Gesicht ist ihren Jahren vorausgeeilt , es ist alt und das ist an einem Kinde häßlich , wenn aber ihre Jahre dem Ernst auf dieser hohen Stirn entsprechen und sich die scharfen , bittern Züge bei besserer Behandlung verlieren , dann wird es ein herrlicher Kopf . Ei , ei , ei — solch ein Kind zu haben und es halb tot zu schlagen ! — Solch ein Kind ! “ In den Augen des alten Mannes blinkte etwas wie eine Träne und er nahm leise eine Prise Tabak , um sich zu sammeln , — denn durch seine Seele zog bei diesen Gedanken ein altes , tiefes Weh , das er nicht Herr über sich werden lassen wollte . Die Prise half aber diesmal nichts . Er sah hier vor sich liegen ein kostbares Gut , das ein Unwürdiger , dem es in den Schoß gefallen , verächtlich von sich gestoßen hatte , und er dachte , wie grenzenlos ihn dies Besitztum beglückt hätte , wäre es ihm zu Teil geworden . Er dachte , daß es ihm hätte werden können , wenn sein Herz nicht eigensinnig an der Einen gehangen , die ihm nicht angehören durfte . Nun war ’ s zu spät , er war alt und unwiederbringlich lag die Zeit hinter ihm , in der er die Liebe hätte säen sollen , die er jetzt so gern ernten wollte . Die Leidenschaft , die so lange sein Herz erfüllt hatte , war überwunden und mit den Jahren erstorben , aber in der alten Brust lebten die ewig jungen Triebe eines Gefühls , das stärker ist als alle Leidenschaft . „ Wenn sein geliebtes Weib stirbt , “ dachte er , „ dem steht sie wieder auf in ihren Kindern — wer aber nicht Weib noch Kind hat — der ist doppelt arm . “ So viele Menschenleben waren in seine Hand gelegt , keines aber sollte er „ sein “ nennen ; er hatte so manches Wesen am Leben erhalten , aber keinem hatte er das Leben gegeben . Die schwersten Leiden hatte er durch Liebe lindern sehen , nur er sollte der ­ einst sterben , ohne ein liebes Kind zum Abschied an sein Herz zu drücken , ohne von ihm beweint zu werden . Und wie er so darüber nachdachte , da war es ihm wirklich , als läge er auf dem Totenbette und er fühlte einen weichen Arm sich um seinen Hals schlingen und hörte eine süße , schluchzende Stimme : „ Vater “ rufen ! Es war wohl Ole Luköje , der von Ernestinens Lager her diesen schmerzlich schönen Traum über ihn ausgegossen ; er war so schnell zerronnen , als er ge ­ kommen und nichts ließ er zurück als eine Träne auf der gefurchten Wange des alten Mannes . — Da begann leise die Tür im Schlosse zu zittern , wie wenn ein Lastwagen vorbeiführe und endlich nahten wuchtige Schritte dem Zimmer , welche das Geräusch verursacht hatten . Ehe es der Geheimerat hindern konnte , ward die Türe so weit aufgerissen , als nötig war , um die gigantische Gestalt der Frau Bertha hindurch zu lassen . Sie war in ein funkelneues schwarzes Tibet-Gewand gekleidet , dessen steifes Kattunfutter rauschte und raschelte , während sie auf das Bett zuschwenkte , so , daß das schlafende Kind er ­ schrocken auffuhr und der Geheimerat ein mißbilligen ­ des Schnalzen mit der Zunge nicht unterdrücken konnte . „ Guten Tag , Herr Geheimerat , guten Tag , Tine ! “ sagte sie mit kurzem Kopfnicken . „ Na , Tine , Du lebst ja immer noch ? Da hätten sie auch kein so großes Geschrei um Dich zu machen gebraucht . “ Ernestine warf sich bei dieser barschen Anrede auf die andere Seite und rief : „ O schafft mir doch die Tante fort — ich will sie nicht sehen — ich will nicht ! “ Der Geheimerat bot der Ruhestörerin gefällig den Arm und führte sie , ohne ein Wort zu sprechen , aus dem Zimmer . Bertha fragte verblüfft : „ Na , was soll denn das heißen ? Ich werde doch nach meiner Nichte sehen dürfen ? “ „ Wenn Sie nicht selbst fühlen , meine Gnädige , daß dies geknickte Leben der äußersten Schonung und Liebe bedarf — so muß ich , der Arzt , Ihnen sagen , daß die Verantwortung Sie trifft , wenn meine Sorg ­ falt an dem Kinde zu Schanden wird und es trotz meiner treuen Pflege stirbt . Ich bitte Sie also , entweder Ihre Besuche bei der Kleinen einzustellen oder ihr etwas milder zu begegnen . “ „ Na , um Gotteswillen , “ rief Bertha , „ ich habe ja nur einen Spaß gemacht ! — Herr Jesus , meinet ­ wegen , wickeln Sie sie in Baumwolle , ich habe nichts dagegen . “ Der Geheimerat seufzte unwillkürlich . „ Armes Kind , “ dachte er , „ wenn Du in solche Hände kommen sollst ! “ — Da ward plötzlich die Tür aufgerissen und herein schaute ein Gesicht so erdfahl , leichenhaft , daß Bertha erschrocken zurückfuhr . Es war Leuthold , zur Unkenntlichkeit entstellt . Als er den Geheimerat erblickte , grüßte er ihn mit gewohnter Höflichkeit , dann streckte er seine zitternde Hand nach Bertha aus und sagte , indem ihm hörbar die Zähne zusammenschlugen : „ Liebe Bertha , sei so gütig und komm hinauf ! “ Sie folgte ihm in höchster Angst , denn so hatte sie ihn noch nie gesehen , und das an dem frohen Tage von Hartwichs Begräbnis ! Was konnte da vorge ­ fallen sein ? Er zog sie an der Hand nach sich die Treppe hinauf , seine Finger umklammerten die ihren kalt und starr wie Totenfinger ; ihr graute , als sie so stumm mit einander dahin schritten . Jetzt standen sie an der Tür ihres Wohnzimmers , er trat ein , riß die zögernde Frau jäh mit