einst thöricht und unvorsichtig genug , ihn zu benutzen und durch seine Eigenschaften als vortrefflicher Gesellschafter bestochen , viel mit ihm umzugehen . Er lohnte mir zahllose persönliche Wohlthaten mit einer öffentlichen Verleumdung . « » Und was thaten Sie ? « » Was konnte ich thun ? Ich ohrfeigte ihn , als ich ihm das erste Mal wieder begegnete , auf offener Straße , und damit war die Sache abgethan . Er ist jedoch einer der gefährlichsten Menschen Berlins und ich möchte wohl wissen , zu welcher Nichtswürdigkeit er seinen Begleiter dort verlocken will - denn er selbst als Winkeladvokat ist schlau genug , sich stets zu sichern . Am 19. März saß er bei der Fahrt der Polen neben dem Fanfaron Mieroslawski . « » Wer ist der Andere ? « » Ich glaube , ein ehemaliger Polizei-Officiant , ein Herr von Hassenpflug oder dergleichen , ich kenne ihn nur vom Sehen . « » Man bricht auf ; ich dächte , auch wir suchten unsern Wagen . « Die Hof-Equipagen mit jenen prachtvollen Gespannen preußischer Zucht , die selbst in England Staunen erregt haben , waren bereits abgefahren , Reiter und Wagen füllten den Weg , betreßte Lakaien suchten ihre Herrschaften , Herren und Damen ihre Equipagen , berittene Constabler die Ordnung aufrecht zu erhalten . Das Gedränge und die Verwirrung waren trotzdem ziemlich groß . » Sehen Sie , Doctor , da fährt eben der russische Gesandte ab , dem Sie morgen vor der Abreise nach Warschau Ihre Aufwartung machen wollen , der hagere blasse Herr . « » Sein Einfluß und seine Thätigkeit hier scheinen bedeutend zu sein ? « Der Journalist lächelte . » Sie haben keinen Begriff von der Apathie der Russen - sie waren der Ansicht , sie hätten Deutschland im Sack und das ist ihr Unglück . Glauben Sie wohl , daß mir neulich noch ein angehender russischer Diplomat , als ich mit ihm über die Stimmung der deutschen Presse sprach , im vollen Ernst sagte : Wir werden ihnen mit unsern Kanonen antworten ! « » Ich glaube selbst , daß ich manche Erfahrungen in Rußland machen werde . « » Ich erinnere mich beiläufig einer guten Anekdote , die mir dieser Tage erzählt wurde . Bei der vorletzten Anwesenheit des Kaisers Nicolaus wollte dieser einem von ihm sehr geschätzten und stets sehr freundlich behandelten hiesigen Künstler ein Zeichen seines Wohlwollens zurücklassen und es sollte in Form einer werthvollen goldenen Uhr geschehen . Einige Tage darauf kommt der Hofmaler zu einer hohen Person und diese sagt ihm : Ich gratulire , mein lieber X. , zu der schönen Uhr , die Sie vom Kaiser erhalten haben . - Der Künstler zieht dieselbe lächelnd hervor und frägt : Wollen Eure Hoheit sie sehen ? - Die hohe Person nimmt das mohnblattartige Fabrikat in die Hand , besieht es staunend und sagt entrüstet : Das ist wohl kaum möglich , da muß ein Irrthum stattgefunden haben . Ich bitte , lassen Sie mir die Uhr , der Kaiser kommt morgen zurück und ich möchte sie ihm zeigen . - Das geschieht , und der Kaiser , als er die Uhr sah , antwortete lachend : Voilà que je connais mon Prince de ...... off ! « » Sie müssen in Ihrem bewegten Leben einen Schatz von Anekdoten gesammelt haben . « » O ja - so ziemlich . Meine Memoiren sind so reich , wie die meines kleinen pikanten Freundes , den wir heute Morgen trafen . Doch - was geht da vor ? - welche Unverschämtheit ! « Es hatte sich dicht neben ihnen eines jener kleinen Dramen entsponnen , wie sie oft so hohnneckend einschneiden in glänzende Scenen und glänzendes Leben . Eine noch junge , elegant gekleidete Frau , sichtlich den höchsten Ständen der Gesellschaft angehörend , war mit ihrem Gatten die Stufen der Tribüne heruntergestiegen und dieser hatte sie einen Augenblick allein gelassen und sich entfernt , um seine Equipage zu suchen . Die Dame war groß und schlank , aber von blassem , leidendem Aussehen . Wer ihr damals unter das verhüllende Capuchon und den Schleier geschaut hätte , wie jenes dicke , vom Branntwein und der Völlerei geröthete Weibsstück es einst gethan , das jetzt bei dem fliegenden , von einem Hunde gezogenen Marketenderkarren stand und kein Auge von der blassen Dame schlug , der hätte leicht darin die Gräfin Marie wiedererkannt , die wir im ersten Bande unseres Buches mit dem heimlich Geliebten zu der Wiege ihres armen verstoßenen Kindes begleiteten . Eines Jahres Gram und Schmerzen vermögen im glänzenden Sommer des Lebens die Züge noch nicht so zu verändern , daß sie nicht wiederzuerkennen wären - das ist den Herbststürmen aufbehalten ! Plötzlich ließ das Weib die Karre stehen und sprang auf die Dame zu , mit der schmuzigen schwieligen Hand die seidene Robe derselben erfassend und festhaltend , gleich als solle die Beute ihr unter keiner Bedingung entwischen . » Donnerwetter ! - der Teufel soll mich holen , oder dat is ja des gnädige ! Madamken von de Jöhre , des Marieken , das ick jepeppelt habe . Se werden mir doch noch kennen , de Müllendorfern aus de Luisenstraße ? « Die Blässe der Dame ging in ' s Leichenhafte über , als ihr Blick auf das Weib fiel , und ein Schauder überlief ihre Glieder bei der Berührung . Dennoch hatte sie Muth und Fassung genug zu dem leisen Versuch , ihr Kleid loszumachen : » Ich kenne Sie nicht , Frau . « Das Weib , dem man ansah , daß sie während des Nachmittags ihrem eigenen Verkaufsartikel reichlich zugesprochen hatte , bekam jetzt ein ganz rothes Gesicht , stemmte den Arm in die Seite und schrie , ohne die Dame loszulassen : » Wat - Sie kennen mir nich , mir , de Müllendorfern , die Ihren Bankert sieben Monate lang jepeppelt ? Na , det sollt ' mir fehlen ! Meenen Sie , ick hätte keene Augen