des jungen Mädchens war wieder in dunkle Gluth getaucht , wie vorhin beim Tanze , als sie dem Blick ihres Vormundes begegnete , aber der ganz ungewohnte Ton aus seinem Munde ließ ihren Trotz aufflammen ; sie richtete sich sehr entschieden auf . „ Wenn Du wünschest , Onkel Arno – “ „ Jetzt nicht ! “ unterbrach er sie mit einer abwehrenden Handbewegung . „ Es ist allzu spät heute , und ich wünsche Deine Mutter nicht zum Zeugen der Unterredung . Ich erwarte Dich morgen früh in meinem Arbeitszimmer ; da wirst Du mir auf meine Fragen Rede stehen – gute Nacht ! “ Er wandte sich ab , ohne ihr die Hand zu reichen oder ihr Zeit zur Erwiderung zu lassen , und schritt nach dem anderen Ende des Saales . Gabriele stand stumm und betreten da ; es war das erste Mal , daß die Strenge und Schroffheit des Freiherrn sich gegen sie kehrte , und zum ersten Male fühlte sie , daß die unvermeidliche Katastrophe nicht so leicht vorübergehen werde , wie sie bisher in ihrer Sorglosigkeit geglaubt . Erst als die Mutter nach ihr rief , fuhr sie aus ihrem Nachdenken auf und eilte an deren Seite . Raven folgte ihr mit den Augen ; seine Lippen waren fest zusammengepreßt , wie im verhaltenen Zorn oder Schmerz , und auf seiner Stirn lag es finster , wie eine Wetterwolke . „ Ich muß die Wahrheit wissen , “ murmelte er . „ Freilich , was wird es sein – eine Kinderthorheit ! eine flüchtige Reisebekanntschaft , die sich die Beiden mit der nöthigen Romantik ausgeschmückt haben und die in einigen Wochen vergessen ist . Gleichviel , ich werde dafür sorgen , daß es von Blicken nicht zu Worten kommt und daß der Sache bei Zeiten ein Ende gemacht wird . “ Der nächste Morgen brach trübe und sonnenlos an . Er brachte einen nassen , kalten Septembertag , der mit vollem Nachdruck ankündigte , daß es nun mit der Herrlichkeit des Sommers vorbei sei und der Herbst seinen Einzug halte . Ein feiner Staubregen sprühte nieder ; die Berge verschwanden hinter einem dichten Nebelschleier , und im Schloßgarten jagte der Wind die ersten Blätter von den Bäumen . Freiherr von Raven befand sich allein in seinem Arbeitszimmer . Das mittelgroße Gemach mit der hoch gewölbten Decke und der tiefen Nische des einzigen breiten Bogenfensters machte in der That einen düsteren Eindruck . Es war nicht minder prachtvoll eingerichtet als die übrigen Räume des Schlosses , aber diese Pracht wirkte hier entschieden als Einfachheit . Die kostbare Holzbekleidung der Wände , die schweren geschnitzten Eichenmöbel , die reichgewirkten Vorhänge – das alles war durchweg in dunklen Farben gehalten , und der alterthümliche Kamin von schwarzem Marmor schloß sich dieser Einrichtung an , die absichtlich das Glänzende zu vermeiden schien . Der Schreibtisch mit seiner Last von Papieren und Schriften , die Bücher an den Wänden ringsum , in denen alle Gebiete des Wissens vertreten waren , und die Karten , Pläne und Zeichnungen , die auf den Tischen lagen , gaben ein Bild all der hundert verschiedenen Interessen und Anforderungen , die hier ihrer Erledigung harrten . Dieses Zimmer war nicht zum behaglichen Wohnen oder stillen Ausruhen geschaffen ; alles darin trug den Stempel ernster , unausgesetzter Arbeit und Thätigkeit . Raven arbeitete sonst viel in den Morgenstunden ; heute saß er am Schreibtische , den Kopf in die Hand gestützt , ohne einen Blick auf die zahlreichen Briefe und Eingaben , Berichte und Verfügungen zu werfen , die vor ihm lagen . Auf seinem Antlitze lag jene Blässe , welche eine durchwachte Nacht anzudeuten pflegt , und der strenge Ausdruck trat deutlicher als je hervor ; sonst waren die Züge eisern und unbewegt wie gewöhnlich . Er schien ganz in finsteres Nachsinnen verloren zu sein und sah nicht auf , als die Thür des Arbeitszimmers geöffnet wurde . Der da eintrat , war der Diener , den er nach den Zimmern der Baronin gesandt hatte , um sein Mündel rufen zu lassen , und der jetzt meldete , daß die junge Baroneß sogleich erscheinen werde . In der That folgte sie schon nach wenigen Minuten . Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 17 , S. 271 – 274 Fortsetzungsroman – Teil 9 [ 271 ] Gabriele schloß die Thür hinter sich und trat ein . Sie war im einfachen weißen Morgenkleide , aber weder diese Einfachheit , noch das graue , trübe Licht des Herbsttages vermochten es , den Liebreiz ihrer Erscheinung zu beeinträchtigen . Das gestrige Fest hatte bei ihr auch nicht die geringste Spur hinterlassen ; ihre elastische Jugend kannte noch keine Müdigkeit und Abspannung . Das Gesicht war so blüthenfrisch wie immer , und jetzt lag noch die leise Röthe der Erregung darauf , denn es war für das junge Mädchen kein Geheimniß mehr , was in dieser Unterredung zur Sprache kommen sollte . Es war , als fiele mit der hellen , leichten Gestalt ein Sonnenstrahl in das düstere Gemach ; es schien auf einmal lichter darin zu werden . Auch der Freiherr mußte einen ähnlichen Eindruck empfangen haben . Er stand auf und ging der Eintretenden einige Schritte entgegen . Der Ausdruck seiner Züge milderte sich bei ihrem Anblicke , und seine Stimme klang wohl noch ernst , aber nicht mehr streng , als er sagte : „ Ich habe verschiedene Fragen an Dich zu richten , Gabriele . Ich gab Dir schon gestern Andeutungen darüber und erwarte die volle , uneingeschränkte Wahrheit von Dir zu hören . “ Er bot ihr einen Sessel und nahm ihr gegenüber Platz . Die Haltung der jungen Dame zeigte weit mehr Zuversicht als Bangigkeit . Es war ihr freilich gestern Abend klar geworden , daß sie diesmal ihren Willen nicht mit bloßem Trotz und einigen Thränen durchsetzen