Tischlersleute wohnten und dann erst eine große Kammer , in der Fränzchen Heunisch wie eine Taube auf einem Giebel saß . Die auf dem Fortunaball ihr von Jeannetten gemachte wenig erfreuliche Aussicht , sie als Schlafgenossin in diesen engen Raum aufzunehmen , war glücklicherweise nicht in Erfüllung gegangen . Jeannette war bei dem verwundeten Neumann geblieben und hatte sich unter dem Vorwande der Pflege ihres Bräutigams im Schlurck ' schen Hause gewaltsam festgesetzt . Sie kannte die Nachgiebigkeit der Ältern , die sie gern duldeten . Nur Melanie konnte sich vorläufig noch nicht entschließen , sie wieder in ihre Nähe zu lassen . Fränzchen Heunisch wohnte allein und war seit einigen Wochen mehr daheim als sonst . Melanie , bei der sie wöchentlich oft vier Tage hatte arbeiten müssen , ließ sie nicht mehr so oft kommen wie sonst . Seitdem man sagte , Fräulein Schlurck wäre mit dem Stallmeister Lasally verlobt , schien sie weniger die Gesellschaften zu besuchen und schränkte sich auf die Toilette ein , die sie schon besaß . So blieben dem jungen , überall gern gesehenen , bescheidenen Kinde nur noch einige wenige Herrschaften , die sie mit ihrer Eitelkeit ernährten aber auch plagten und wie gewöhnlich nichts nach Wunsch bekommen konnten . Am meisten war sie daheim und arbeitete still für sich an den ihr gegebenen Aufträgen . Friede und Stille umgab sie . Die Thür des Nebenzimmers war fast immer geöffnet ; die alte Frau Tischlermeisterin wirthschaftete in der Küche oder las geistliche Bücher , die Zeitungen , Pfennigmagazine , oder was sonst von Colporteuren wohlfeil in diese kleinen Hütten bescheidener Lebensansprüche getragen wurde und bei dieser Frau eine etwas konfuse Bildung erzeugt hatte . Der alte Meister arbeitete noch rüstig in der Werkstätte . In ihrem Kämmerchen hatte Fränzchen gern das Fenster auf und saß anmuthig wie ein Blumengeist mit ihrem zarten , feinen Köpfchen unter den Levkoyen und dem Goldlack , der in Töpfen um sie her stand . In einem kleinen erdgefüllten Kasten wurde sogar Kresse gezogen , die sich jetzt im Spätsommer am Bindfaden schon hoch zum Giebel des Fensters hinaufrankte . Ein Kanarienvogel , leider nur in einem hölzernen Bauer , ( Fränzchen ' s Wunsch ging für ihren gelben kleinen Bibi sehr auf einen drahtgeflochtenen ! ) hing fast über ihr , wenn sie gedankenvoll , halb vegetirend saß und nähte . Manches Hanfkorn fiel von dem hüpfenden Bibi auf die zarten Wollbesätze und Puffen und Volants , die sie nähte . Vor ihr stand ein Nähtischchen , das ihr der alte Märtens zu monatlichen Abschlagszahlungen einmal auf Weihnachten verehrt hatte in Anerkennung ihrer nun schon über vier Jahre fleißig gezahlten Miethe und ihres sittlichen lobenswürdigen Verhaltens . Da waren in der aufgezogenen Schublade Kästchen an Kästchen und soviel bunte Seide , soviel weißer , feiner Twist lag vorräthig , daß sie mit Ruhe jeder neuen Bestellung entgegensehen konnte , ob sie nun von Vornehmen kam oder nur darin bestand , daß sie für Dienstmädchen des Hauses und der Nachbarschaft ein Häubchen zu stutzen oder einen Halskragen zusammenzusetzen übernahm . Auch einiger Vorrath bunter seidner Bänder lag in zierlichen Rollen in jenem Tischchen verborgen . Im Hintergrunde des Zimmers stand ein reinliches Bett auf der einen Seite , auf der andern eine alte geschweifte Kommode und neben einem alten eisernen Windofen , der für eine Kammer ein großer Reichthum , fast eine Überraschung war , stand noch ein Waschtisch , geschmückt mit kleinen unschuldigen Mitteln zur Pflege einer Schönheit , die eigentlich das frische , klare Quellwasser nur als seinen schönsten kosmetischen Beistand nöthig hatte . Aber ein junges Mädchen ist nicht so einfach , daß es sich nicht auch den Luxus einiger Seifen , eines guten Zahnpulvers und einiger Hülfsmittel zur Pflege des Haares gestatten sollte . Das Leben eines solchen kleinen Hofes ist , wenn auch keine Geßner ' sche , doch eine Idylle . Unten hörte man das Sägen und Hobeln aus der Werkstatt . Gegenüber klopfte ein Schuhmacher auf sein Kniebret ; ein armer Flickschneider , der mit kreuzweis geschlossenen Beinen wie ein Türke auf hohem Tisch vor einem offenen Fenster saß , sang sich oder pfiff zuweilen ein schnurriges Lied oder sprach , während er seine Fäden wichste , zu andern Fenstern hinüber oder in die Tischlerwerkstatt hinunter . Eine Katze , die einmal irgendwo an einem Fenstersims oder am Dachrande ein equilibristisches Kunststück versuchte , war ein Ereigniß für den ganzen Hof . Man lachte , lockte , pfiff dem Thier und benützte die Unterbrechung , um die Köpfe aus dem Fenster hinauszustecken und sein Zusammenleben manchmal harmonischer zu fühlen . Zuweilen kamen auch Verkäufer von der lauten , wagenrasselnden Straße herein und schrien Besen , Sand , Lebensmittel aus , die zuweilen einen lauten Handel zur Folge hatten . Fränzchen konnte da von einigen erprobten und resoluten Hausfrauen die Kunst des Feilschens lernen . Oft erschrak sie , wenn die Verkäufer geradezu nur die Hälfte ihres Vorschlags geboten erhielten und traurig genug konnte sie sein , wenn die Waare auch wirklich dafür gelassen wurde , noch trauriger , wenn der Verkäufer abzog und beim besten Willen für so wenige Pfennige seine Waare nicht lassen konnte . Spielleute , die auch hereinzogen , fanden zwar viel Anerkennung und lachenden Dank , aber selten Geld . Kam dagegen eine Frau und sang im Vorderhofe ein geistliches Lied und wurde von den Bedienten , die aus den Hinterfenstern neben den Seifenwassergossen lungerten , ausgespöttelt , so durfte sie nur getrost in den Hinterhof gehen . Ein : Wer nur den lieben Gott läßt walten ! öffnete hier alle Fenster der Armen und Jeder gab der Sängerin , was er noch glaubte entbehren zu können . Eine solche Sängerin hatte eben den Hof verlassen und mit dem letzten Verse des Liedes : Befiehl du deine Wege ! Fränzchen ' s ohnehin thränenvolles Gemüth gerührt ... Es gibt einen Zustand der Seele , wo schon jede leiseste Berührung einer wunden Stelle ein Überfließen zur Folge