zu den zwei Herren hinüber . Dieser Kreuzgang war voll Bildwerk und , wie gesagt , nach dem neuesten Geschmacke gebaut . Seine Säulen waren mit reichem Gesimse gekrönt , auf welchem , in abwechselnder Reihe , je ein Geschöpf der obern oder der untern Regionen saß , hier ein psallierender Engel , dort ein lächerlicher oder boshafte grinsender Wechselbalg . Aber ich verwendete auf diesen Zierat wenig Aufmerksamkeit , denn mein Auge wurde immer wieder von der Steinbank im Klostergarten angezogen . Der Königssohn hielt die Kniee des Kanzlers umfaßt , der nur sanft zu widerstreben schien , bis jetzt Herr Richard mit glühenden Wangen seine letzte Bitte vorbrachte und den Primas noch herzlicher umfaßte . Hier wandte sich Herr Thomas mit traurigem Antlitze weg , aber der Prinz ließ nicht von ihm , bis er auch diese gewährte . Ich hörte , wie der Jüngling während dieses Ringens um die Seele seines Vaters das Wort › baiser ‹ wiederholt ausrief , und erriet , daß es sich um den Friedenskuß der Kirche handle , mit welchem der Primas seine nächste Unterredung mit dem Könige zu weihen und zu beginnen versprechen sollte . Nach einer guten Weile schritten die Herren , der blühende Jüngling zur Linken des kasteiten Bischofs , Hand in Hand an mir vorüber durch den Kreuzgang und trennten sich noch innerhalb desselben . Ich folgte . – Herr Richard neigte sich über die blasse Hand des Kanzlers und benetzte sie mit Tränen kindlichen Dankes . Wahrlich , auch mein Herz jubelte , daß die erbarmungswürdigen Leiden meines Königs zu Ende gingen . Da mußte ich , wehe , über den Häuptern der zwei ein steinernes kleines Scheusal erblicken , das , auf dem Gurt eines Pfeilers hockend , mit seinem Krötenbeinchen höhnisch nach ihnen stieß und dazu die Zunge reckte . Dieses mißfiel mir , obschon es ein Zu fall war , und ich hätte die beiden Herren lieber erst am nächsten Pfeiler sich scheiden sehen , wo ein harfenierender Engel seine Schwanenfittiche ausbreitete . Herr Richard schickte mich dann Hals über Kopf zum Könige , seinem Vater , mit einem Schreiben , worin er diesen bat , um Gottes Wunden und um seines eigenen Heiles willen die den Bitten des Sohnes gewährte Zusammenkunft mit dem Primas zu beschleunigen . Als Herr Heinrich aus dem Briefe entnahm , der Bischof verspreche ihm den heiligen Friedenskuß , litt es ihn nicht länger in seiner Burg , er trieb seine Ritter und schalt seine Knechte , bis wir nach wenigen Stunden spornstreichs verritten – so heiß dürstete ihn nach der Berührung der Lippen , die seine langjährigen Qualen stillen und seinem Leben den Frieden geben sollten , wie sein Glaube war . Es war an einem grauen Tage und auf einer trübseligen Heide , daß die Herren zusammentrafen . Herr Thomas , der mit kleinem Gefolge erschien , hatte Mühe , sich von seinem Tiere zu heben . Er war schmal von Gestalt und schwankend geworden , wie ein in Sonne und Wind verschmachtetes Schilf . Der König stürzte vor , um ihm den Bügel zu halten , den Primas aber hatten seine Mönche schon in ihren Armen empfangen . Er stand ehrerbietig vor meinem Herrn , ein müder Mann ; aus tiefen Höhlen blickten seine Augen und zitternd klang seine Stimme , als er an den König die erste Rede richtete : › Gnädiger Herr , laßt die andern zurücktreten , damit unser Geheimnis unbelauscht bleibe . ‹ Er winkte seine Mönche weg , und der König wies mit hastigem Gehorsam seine Ritter zurück , denn ihn dürstete nach dem Friedenskusse . Ich aber ergriff die Zügel der beiden Pferde und hielt mich mit ihnen in kleiner Entfernung von den Herren , während die andern , Mönche und Ritter , wohl auf die Weite eines Bogenschusses nach zwei Seiten zurückwichen . Herr Heinrich konnte sich jetzt nicht länger halten ; mit gespitzten Lippen näherte er sein zerfallenes , aufgedunsenes Angesicht dem kasteiten , heiligen Haupte des Kanzlers . Es war häßlich und abstoßend , das Antlitz meines Königs , aber so rührend und sehnsüchtig , als begehre es nach dem Genusse des göttlichen Leibes . Was jetzt geschah , Herr , was in dem Innern des Kanzlers vorging , wer kann es sagen ? Ich meine daß dieser Verein von Häßlichkeit und Begierde ihn an die Erwürgung der kindlichen Gnade erinnerte . Er entzog ekelnd seine Lippen dem Könige und betrachtete das nahe Haupt mit Schauder , als erblicke er den Inbegriff jeder Unterdrückung und Schandtat . Doch der König in seiner blinden Sehnsucht ergriff die Arme und suchte den Mund des Kanzlers , als ihn dieser mit einem Schrei des Entsetzens zurückstieß . Wie nun Herr Heinrich mit Schmerz und Zorn gewahr wurde , daß ihm der Primas trotz des gegebenen Wortes den Frieden nicht gewähren konnte , verhärtete sich plötzlich sein Gemüt und er stieß verzweifelnd die Worte aus : › Was hab ich mit dir zu schaden , Thomas ? Was verfolgst du meine Seele ? ‹ Der Kanzler aber war seines Willens wieder mächtig und seines Pfades sicher geworden . Er erwiderte mit ruhiger Hoheit : › Du kennst seit langem meine Natur , o Herr , die in die Stapfen eines Größeren treten muß . Ich bin dessen nicht gewiß , ob der Nazarener , dem ich gehöre und nachzufolgen suche , es über sich gebracht hätte , deine scheuseligen Lippen zu berühren . Den Verräter Judas hat er geküßt , der ihn , die Unschuld und Liebe selbst , verkauft und in den Tod geliefert hat ; aber ob er einen Mund geküßt hätte , der die Seele seines Kindes vergiftete und den Leib der Unschuld verdarb , daran muß ich zweifeln . Und da er zugleich ein Gott ist , wie die Kirche lehrt , so kann er den Mord seines Lammes nicht vergeben ohne eine schwere und völlige Sühne , weil er sich selbst , das heißt die Gerechtigkeit