„ Ich habe ja Dienst , “ sagte er ruhig . „ Ich muß um vier Uhr in ' s Dorf hinunter . “ „ Und deshalb warst Du um drei Uhr bereits unsichtbar geworden ? Leugne doch nicht , Walther , Du bist davongelaufen , weil Du merktest , daß ich die fürchterliche Absicht hatte , ein Gedicht vorzulesen , dessen Abschrift ich wieder einmal habe abzwingen müssen . Uebrigens nützt die Flucht wenig — Du wirst bei der Rückkehr dennoch mit allgemeiner Acclamation empfangen werden . Unser Major sucht seinen ganzen unerschöpflichen Vorrath von Flüchen der Reihe nach herunter , um nachdrücklichst zu bekräftigen , daß er so etwas in seinem Leben noch nicht gehört , der Adjutant hielt eine , um so zartere Rede — Du weißt , er ist so eine Art Schöngeist , macht selbst stark in Aesthetik , und Du hast ihm mit Deiner Gelehrsamkeit gleich von Anfang an bedeutend importirt . Er führte uns zu Gemüthe , wie hochbegnadet wir doch eigentlich vom Schicksal seien , uns die Waffengefährten eines Dichters nennen zu dürfen , den Deutschland dereinst als seinen ersten Genius begrüßen wird , eine ausgezeichnete Rede , uns etwas zu lang ! Die Lieutenants schwören bei allen Göttern der Ober- und Unterwelt , wenn die Franzosen einen Barden besäßen , der sie vor der Schlacht mit ähnlichen Gesängen begeisterte , so hätten sie uns mehr zu schaffen gemacht , den großartigsten Effect aber hat Deine Poesie auf den dicken Hauptmann hervorgebracht – er hat das Trinken darüber vergessen ! “ „ Laß doch die Possen ! “ sagte der junge Offizier halb unwillig , indem er in seine liegende Stellung zurücksank . „ Possen ? Ich gebe Dir mein Wort , daß ich Dir das Gesagte nur buchstäblich wiederhole . Hörst Du den Gläserklang ? Das gesammte Offiziercorps garantirt Dir soeben feierlichst die Unsterblichkeit . Ich bin abgesandt , auf den flüchtigen Sänger zu fahnden und ihn lebend oder todt zur Stelle zu schaffen . Man verlangt stürmisch Deine Gegenwart . " „ Verschone mich ! Du weißt , wie sehr mir dergleichen Ovationen zuwider find . “ „ Du willst wieder nicht kommen ? Natürlich ! Wir sollten uns nun nachgerade daran gewöhnt haben , daß Lieutenant Fernow nur zu haben ist , wenn es zum Dienst oder in ' s Gefecht geht . Du läufst vor jeder Anerkennung davon wie Andere vor der Strafe ; das mußt Du Dir noch abgewöhnen , Walther es paßt wirklich nicht für den ‘ künftigen Genius Deutschlands ’ . “ Fernow war inzwischen aufgestanden , hatte den Helm , der neben ihm im Grase lag , aufgesetzt und schnallte jetzt den Degen fester . Wer noch vor zwei Monaten den gelehrten Professor der Universität B. gesehen , der hätte ihn freilich nicht wieder erkannt in diesem jungen Krieger , dem der Waffenrock so knapp und fest um die schlanken Glieder schloß , als habe er sein Lebelang nichts anderes getragen . Fort war die krankhafte Blässe und die tiefen dunklen Ringe um die Augen , fort war der gebückte Gang und das ganze leidende Aussehen . Dunkler Sonnenbrand lag jetzt auf Stirn und Wangen , in denen das Blut kräftiger pulsirte , das blonde Haar quoll , wenig gepflegt , in üppigerer Fülle unter dem Helme hervor , der sonst streng verbannte Bart sproßte kräftig um das Kinn , die aufrechte militärische Haltung kostete dem nunmehrigen Landwehrlieutenant augenscheinlich nicht die geringste Mühe mehr , und die Hände , die freilich ihre ganze Zartheit eingebüßt hatten , faßten dafür mit um so kräftigerem Griffe den Degen . Die sechs Wochen im Felde hatten Wunder gethan , man sah es auf den ersten Blick — die Radicalcur des Doctors Stephan hatte angeschlagen . „ Ihr legt allesammt meinen Liedern zu viel Werth bei ! “ sagte er ablehnend . „ Die Verse , die die Begeisterung des Augenblicks schufen , zünden auch im Augenblick , und später , wenn die Bewegung endigt , die sie gebar , fallen sie der Vergessenheit anheim . “ „ Meinst Du ? “ fragte der Arzt ernster werdend . „ Das erlaube ich mir denn doch zu bezweifeln . In Deinen Liedern braust mehr als bloßer Schlachtenlärm , wenn Du ihm vielleicht auch einst dankbar sein wirst , daß er Dein Talent aus seinem Schlummer aufrüttelte und Dir die Bahn wies zu künftiger Größe . " „ Vielleicht ! “ sagte Fernow düster . „ Und vielleicht auch macht eine Kugel heut oder morgen der ganzen Herrlichkeit ein Ende ! “ „ Kannst Du denn die ewige Schwermuth nicht loswerden ? “ schalt der Doctor . „ Walther , ich glaube wahrhaftig , Du trägst irgend eine unglückliche Liebe mit Dir herum . “ „ Warum nicht gar ! “ rief Fernow heftig , indem er sich abwandte . Die dunkle Röthe , welche früher schon sein bleiches Gesicht bei jeder heftigen Erregung überfluthet hatte , stieg auch jetzt wieder , wenngleich weniger sichtbar , in das gebräunte Antlitz . Dem Arzt war sie bei der raschen Bewegung seines Freundes entgangen . Er war ein jüngerer College Stephans , Privatdocent an der Universität in V. , und durch den Krieg gleichfalls aus seiner Stellung gerissen . Er und Fernow hatten sich so obenhin gekannt , hatten , wie man zu sagen pflegt , auf dem Grüßfuße gestanden und hin und wieder ein paar flüchtige Worte gewechselt . Dabei war es geblieben , drei Jahre lang , das Kriegsleben hatte sie in wenig Stunden zu genauen Bekannten und in wenig Wochen zu Freunden gemacht . Der immer froh gelaunte junge Doctor lachte laut auf über seine eigene komische Idee . „ Ich wäre auch wirklich neugierig auf das ‘ wie , wo und wann ' ! Seit wir im Felde sind , bin ich Dir nicht von der Seite gewichen , und in V. hast Du ja kein weibliches Wesen auch nur angeschaut , weshalb Dich die schönere Hälfte der