” Onkel Gustav aber besuchte Lutz in seinem Atelier und machte Agathe eine ausführliche Beschreibung von der silberblauen Chaiselongue , den Louis-quinze-Stühlen , dem ganzen Interieur , das — ach wie lange schon — Herberge und Heimat ihrer leidenschaftlichen Träume war . Agathe fragte sich trotzig , warum Adrian Lutz schlimmer sein sollte als ihr Bruder Walter ? Wenn die Eltern nur wüßten . . . . sicherlich würden sie dann Adrian nicht so ungerecht verurteilen . Er war ihnen nicht sympathisch — das war ' s im Grunde . Unbestimmte Erinnerungen alter Volksmärchen , die aus tiefen , verborgenen Quellen ihrer Phantasie tränkten , weil sie des kleinen Mädchens erste Geistesnahrung gewesen , redeten ihr nun tröstlich von den Prüfungen zur Treue , zum Ausharren , der der König die Geliebte unterwirft — durch brennendes Feuer und stechende Dornen muß sie wandern und durch tiefe , dunkle Nacht — alles muß sie verlassen , was ihr lieb war — an der Hand der anderen , der Falschen , tritt er ihr entgegen . . . Und am Schlusse läuten doch die Hochzeitsglocken , und er hebt sie zu sich empor — sie , die nicht an ihm gezweifelt hat . Laß adlermutig Deine Liebe schweifen Bis dicht an die Unmöglichkeit hinan . Kannst Du des Freundes Thun nicht mehr begreifen , So fängt der Freundschaft frommer Glaube an . Das flüsterte Agathe sich zu mit der Neigung des jungen empfindungsvollen Menschen für das Pathos , für die hohen , tönenden Worte und die hohen , begeisterungstrunkenen Gefühle . Sie liebte Lutz — und sie glaubte an seine Reinheit wie an seine Schönheit , wie an ihre Liebe — glaubte blind , mit Fanatismus — dem Märtyrer gleich , der seinem Gotte Jubellieder singt , während die wilden Tiere seine Glieder zerreißen und er das Herzblut zu des Herrn Ehre opfern darf . Heidlings hörten lange nichts von Martin Greffinger . Nachdem der Regierungsrat es durch heftige Scenen und eindringliche Ermahnungsbriefe versucht hatte , ihn von seinen thörichten , verworrenen Plänen abzuhalten und er den väterlichen Warnungen nur einen hartnäckigen Widerstand entgegensetzte , verbot ihm der Onkel sein Haus . Man ließ ihn seiner Wege gehen , und die Verwandtschaft kümmerte sich nicht mehr um ihn . Denn er war mündig , elternlos und besaß ein kleines Vermögen , von dem er zur Not leben konnte . Freilich war bei seinen unglücklichen Grundsätzen und seiner Verspottung jeder Autorität nichts anders anzunehmen , als daß er sein Geld auf irgend eine unsinnige Weise unter die Leute bringen und schließlich mit dem Bettelstab reumütig bei der Familie wieder anklopfen werde . Walter und der Regierungsrat sprachen oft von dieser Aussicht — mit Zorn , aber doch mit dem heimlichen Wunsch , den Triumph in nicht allzu ferner Zeit zu erleben . Nicht einmal seinen Doktor hatte Martin gemacht . Jetzt redigierte er eine Zeitung , von der Agathe nur wußte , daß keine ihrer Bekannten sie las , und jedesmal , wenn jemand ihren Namen erwähnte , brachen alle in ein verächtliches Lachen aus . Sie mußte also wohl nichts wert sein . Einmal kam ihr eine Nummer in die Hand , man hatte ihr in einem Laden etwas hineingewickelt . Es war schlechtes Papier , elender Druck — und dabei hieß das Blatt so lächerlich prahlerisch : Die Fackel . Agathe las darin — der Ton schien ihr unfein . Wie schade , daß Martin so heruntergekommen war . Sie hatte großes Mitleid mit ihm . Er war gewiß sehr verbittert und unglücklich . Sie hätte gern irgend welchen Einfluß auf ihn geübt , aber wie sollte sie das anstellen ? Trotzdem er jetzt in M. wohnte , war er seit Eugenies Hochzeit gleichsam in eine andere , unterirdische Welt hinabgesunken , zu der Agathe nicht einmal den Zugang gefunden haben würde . Er war der einzige , mit dem sich ihre Gedanken außer mit Herrn von Lutz zuweilen beschäftigten . Sie konnte ihn nicht verdammen — was er auch that , sie fühlte ihm den Weg nach , der dorthin führte , wo es dunkel und schaurig war . Als sie ihn einmal auf der Straße traf und er mit eiligem Gruß an ihr vorüber wollte , stand sie still , gab ihm die Hand und fragte schüchtern , wie es ihm ginge . Ein freundlicher Schein kam in sein düsteres , hart gewordenes Antlitz . Er schüttelte ihr sehr herzlich die Hand und sah sich noch einmal nach ihr um . Etwas von der alten Kinderfreundschaft für ihn lebte plötzlich in ihr auf . Sie hütete die flüchtige Begegnung als ihr Geheimnis . Papa und Mama waren verreist , sie wollten das Opferfest in Bornau zubringen . Agathe sollte erst die Wäsche fertig besorgen und ihnen dann folgen . Es hatte so viel geregnet , daß die Sachen nicht zur rechten Zeit trocken geworden waren , und Papa wollte sich von seiner Urlaubszeit nicht noch ein paar Tage rauben lassen . Der Arzt hatte die Erholung dringend für ihn gefordert . Warum mußte er nur gerade jetzt so angegriffen sein ? Gerade jetzt M. verlassen . . . es wurde Agathe furchtbar schwer . Zuweilen sagte sie sich : die Reise konnte nun auch einmal eine Prüfung für Lutz werden — wenn sein Gefühl nicht eine kurze Trennung bestand , so war es weiß Gott wenig genug wert . Aber man konnte nicht wissen . . . Von Stolz und Freudigkeit war nichts mehr in ihrer Liebe — der letzte Rest war von angstvollem Bangen verzehrt . Sie hatte den ganzen Tag ordentlich gearbeitet , sich künstlich zu einem heftigen Thatendurst steigernd , und schickte nun die beiden Mädchen mit den Körben voll gelegter Wäsche zur Rolle . Es war ein trüber Abend , feiner Regen ging nieder . Ungewöhnlich früh kam die Dämmerung geschlichen . Agathe hatte sich auf die Chaiselongue gelegt . Wie wenig sie jetzt leisten konnte — jammervoll . Ein Klingeln schreckte sie aus leichtem