schon längst in der Welt mit andern ... Dann nahm er sich zusammen ... Er wurde zuweilen so ruhig , daß man ihm seine Freude gewähren konnte , eine Staatskutsche anspannen zu lassen , vier Pferde davor , Kutscher und Vorreiter in Galalivree , und so hinauszufahren in die Gegend . Alle seine Orden trug er dann , saß am offenen Schlage und nickte jedem . Fuhr man durch den Düsternbrook , an der Eiche vorüber , wo er den Deichgrafen erstochen hatte , nach Kloster Himmelpfort , wo er einst Klingsohrn untergebracht , nach Schloß Westerhof , wo er ehedem der Beherrscher aller Verhältnisse , Vormund Paula ' s gewesen war , durch Witoborn , wo der Rittmeister von Enkefuß an seinen Schlag trat und ihm so lange von den Flöhen seines Pudels sprach , bis der Sohn des Kronsyndikus , der Präsident , zuletzt seine ganze Verschuldung arrangirte : so lachte zwar jedermann , aber der vornehme , alte , weißhaarige Herr mit den riesigen Augenbrauen nahm alles für Wohlwollen , grüßte und griff in die Tasche , um auch die Freundlichkeiten zu bezahlen . Er glaubte durch Geld alles machen zu können . Seine Wächter nahmen ihm das Geld ab und erklärten , es später berichtigen zu wollen , womit er sich auch zufrieden gab . Von seiner Vergangenheit erschreckte ihn nichts . Er konnte im Düsternbrook die alte im Absterben begriffene Eiche sehen , an der sein Opfer niedergesunken war , und blieb sich in seiner immer zufriedenen Haltung gleich . Das Gedächtniß verließ ihn fast gänzlich . Wenn es da und dort in voller Helle noch dies und jenes Vergangene beleuchtete , knüpfte er Handlungen daran , die mit den Verhältnissen in keinem Zusammenhange standen . So erkannte er vollkommen wieder jenen Pfarrer von Eibendorf , Herrn Huber , der nach Witoborn als Pfarrer der dortigen kleinen , aber gut dotirten evangelischen Gemeinde versetzt war . Bei diesem ließ er oft seinen Vierspänner vorm Hause halten , ließ sich von den Kindern , wenn Herr Huber selbst nicht da war , die Harmonica spielen , die seinen Sohn Jérôme so oft beruhigt hatte , fragte sogar Madame Huber nach der Bachstelze und übergab kurz vor seinem Tode dem Pfarrer ein Testament mit dem heimlichen Bedeuten , es wäre seine wahre letzte Willensmeinung und nach seinem Tode dürfte nichts anderes vollzogen werden , als was er in diesen Blättern niedergeschrieben hätte . Er ertheilte darin Pensionen an alle Welt , ja an Namen , die schon lange in seiner Gegenwart niemand mehr nannte . So an den Bruder Hubertus , » meinen ehemaligen Jäger , obgleich er mir viel Wild gestohlen « , jährlich 10000 Thaler ; an Dr. Klingsohr , » wenn er exemplarisch lebt und seiner Mutter Ehre macht , ein für allemal 100000 Thaler « ; an eine gewisse Lucinde Schwarz , » aus der Familie derer , die das Pulver erfunden haben « , » alle Kleider von meinen ehemaligen Maitressen , wenn sie dieselben in der Komödie brauchen kann « ; an den Musikus Stammer » das Gnadenbrot und eine ehrenvolle Versorgung , wenn er sämmtliche Kinder von mir anständig erziehen und unterrichten will « ; ... dem Küfer Stephan Lengenich » geb ' ich 100000 Thaler , unter der Bedingung , daß er die Lisabeth heirathet und die Hochzeit auf dem Finkenhof ausgerichtet wird , wo ich alles freihalten werde « ... » Ansprüche meiner zweiten Frau erkenn ' ich nicht an ; auch wenn sie heiliggesprochen werden sollte « - » ihre Kinder soll Leo Perl erziehen , aber wehe ihm , wenn er sie beschneiden läßt . Mein Freund , der Dechant von Asselyn bürgt mir dafür . Die Pension seiner Schwägerin , der Buschbeck , kann dafür verdoppelt werden « ... » Meine Dosen und Bilder vermach ' ich meinem Freunde dem Dechanten Asselyn , aber ich wünsche , daß er weniger mit Juden , als mit Heiligen umgeht « ... » Seinem Bedienten Windhack hat er auf jeden Stern im Himmel in meinem Namen einen Thaler zu legen , was Freiherrlich Wittekind ' sche Kameralverwaltung berichtigen wird . « Pfarrer Huber schickte dies verworrene Geschreibsel an den Sohn des Testators und Universalerben , den Präsidenten ... Die Untersuchung über die Ermordung des Deichgrafen war ein Jahr lang auf falscher Fährte geführt worden . Eine energische , gegen den Kronsyndikus gerichtete Wiederaufnahme hinderte die mannichfach vertheilte Gerichtsbarkeit des hier einschlagenden , an mehrere Souveränetäten vertheilten Terrains . Zuletzt trat der Geisteszustand des Schuldigen jeder Feststellung eines sichern Urtheils entgegen . Im Volke stand die Thäterschaft des Kronsyndikus fest und Sagen gingen genug von einem Galgenrade , das er auf seinem Boden hätte aufstellen müssen , von einem Strick , den ihm der König unter seinem Ordensbande um den Hals zu tragen befohlen , von Geisterspuk und mitternächtigem Grauen aller Art. Der ringswohnende Adel ignorirte etwas nicht Erwiesenes ; aber auch ohnehin war der Umgang mit dem schon lange gekennzeichneten Manne seit Jahren abgebrochen . Bei alledem fehlte , des Präsidenten und der Verwandtschaft mit den Dorstes wegen , nicht ein äußerer Antheil an dem Leichenbegängnisse . Der Kronsyndikus wurde im Familienbegräbniß der reichen Klosterkirche Himmelpfort beigesetzt . Dem Trauerzuge , der ihn von Schloß Neuhof abholen sollte , wohnte der Adel der Umgegend bei . Die Frauen , vorzugsweise die Damen des Stiftes Heiligenkreuz und die weiblichen Bewohner des Schlosses Westerhof , hörten gleichzeitig eine Todtenmesse , die in Sanct-Libori gehalten wurde . Das unausgesprochene , aber laute Geheimniß über diesen wilden Nachbar lag seit Jahren schwer und drückend auf allen Gemüthern und wohl empfand man mit athemloser Beklemmung , wie ein einziger Mensch so einen ganzen Landstrich und tausend Herzen in Beunruhigung hatte versetzen können . Im Mittelalter war alles das gewöhnlich . Auch jetzt noch hatte man ein Gefühl , daß im Lutterberge , dem Fegfeuer des dortigen Adels , eine Seele vergebens auf Erlösung harrte . Nach Armgart ' s uns bekannten Zeichnungen flog