– immerhin drang das Geheimnis des heiligen Franziskus in eine Tiefe seiner liebedurstigen Seele , die weder Ariost noch Mirabili , weder der Dichter noch der Philosoph hatten erreichen können . So vergingen drei der Kerkerjahre , aber auch Jugendfrische und Gesundheit des Blinden verging . Er welkte . Die dumpfe Luft des Sommers und die Feuchtigkeit des Winters , die Klosterspeise , die ihm geboten wurde und die er , anders gewöhnt , oft unberührt ließ , die Entbehrung heftiger Leibesübungen , wilder Ritte , des Ballspiels , der Fechtkunst , und , mehr als alles das , die Aussichtslosigkeit der Befreiung erschlaffte und lähmte ihn ; denn er wußte – das Wort des Herzogs stand fest – , daß er bei dessen Leben den Kerker nicht verlassen werde . Er selbst ergab sich in sein Los , aber dem alten Mirabili schnitt es in die Seele . Der zerfallende Greis konnte nicht sterben , ohne seinen Liebling befreit zu haben . So entschloß er sich , ohne das Wissen und die nicht zu erhaltende Einwilligung Don Giulios , etwas Wirksames , zur Entscheidung Führendes zu unternehmen . Nach vielem Denken und einigen schlummerlosen Nächten brachte er das wichtige Werk zustande . Es war ein im reinsten Latein verfaßtes Schreiben , denn die italienische Schriftsprache war ihm nicht geläufig , noch erschien sie ihm zu seinem großen Zwecke erhaben genug . Nachdem Mirabili alle berühmten Gefangenen des Altertums , besonders alle unschuldig von Tyrannen in grausamen Kerkern gehaltenen , erwähnt hatte , ging er auf Don Giulio über , den liebenswürdigsten und unschuldigsten von allen , und beschwor den Herzog bei dem Gerichte der Unterwelt und der Nachwelt , seinen leiblichen Bruder zu befreien , indem er persönlich seine Ketten löse und sich auf öffentlichem Markt vor dem Volke mit ihm versöhne . Kurz , es war ein herzlich ungeschickter und ein unheilvoller Brief , welcher den Herzog aufbringen mußte , und leider dieses ungewollte Ziel nicht verfehlte . Schlimmer noch ! Der Herzog wurde mißtrauisch . Er sah hinter dem Anschlage des Alten den des gefangenen Bruders , was freilich ein großer Irrtum war . Er ließ Don Giulio seine herzogliche Ungnade und die Unwiderruflichkeit seines Kerkers wissen und stürzte diesen , dem damals auf einer andern Seite ein süßer Stern der Hoffnung aufgegangen war , in tieferes Elend und auf das Krankenlager . Gleichgeblieben , wie der Kerker Don Giulios , war sich auch der Stand der flavianischen Güter , die der Fiskus zu genießen fortfuhr , da die Gerichte über deren endgültigen Besitz noch nicht gesprochen hatten . Gleichgeblieben war sich die mühselige Werbung des Grafen Contrario um Donna Angela . Gleichgeblieben , nein , gestiegen war ihre Abneigung gegen diesen unsträflichen Freier , dem sie , aufs äußerste getrieben , verzweiflungsvoll erklärte : sie liebe die Gerechten und Tugendhaften gar nicht – mehr schon die ringenden Bösen – am meisten aber die Barmherzigen , wenn sie die Sünder mit starken Armen emporziehen ; über welche unerhörte Rede Graf Contrario sich mit Recht entsetzte . Auch der Herzog hatte zuzeiten an der Gründlichkeit des Wissens und an der kritischen Ader des Grafen kein Vergnügen mehr , besonders wenn dieser mit Kennermiene das nach neuen Erfindungen gegossene Geschütz seines Gastfreundes prüfend umwandelte und jeden einzelnen Teil des Stückes einer eingehenden und vernichtenden Kritik unterwarf . Dann preßte der Herzog den strengen Mund zusammen und ließ den Grafen allein . Nur der Wunsch , Donna Angela , dieses Hindernis der Rückkehr des Kardinals , zu verheiraten und damit wegzuräumen , verlieh ihm die Geduld , den unermüdlichen Tadler zu ertragen , solange es sein mußte . Selbst im Bereiche Lucrezias bestrebte sich der Graf unliebenswürdig zu werden ; doch alle diese Versuche wurden an ihrer anmutigen Geschicklichkeit zunichte , wie sich eine streitsüchtige Brandung an einem sanften Ufer verliert . Da ihm Lucrezia ihr Wittum , die flavianischen Güter , als mögliche Mitgift ihrer jungen Base vorspiegelte , überkam ihn aus Widerspruchsgeist ein großer Ärger , das , was in seinen Augen der rechtmäßigste Besitz war , einem Weibe danken zu müssen , und er erhob sich gegen dieses Ansinnen mit männlicher Würde . Lucrezia aber , die diese Entrüstung nicht für seinen Ernst hielt , antwortete lächelnd : » Und wenn wir beide , die wir uns darum streiten , die flavianischen Güter in zwei Hälften schnitten und friedlich unter uns teilten , den Richtern zum Verdruß ? ... Ich sage es nicht versuchungsweise , wie einst König Salomo , um Euer Herz zu prüfen , Ettore ! Ist doch die Erde kein lebendes Kind mit einem unteilbaren Blut und Leben in den Adern , sondern bestimmt , in Stücke zerrissen , verteilt oder geraubt zu werden ! « Der Graf hätte sogleich zugegriffen , wäre er sich selbst über seine Gefühle für Donna Angela klar gewesen . Am liebsten hätte er die flavianischen Güter ohne sie besessen . Er hatte das edle Mädchen von Anfang an als ein eigenwilliges und unerzogenes Geschöpf betrachtet – doch , o Wunder , seit einiger Zeit geschah etwas mit Angela . Ihre Härte und Herbigkeit verschwand wie die einer schwellenden Frucht , die an der Sonne reift , und welche andre Sonne konnte sie gezeitigt haben , als die Sonne der Liebe ? Welcher Sterbliche aber konnte dieses stolze Herz besitzen , wenn nicht Graf Contrario ? Im Streite seiner Gedanken erbat er sich ein Jahr Bedenkzeit . Während Angela , immer stiller werdend , am Hofe von Ferrara in der demütigenden Gewißheit lebte , daß der Herzog ihr Dasein als ein Übel empfand , dessen er sich gern entledigt hätte , trat Donna Lucrezia auf die Höhe ihres Glücks . Sie hatte Don Alfonso zwei wohlgebildete und begabte Knaben gegeben , und er war ihr dafür , sie täglich höher haltend , von Herzen dankbar . Fast ebensosehr liebte er die wunderbare Klugheit , mit welcher sie in der denkbar schwierigsten Lage , während des venezianischen Krieges , da