wo anders zu suchen . Solche Untersuchungen sind denn nun auch , gleich vom ersten Erscheinen der » Weissagung « an , vielfach angestellt worden , und haben im Laufe von anderthalb hundert Jahren zu einer ganzen Literatur geführt . Katholischer- und seit einem Vierteljahrhundert auch demokratischerseits hat man ebenso beharrlich die Echtheit der Weissagung , wie protestantisch-preußischerseits die Unechtheit zu beweisen getrachtet . Nur wenige Ausnahmen von dieser Regel kommen vor . Die demokratischen Paraphrasen und Deutungen , die an die Weissagung anknüpfen , sind sämtlich tendenziöser Natur , bloße Pamphlete und haben keinen Anspruch , hier ernstlicher in Erwägung gezogen zu werden ; sie rühren aus den Jahren 1848 und 1849 her und sind eigentlich nichts anderes als damals gern geglaubte Versicherungen , der Stern der Hohenzollern sei im Erlöschen . Was die katholischen Arbeiten angeht , die alle für die Echtheit eintreten , so sind sicherlich viele derselben bona fide geschrieben , dennoch haben sie samt und sonders wenig Wert für die Entscheidung der Frage , da sie , ohne mit der Grundempfindung , aus der sie hervorgingen , rechten zu wollen , doch schließlich aller eigentlichen Kritik entbehren . Unter den protestantischen Gelehrten , die sich mit dieser Frage beschäftigt haben , begegnen wir sehr bewährten , zum Teil sogar hervorragenden Namen : Oberbibliothekar Wilckens , Dr. C. L. Gieseler , Professor Giesebrecht , Schulrat Otto Schulz , vor allem Professor Guhrauer in Breslau , meist Historiker , die mit einem großen Aufwand von Studium , Gelehrsamkeit und Scharfsinn die Unechtheit darzutun getrachtet haben . Sie haben indessen , meinem Ermessen nach , den Fehler gemacht , daß sie zu viel und manches an der unrechten Stelle haben beweisen wollen . Anstatt einen entscheidenden Schlag zu tun , haben sie viele Schläge getan , und wie es immer in solchen Fällen geht , sind die Schläge nicht nur vielfach nebenbei , sondern gelegentlich auch zurückgefallen . Man schadet einem einzigen , aber ganzen Beweise jedesmal dadurch , daß man zur Anfügung vieler Halbbeweise schreitet , namentlich dann aber , wenn man bei der Anwendung unkünstlerisch verfährt und , statt aus dem Halben zum Ganzen fortzuschreiten , aus dem Ganzen zum Halben hin die Dinge zurückentwickelt . Ich sagte schon , die Angreifer hätten vielfach an unrechter Stelle angegriffen ; ich muß hinzusetzen , nicht bloß an unrechter Stelle , sondern gelegentlich just an dem allerstärksten Punkte der feindlichen Position . Dieser stärkste Punkt der Lehniner Weissagung aber ist meinem Dafürhalten nach ihr Inhalt , ihr Geist , ihr Ton . Sehen wir , wogegen die protestantischen Kritiker sich richteten . Sie haben zunächst als verdachterweckende Punkte hervorgehoben , erstens , daß der Prophet , wenn er denn nun mal durchaus ein solcher sein solle , vielfach falsch prophezeit , zweitens aber , daß er in vorhohenzollerscher Zeit bereits antihohenzollersch gesprochen habe . Dies deute auf spätere Zeiten , wo es bereits Sympathien und Antipathien in betreff der Hohenzollern gegeben . Auf beide Einwände ist die Antwort leicht . Was die Irrtümer des Propheten Hermann angeht , so hat es sich ja niemals darum gehandelt , endgültig festzustellen , ob Mönch Hermann richtig prophezeit habe oder falsch , es hat sich bei dieser Kontroverse immer nur darum gehandelt , ob er überhaupt geweissagt habe . Wenn nun aber einerseits die Prophetie keine Garantie übernimmt , daß alles Prophezeite zutreffen muß , so übernimmt sie noch viel weniger – und hiermit fassen wir den zweiten Punkt ins Auge – die Verpflichtung , kommenden Herrschergeschlechtern , gleichsam in antizipierter Loyalität angenehme Dinge zu sagen . Der Prophet sagt die Dinge so , wie er sie sieht , und kümmert sich nicht darum , wie kommende Zeiten sich zu den Menschen und Taten stellen werden , die er , lediglich kraft seiner Kraft , vorweg hat in die Erscheinung treten sehen . Nehmen wir einen Augenblick an , die Prophezeiung sei echt , so liegt doch für einen gläubigen Zisterziensermönch , der plötzlich , inmitten seiner Visionen , die Gestalt Joachims II. vor sich hintreten sieht , nicht der geringste Grund vor , warum er nicht gegen den Schädiger seiner Kirche und seines Klosters vorweg die heftigsten Invektiven schleudern sollte . Er weiß nicht , daß er Joachim heißen , er weiß auch nicht , daß er einem bestimmten Geschlecht , das den Namen der Hohenzollern führt , zugehören wird , er sieht ihn nur , ihn und die Tat , die er vorhat – das genügt , ihn zu verwerfen . Dies sagen wir nicht , wie schon angedeutet , zur Rechtfertigung dieser speziellen Prophezeiung oder als Beweis für ihre Echtheit , sondern nur zur Charakterisierung aller Prophetie überhaupt . Wenn nun weder die Irrtümer , die mit drunter laufen , noch der antihohenzollersche Geist , der aus dieser sogenannten Weissagung spricht , etwas Erhebliches gegen die Echtheit beibringen können , so ist doch ein dritter Punkt allerdings ernster in Erwägung zu ziehen . Alle protestantischen Angreifer der Weissagung ( mit Ausnahme W. Meinholds ) sind dahin übereingekommen , daß die sogenannte Lehninsche Weissagung in ersichtlich zwei Teile zerfalle , in eine größere Hälfte , in der es der , nach Annahme der Gegner , um 1690 lebende Verfasser leicht gehabt habe , über die rückliegenden Ereignisse von 1290 bis 1690 zutreffend zu prophezeien , und in eine kleinere Hälfte von 1690 an , in der denn auch den vorgeblichen Mönch Hermann seine Prophetengabe durchaus im Stich gelassen habe . Hätten die Angreifer hierin unbedingt recht , so wäre der Streit dadurch gewissermaßen entschieden . Indessen existiert meiner Meinung nach eine solche Scheidelinie nicht . Es zieht sich vielmehr umgekehrt ein vieldeutigorakelhafter Ton durch das Ganze hindurch , eine Sprache , die überall der mannigfachsten Auslegungen fähig ist und in der zweiten Hälfte , in rätselvoll anklingenden Worten , ebenso das Richtige trifft wie in der ersten Hälfte . Es ist kein essentieller Unterschied zwischen Anfang und Ende : beide Teile treffen es , und beide Teile treffen es