kam darüber in jene , deren Zahl unverheirathete Damen ein Decennium lang nicht überschreiten - sie kam an die Dreißig . Zu dieser Zeit scheint das Herz seine Rechte gefordert zu haben und man flüstert von einer geheimen Liebe mit einem Abenteurer - einem fremden Offizier - der sich einige Zeit hier aufhielt und auf irgend eine Weise Carriere zu machen suchte , nachdem er vergeblich den Liberalismus und die Revolution zur Leitersprosse benutzt hatte . Seiner ehrgeizigen Speculation scheint jetzt eine Chance sich zu bieten - man nennt seinen Namen als Zugabe zum orientalischen Feldzug . Ich kenne das Nähere jener tendre liaison nicht und weiß nicht , wie sie zum Abbruch gekommen , sondern nur , daß die Gräfin im letzten Winter von ihrem Vater genöthigt wurde , ihren jetzigen Gatten , den Typus steifer , hohler Form und geistlosen Hochmuths und ihr an Jahren weit überlegen , zu heirathen . Einen Monat darauf starb ihr Vater , das neue Ehepaar aber ist erst vor zwei oder drei Wochen von seiner Reise zurückgekehrt . « » Aber das Verhältniß zu jenem Weibe , das doch den untersten Volksklassen angehört ? « » Das , lieber Freund , kann ich vielleicht fürchten , mag ich aber nicht wissen , ehe mir die Kenntniß nicht von anderer Seite aufgedrängt wird . Glauben Sie mir , man lernt in Berlin manche trübe Blicke in das Leben der Familien thun , die allen Schimmer und allen Glanz zum Moder machen und zeigen , wie selten das Hemd des Glücklichen zu finden ist . Es ist so viel Schein , so viel Trug und Elend in der großen Stadt , die dort vor uns sich hinstreckt , daß dem scharfen Beobachter bange wird um ' s Herz , wenn er ein solches hat . Wahre Humanität fehlt . « » Ich habe stets gehört , daß Berlin eine so große Anzahl wohlthätiger Anstalten und Stiftungen besitzt , wie keine andere protestanische Stadt . « » Sie haben Recht ; die Könige und Königinnen Preußens haben mit offener Hand und weiser Umsicht wahrhaft Erhabenes für die Leiden und unermeßlich mehr geschaffen , als diese Stadt ihnen je gedankt hat , weil sie sich einbildet , vor dem ganzen Lande ein Recht darauf zu haben . Da drüben das Gehölz verhindert uns , eine der erhabensten Stiftungen frommen Wohlthuns zu sehen : Bethanien . Auch die Privatwohlthätigkeit thut unendlich viel und giebt bei allen Gelegenheiten gern und viel . Ich erinnere Sie an den Brand von Hamburg . In neuerer Zeit jedoch fängt an , die Eitelkeit des Gebens überhand zu nehmen . Man beginnt mit zwei gefährlichen Dingen ein böses Spiel , das leicht das wahre Gefühl abstumpfen kann , man macht in Wohlthätigkeit und in Patriotismus , eine Art Annoncen- und Prahlerei-Geschäft gleich den sich überbietenden Kleiderhändler-Affichen . Es ist wahr , der Berliner hat gern zu Allem sein Stück Vergnügen , und wenn er liest : Der große Künstler X.X. wird sich zum Besten der und der Ueberschwemmten beide Beine abschneiden lassen und dann auf dem Kopf eine Polka tanzen , so steuern Tausende und aber Tausende zu dem guten Zweck höchst neugierig bei . Indeß es ist ie Pflicht der Volkserziehung hier , das Ne quid nimis zu halten und namentlich die häufig im Hintergrunde lauernden eigennützigen oder ehrgeizigen Speculationen der Einzelnen zu beschränken , sonst untergräbt das vorhin besprochene christliche Judenthum selbst uns diese beide schönen und ehrenden Gefühle1 . Auf der , einen Seite das fortwährende Gift des Liberalismus und Materialismus , auf der andern das Lächerlich- und Widrigmachen - das genügt , um auch den Granit eines im Ganzen noch braven Volkssinnes zu untergraben . « » Sie sehen finster ! « » Das beiläufig ; - es ist traurig , daß man immer wieder auf das politische Feld hinüberschweift , während ich Sie doch blos von socialen Gebrechen unterhalten wollte . Doch dort eben bietet sich mir ein geeignetes Bild zur Rückkehr . Sehen Sie dort die Equipage , den Herrn mit dem starren Aktengesicht und der hochnäsigen , breiten , wohlhäbigen Miene darin , mit Frau und drei Töchtern - alle Toilette von Gerson . Der Geheimerath - es steht zwischen dem Geheimen und dem Rath freilich noch ein Wort in der Mitte , aber es ist in Berlin Styl , hier zu abbreviren , und die Gesellschaft wimmelt von Geheimeräthen und Doctoren ( selbst Ihr Ergebenster par courtoisie ) , gerade wie von Dresden von Baronen , Wien von Herren Von ' s und die rheinischen Fremdenlisten von Mhlady ' s ! - also der Geheimerath hat ein ganz anständiges Einkommen , gerade so viel wie acht wackere Subalternbeamten in seinem Büreau , und dennoch petitionirt er beim Minister alljährlich um Gratification zur Badereise und Zulage zu Weihnachten , und wo irgend ein Diäten-Extraordinarium in der Luft schwebt , schnappt er es den Untergebenen vor der Nase weg . Dabei lebt der Mann für gewöhnlich zu Hause viel schlechter , als ein Subalternbeamter in der Provinz . Warum ? Um im Winter seine Empfangsabende und Soiréen zu geben , bei denen ein jammervoller Thee , ein dünn gestrichenes Butterbrot mit durchsichtigen Schinkenscheiben , ein Punsch oder Cardinal mit zwölf Theilen Wasser und einem Theil Rum oder Wein , aber unendlich viel Toilette , Musik , Gelehrsamkeit , Singakademie und lebenden Bildern gereicht wird ; um alle Concerte und Opern mitzumachen , dazu nie die werthe Familie zu Fuß gehen , sondern beim trockensten Wetter vorfahren zu lassen u.s.w. u.s.w. Glücklich und ehrlich , wenn er noch mit den häuslichen Entbehrungen davon kommt und sich nicht auf ' s Schuldenmachen legt ! « » Die allgemeine Genußsucht ist überall im Steigen « » Das ist ' s , was ich sagen wollte . Eine bescheidene Lebensfügung schwindet immer mehr . Ich weiß in der That nicht , wie viele Subalternbeamten- und andere Familien , deren Einkommen man doch ziemlich genau überschlagen kann , in der Gegenwart