selbst anzuwenden . Und heute war ihm förmlich beklommen zu Muthe ; denn er hatte eine Einladung nach Witoborn erhalten zu einer hochfrommen Frau von Sicking , die mit ihm eine Berathung anstellen wollte über die auf Ostern hin zum ersten male hier zu Lande zu versuchenden » Exercitien « . Ein ganzer Kreis vornehmer Gläubigen von nah und fern wollte zusammentreten und in einem von Frau von Sicking bewohnten , zwischen Witoborn und Westerhof gelegenen Landsitz zum ersten male vierzehn Tage lang bei verschlossener Eingangspforte desselben unter geistlicher Oberleitung religiösen Uebungen obliegen . Die Dame entschuldigte ihre Nichtanwesenheit in der Kirche und bat den Herrn Pfarrer bei ihr zu Mittag zu speisen und das Nähere gemeinschaftlich zu besprechen ... Müllenhoff war von dem Wohlgeruch des feinen Billets ganz betäubt und verrichtete seinen Gottesdienst mit einer Zerstreuung , die ihm sogar die Anwesenheit des Schulmeisters als Meßners statt Tübbicke ' s gleichgültig machte , ja ruhig mit anhören ließ , daß der Schulmeister berichtete : Tübbicke ' s Herzblättchen liegt auf den Tod ; er ist nach Witoborn und will , wenn nichts hilft , nach dem Schloß und die Gräfin um Hülfe bitten ! ... Gräfin Paula , die Kranke durch Gebet und Berührung heilte , war in der Kirche anwesend . Armgart saß neben ihr , das ganze Stift und Tante Benigna . Ja er hörte , daß der Zeichner des Teppichs , Herr Dr. Laurenz Püttmeyer , der berühmte » Philosoph von Eschede « , auch der Messe heute zuhörte , die auf dem von ihm gezeichneten Teppich gelesen wurde ... Einigemal verklingelten sich die Ministranten ... aber Müllenhoff ließ alles geschehen ... Er dachte nur an die Einladung der Frau von Sicking , an Exercitien mit Höhergebildeten ... Nach der Messe war es schon elf Uhr , die Baronin erwartete ihn um zwei ; er eilte etwas zu frühstücken und dann rasch noch etwas die bekannte Anleitung zu Exercitien von Ignaz Loyola durchzusehen ... Es war schon still und einsam um die Kirche her . Der Schulmeister begleitete ihn und erzählte , daß Tübbicke schon den » Bruder Strasburger « auf dem Schlosse untergebracht hätte . Müllenhoff hörte nichts , zog nur das zarte Billet aus der Tasche und athmete seinen Duft ein ... Frau von Sicking war eine der gottseligsten Witwen der Gegend , noch höchst anmuthig , sehr reich und sehr selbständig ... Er mußte mit sich kämpfen , in der Praxis dasselbe zu bleiben , was er mit der vornehmen Welt in der Theorie war . Da geschah es zum Glück , daß die Kathrein sagte : Herr Pfarrer ! Der Meyer ist da , der Moorbauer , der Finkenmüller , der Hennicke und auch der Leyendecker ! Kathrein mußte das zweimal berichten ... Nun besann er sich . Es waren die Mitglieder des Kirchenconvents und des Rügengerichts ... Die Männer waren gekommen , weil heute doch die ganze Gegend feierte ... Es galt dem nun überall in Deutschland beginnenden ersten Ausbau des kirchlich-sittlichen Lebens und wenn auch Müllenhoff gern gehabt hätte , sein Vorgesetzter , der Domherr , wäre bei dieser Scene zugegen gewesen , so ergriff er doch die Gelegenheit , den gefährlichen Schwindel , den ihm das Esbouquet der Frau von Sicking verursachte , jetzt männlich zu bekämpfen , aß sein Frühstück , gerührte Eier mit Schinken , hieb in das schwarze Brot hinein , trank einige Züge kräftigen Biers und trat in sein Empfangszimmer , wo ihn aus dem ehrerbietigen Gruße von fünf Männern » der verstockte Geist des ganzen Jahrhunderts « zum Kampfe herausforderte ... Aha ! Aha ! rief er , mit der Serviette in der Hand und sich noch den Mund wischend , als er eintrat und die stehenden Männer aufforderte , sich zu setzen ... Er fand fünf Männer , den Meyer von Westerhof , den Finkenmüller , der das Wirthshaus zum Finkenhof hielt , den Moorbauer und zwei andere aus der Gemeinde , nicht zu gewaltige Gestalten , eher schmächtige , mit tief herabhängendem Haar über den kleinen Stirnen , im Auge eine etwas ungewisse und scheue Lebhaftigkeit ... Der Meyer überreichte ein langes Schreiben , worin er alle Punkte aufgesetzt hatte , die sie nach langem Streit endlich von ihrem Pfarrer beherzigt wünschten ... Müllenhoff nahm das Papier , als wäre es ein alter schmutziger Lumpen , und fragte : Wer hat das - - gesudelt ? Der Meyer stockte , sagte aber zuletzt : Der Schreiber vom Herrn Landrath ! So ? Also an ketzerisches Volk wendet man sich hier ? ... Damit schnitt er sich eine Feder zum Zahnstochern ... Der Schreiber ist ja katholisch ! ... hieß es . Und er schrieb ' s bei mir ... ergänzte der Finkenmüller ... Aha ! Aha ! Drum riecht das Papier so nach Taback und Branntewein ! ... Nun gut ! ... Wir werden ' s ja sehen ... Was steht denn nun hier ? Im Grund war Müllenhoff froh , wieder auf die Art in sein rechtes polemisches Fahrwasser zu kommen ... Er las das Geschriebene und begleitete jeden Satz mit einem ironischen : Ei , ei ! Sieh ! Sieh ! Auch gut ! Bravo ! ... Allmählich kam er in ein