immer für den ganzen Tag im Gartenhäuschen ein . Das Weichbild jenseits der Mauer jedoch betrat er nicht . Er erging sich im Lindenschatten des Gartens , las und schrieb , ließ die Rollvorhänge nieder vor den Gartenhausfenstern , die nach dem Fichtengehölz hinausgingen , und schloß die auf Altan und Holztreppchen führende Tür so fest zu , als solle nie wieder ein Menschenfuß da aus und ein gehen . Und diesen einen Tag blieb er auch übermenschlich standhaft in seiner selbstgewählten Gefangenschaft ; ja , er hörte scheinbar äußerst gutmütig zu , als Frau Griebel nachmittags kam und erzählte , daß sie bereits eine neue Magd für Amtmanns gemietet habe . Die stramme Person werde schon in diesen Tagen die Stelle antreten , und da sei sie , die alte Griebel , lieber gleich selbst nach dem Vorwerk gegangen , um den Leuten die Nachricht zu bringen ... Die Hände habe sie Zusammengeschlagen über die Frau Amtmann , die jahraus , jahrein im Bett liegen müsse ; und dabei sei die arme Kreuzträgerin so lieb , so sanft und freundschaftlich gewesen , daß sie kaum die Zeit erwarten könne , wo sie selbst das elende , ganz zusammengezogene Weibchen heben und tragen werde – denn daß sie die Pflege in die Hände nehmen müsse , das stehe bombenfest , nach allem , was sie heute in den paar Augenblicken beobachtet habe ... Die Amtmannsleute seien mutterseelenallein gewesen – der alte Krüppel , der kaum noch über die Stubendielen kriechen könne , habe ihr die Haustür aufschließen müssen , und in der Küche sei mit keinem Auge Feuer noch Rauch zu sehen gewesen , und das gerade um das Kaffeestündchen , wo doch der Ärmste ein Töpfchen voll Zichorienwasser ans Feuer rücke ! – Ein wahres Ärgernis sei es da drüben ! Das vornehme Erziehungsfräulein habe jedenfalls ihr Nachmittagschläfchen gemacht , und die andere – na , von der wisse man ja , wo sie zu suchen sei ! – Die könne aber nun abkommen und sich mit Sack und Pack zu ihrem Forstwärter trollen ; denn die » Neue « sei ein wahrer Dragoner , ein Arbeitsbär , mit Händen , an denen jede rechtschaffene Landwirtsfrau ihre Freude haben müsse . Die bringe das bißchen Kram im Haushalt und die Arbeit auf dem ausgehungerten Felde spielend fertig und gehe in Nägelschuhen und Flanellrock , wie es sich für eine ordentliche Magd auf dem Dorfe schicke – kurz und gut , es sei Zeit , daß drüben gründlich ausgefegt und reiner Tisch gemacht werde , und damit habe dann auch die Schande im Grafenholz ein Ende . Bei dieser Rede hatte die brave , kleine Dicke scharf mit ihren schmalgeschlitzten Äuglein an dem Gutsherrn hinaufgesehen ; denn seit gestern , wo sie die Gottesgabe , den Griebelschen Musterkaffee , unangerührt und eiskalt auf dem Schreibtisch vorgefunden und die auf dem Fußboden verstreuten Geschäftspapiere zusammengelesen hatte , war ihr der neue Besitzer des Hirschwinkels sehr befremdlich , und eben hatte er ja so verdächtig aufgezuckt , als wolle er ihr mit allen seinen schlanken Fingern in die saubergebürsteten , spärlichen weißblonden Haare fahren . Natürlich war sie nicht die Frau , die so etwas bemerkte . Sie hatte nun erst recht » von der Leber weg gesprochen « und war nachher mit dem Bemerken fortgegangen , daß sie heute noch die Mägdekammer auf dem Hausboden für » die Neue « ausräumen und herrichten müsse . Und dann , nachdem die Sonne untergegangen , war es wirklich geschehen , daß eine hastige Hand an der Altantür leise den Schlüssel umgedreht und den Riegel zurückgeschoben hatte ; und gleich darauf war der Gutsherr das Holztreppchen herabgestiegen und zwischen dem Kornfeld und der Gartenmauer hingeschritten ; der Weg lief an den Hintergebäuden des Gutes hin und , über ein Wiesenstück weg , direkt in den Wald hinein ... Der Wandelnde hatte den Hut tief in die Augen gedrückt gehabt , als schäme er sich vor dem wispernden Halmgewoge und den dunkelnden Waldwipfeln , die in ernster Majestät auf eine neue Torheit niedergesehen . Es hatte aber auch jedes Geräusch , das der eigenen Schritte , das ferne Durchbrechen eines Wildrudels im Unterholz , das Huschen der Eichhörnchen droben durchs Geäst , doppelt scharf und nervenberührend geklungen – ein polizeiliches » Halt « vor diesem Wege hätte dem Dahingehenden weit weniger zu schaffen gemacht , als der Gedanke , daß Herr Markus , der gestrenge , unentwegt Rechtliche daheim , hier scheu wie ein Wilderer durch fremdes Revier schleiche ... Und im Stall des Waldhüterhauses hatten die Ziegen verräterisch gemeckert , und der Hund hatte drin die Schnauze an die Fuge der Flurtür gedrückt und geknurrt , zum Ärger dessen , der das Haus umkreist hatte und auf dem weichen Wiesenboden fast unhörbar geschritten war . Die Eckfenster waren noch genau so streng verhüllt gewesen wie gestern ; nur aus einem Fenster an der Nordseite war ein helles Licht in die Abenddämmerung hineingeflossen – und durch dieses Fenster hatte er gesehen , was er gefürchtet , was ihm Verwünschungen auf die Lippen und eine Träne ohnmächtigen Zornes und rasender Erbitterung in die Augen getrieben ... Ja , sie war dagewesen ; sie hatte am Küchenherd gestanden , und eine grelle Flamme war jäh aus dem offenen Herdloch emporgelodert und hatte sie voll beleuchtet ... Er war in Versuchung gewesen , hinüber zu springen und mit einem Faustschlag gegen das Fenster sie aufzuschrecken aus dem tiefen Sinnen , das gleichsam einen Schleier über das schöne Gesicht des Mädchens gebreitet . Dazu wäre ihm aber auch kaum die Zeit verblieben – sie hatte sich plötzlich selbst emporgerafft , hatte mit hastigen Händen die Herdringe über die Flamme gedeckt und war mit einer dampfenden Eßschüssel in der Hand hinter der nächsten Tür verschwunden . Der Mann draußen war noch einen Augenblick stehen geblieben , dann hatte er , sich hoch aufrichtend , gleichsam den Staub von den Füßen geschüttelt und war harten , festen Trittes unter den Fenstern