schilderte ihr , wie eine zufällige Unterhaltung , die er gestern mit dem Abbé gehabt und in welcher dieser das Glück der Ehe und der Häuslichkeit gepriesen , ihm das Herz erweicht , wie er seit langer Zeit zum ersten Male wirklich wieder mit Neigung an seine Braut gedacht , wie er ihr dies heute geschrieben , ihr die Empfindung eingestanden habe , die er für Eleonore gehegt , wie er seiner Verlobten eben heute zugesagt , seine Heimkehr nicht länger zu verzögern , seine Verheirathung mit ihr nicht weiter hinauszuschieben . Mit Einem Male fiel Eleonore ihm in das Wort : Und der Abbé ? fragte sie in höchster Spannung - und der Abbé , wußte er , daß Sie gebunden sind ? Es wußte hier Niemand darum , und auch in meiner Heimath ist meine Verlobung nicht öffentlich ausgesprochen , denn ich war sie , ehe ich in ' s Feld zog , ohne daß mein Vater darum wußte , eingegangen ! Eleonore hatte nur die ersten Worte seiner Entgegnung beobachtet . Es war das Einzige , was sie wissen mußte , was für sie noch wichtig war . Als sie das vernommen hatte , versank sie wieder in ihr früheres Brüten . Die Stille konnte Renatus nicht ertragen . Er trat an sie heran , ergriff ihre herabhängende Rechte und , vor ihr niederknieend , bat er : Sprechen Sie zu mir , Eleonore ! Sagen Sie mir , was soll ich thun ? Müssen Sie mich das erst fragen ? entgegnete sie ihm . Er hatte keine andere Antwort von ihr erwartet ; aber es gibt Lebenslagen , in denen man es leichter findet , sein Urtheil von einem Andern , als von dem eigenen Bewußtsein sprechen zu lassen , und die seinige war eine solche . Es war vergebens , daß er sich sagte , wie ein getheiltes Herz , wie die Hand eines Mannes , die er einem Weibe widerstrebend reiche , dieses nicht glücklich machen könnten ! Er hatte sein Wort verpfändet , er war ein Edelmann und hatte dieses Wort zu halten , was auch daraus für ihn selber werden und entstehen konnte ! Es hatte kein Arten je sein Wort gebrochen ! Er erhob sich und trat an das Fenster . Den Kopf gegen die kalten Scheiben gepreßt , ließ er seinen schmerzlichen Gedanken freien Lauf . Er grollte sich , er grollte Hildegard , er grollte der Welt und dem Leben . So blieb er eine Weile stehen , bis Eleonore ihn beim Namen rief . Er blickte um sich , sie stand an seiner Seite , der Schein der untergehenden Sonne umfloß sie mit seinem matten Lichte . Sie sah sehr ermüdet , sehr verändert aus . Wir haben eine schwere Stunde mit einander durchlebt , sagte sie , und deshalb werden wir einander nicht vergessen ! Ich habe Sie um Vergebung zu bitten für mein Thun , ich hatte kein Recht , keinen Anspruch an Sie , es war ein Wahnsinn , der mich erfaßt hatte , als ich über Sie verfügte - und ich allein werde die übeln Folgen davon tragen ! Wohl Ihnen , daß Sie gebunden sind , daß Sie Sich nicht verpflichtet glauben können , meine Vermessenheit mit dem Schilde Ihres Namens , Ihrer Ehre zu bedecken ! Eleonore , um Gottes willen schweigen Sie , demüthigen Sie mich nicht ! flehte er und die Thränen traten ihm in die Augen . Nein , entgegnete sie , Sie sind , wenn auch erst in der letzten Stunde , wahr gegen mich gewesen - ich schulde Ihnen das Gleiche ! Ich liebe Sie nicht , habe Sie nie geliebt und würde Sie nur geheirathet haben , um .... Sie stand auf dem Punkte , ihm die volle Wahrheit zu bekennen , aber da sie dieselbe aussprechen wollte , hielten die Scham des Herzens und die Besorgniß , daß sie gegen die Absichten des Geliebten handeln , daß sie ihn benachtheiligen könne , wenn sie ihr Geheimniß dem Freiherrn verriethe , sie davon zurück . - Ich hätte Sie nur geheirathet , sagte sie mit dem Anscheine der vollen Wahrheit , um einer mir verhaßten Ehe zu entgehen ! Das wäre kein Glück für Sie gewesen , sicherlich kein Glück ! Renatus biß die Lippen zusammen , die Qual schien kein Ende nehmen zu sollen . Und was haben Sie zu thun beschlossen ? fragte er endlich , da die Sonne herabsank und der frühe Abend anbrach . Ich verlasse Paris noch diese Nacht - ich bin durch des Königs Wort dazu genöthigt ! Es lüstet mich auch nicht , vor dem Hofe als - als eine Lügnerin da zu stehen ! Ihre Züge zuckten bei den Worten wie in einem Krampfe , sie hatte Noth , sich zu behaupten , sie konnte nicht gleich weiter sprechen . Kann ich denn nichts , gar nichts für Sie sein , nichts für Sie thun ? fragte Renatus . Ja , gehen Sie zu dem Abbé , sagen Sie ihm , daß ich ihn zu sprechen wünsche , gleich jetzt zu sprechen wünsche ! Der Abbé ist verreist ! wendete Renatus ein . Nein , nein , unmöglich ! rief Eleonore . Renatus sagte , daß er selber in dem Collegium gewesen sei , selber dort den Bescheid von der Abwesenheit ihres gemeinsamen Freundes erhalten habe . Eleonore schellte mit leidenschaftlicher Erregung . Ist kein Brief für mich gekommen ? fragte sie den eintretenden Diener . Eben jetzt hat man diesen hier gebracht , erhielt sie zur Antwort . Sie nahm das Schreiben von dem silbernen Teller , auf dem man es ihr überreichte , und eilte damit an das Fenster . Es war noch hell genug , die wenigen Zeilen lesen zu können . » Eine Weisung meiner Vorgesetzten , « lauteten sie , » zwingt mich , für einige Wochen die Hauptstadt zu verlassen . Sie kann mich möglicher Weise zu einer längeren Entfernung nöthigen .