alle die Buß- und Betübungen , denen er sonst so eifrig oblag , völlig aufgegeben . Das nahm alles wie mit einem Schlage ein Ende . “ „ Er wird eingesehen haben , daß sie nutzlos und , “ meinte der Prälat kühl , „ und er hat Recht , ich tadle gerade das am wenigsten . Sonst haben Sie keine Klage über ihn ? “ Der Prior zögerte , gern hätte er seinem Hasse Luft gemacht , aber er wußte zu gut , daß er für jedes seiner Worte einzustehen hatte . Der Prälat war nicht der Mann , ihnen blindlings zu glauben , ohne Untersuchung . „ Nein ! “ sagte er endlich . „ So mag die Sache vorläufig auf sich beruhen . Benachrichtigen Sie inzwischen den Pfarrer . “ „ Hochwürdigster , “ begann der Prior wieder mit seiner kriechenden Demuth . „ Es ziemt mir freilich nicht , einen Rath ertheilen zu wollen , wo Reverendissimus bereits entschieden haben , aber diese Bestimmung – ohne dem Pater Benedict nahe treten zu wollen – ich zweifle dennoch an seiner Zuverlässigkeit . “ „ Ich habe längst daran gezweifelt ! “ sagte der Prälat kalt , „ und eben deshalb soll er fort . Hier im Convent hütet er Blick und Wort wohlweislich , weil er weiß , daß jede Miene beobachtet wird ; hier ist dieser Verschlossenheit nichts zu entreißen . Wir wollen es einmal mit der Freiheit versuchen , vielleicht zeigt sich da eher , was eigentlich an ihm ist . Selbstverständlich wird für die nöthige Ueberwachung gesorgt . Sie haben doch zuverlässige Leute an jenem Orte ? “ „ Den Schullehrer , auf den ich mich in jeder Hinsicht verlassen kann . Von dem alten schwachköpfigen Pfarrer Clemens konnte er freilich nicht viel berichten , in Bezug auf Pater Benedict stehe ich dafür , daß uns auch nicht eine Silbe von seinem Thun und Lassen verborgen bleibt . “ „ Es ist gut . Instruiren Sie den Mann genau , ich werde persönlich seine Berichte empfangen . Sollte Benedict seine Freiheit mißbrauchen , so nehme ich ihn wieder in strenge Zucht . “ „ Wenn es nur dann nicht zu spät ist ! “ wagte der Prior zu bemerken . „ Das Nachbarstift hat in dieser Beziehung schlimme Erfahrungen mit einem seiner jungen Mönche gemacht , dem eine ähnliche Stellung zur heimlichen Flucht aus dem Orden verhalf . “ „ Das Nachbarstift verdankt diese Erfahrung seiner laxen Zucht und der Schwäche seines Prälaten , ich habe meine Mönche besser im Zügel ! “ „ Aber gerade Benedict – “ „ Herr Pater Prior , “ unterbrach ihn der Prälat mit stolzer , beinahe verächtlicher Ueberlegenheit , „ wenn Sie es doch mir überlassen wollten , für die Richtigkeit meiner Maßregeln einzustehen . Gerade bei Benedict kann ich das wagen , denn er besitzt etwas , das freilich Sie gewohnt sind immer in den Hintergrund zu stellen , das aber bei solchen Experimenten schwer in ’ s Gewicht fällt , ein Gewissen . Ihm sind Gelübde und Eidschwur nicht bloße Worte , wie so vielen Anderen , er ist noch Schwärmer genug , ihre ganze Wucht zu empfinden . Der vernichtet sich vielleicht selbst , wenn es zum Aeußersten kommt , oder liefert sich in offenem Trotz in unsere Hände , in feiger heimlicher Flucht wird er uns niemals den Rücken kehren , darauf kenne ich ihn ! “ Der Prior verneigte sich unterwürfig , er schluckte die bittere Pille hinunter , die der Prälat mit dem „ Gewissen “ auch ihm zu kosten gegeben , im Grunde war es ja sein Vortheil , wenn Benedict auf einige Zeit entfernt ward , er hatte mehr der Form wegen opponirt . – Der junge Priester stand in seinem Gemach und blickte hinüber , wo aus den Laubkronen der Bäume das Dach des Schlosses von Dobra auftauchte . Ob er sich wirklich eine Pönitenz auferlegte mit dem rasch gefaßten Entschluß ? Der Prior hatte Recht : es war längst vorbei mit den früheren Bet- und Bußübungen ; den Kopf hatte er zur Noth noch damit betäuben können , als aber das Herz sich zu regen begann , sah er ein , daß „ sie nichts mehr nützten “ . Der Kampf war ein anderer geworden von dem Tage an , wo er am Rande des Baches liegend zum ersten Male jene rosige kleine Elfengestalt erblickte , freilich leichter war er darum nicht geworden , und jetzt galt es sich ihm mit einem Gewaltstreiche zu entreißen . Benedict setzte energisch das Messer an die Wunde ; mochte sie zucken und bluten , gleichviel , wenn er nur den Pfeil mit herauszog . Dort oben im Gebirge war er sicher vor einem erneuten Zusammentreffen und vor der gefährlichen traumhaften Poesie der Waldeinsamkeit , sicher hoffentlich auch vor den Träumen , vor denen er selbst an den Stufen des Altars vergebens Rettung gesucht , denn auch der schützte ihn nicht mehr – da galt es , sich selbst zu helfen ! „ Und ich sage Ihnen , irgend etwas ist mit dem Kinde vorgegangen ! Und wenn sie es mir zehnmal in ’ s Gesicht hineinleugnet , und wenn Sie noch so spöttisch die Achseln zucken , ich bleibe dabei ! “ Mit diesem Satze , augenscheinlich dem Schluß einer längeren Rede , setzte sich Fräulein Reich nieder , warf dem ihr gegenübersitzenden Günther einen herausfordernden Blick zu und nahm ihre Handarbeit mit einem solchen Eifer wieder auf , als gelte es , die mit Sprechen verlorene Zeit im Sturm wieder einzubringen . Günther sah in der That etwas spöttisch drein , und er zuckte auch die Achseln , als er gleichgültig erwiderte : „ Aber , bestes Fräulein , wozu die lange Rede und dies Echauffement , um die einfache Thatsache festzustellen , daß Lucie endlich anfängt vernünftig zu werden . “ [ 104 ] „ Vernünftig ? “ Jetzt war die Reihe an Franziska die Achseln zu zucken