, als die junge Witwe am späten Nachmittage desselben Tages in die Gemächer ihrer Schwiegermutter kam , um bei dieser Trost zu suchen , die Kammerfrau ihr sagte , die gnädige Gräfin wolle die Frau ihres verstorbenen Sohnes nicht sehen . Da hatte sich die junge Witwe sofort in ihren Reisewagen geworfen und war zu ihren Eltern geflohen . Weshalb die alte Gräfin die einst so vergötterte Schwiegertochter nicht hatte empfangen wollen , ob sie glaubte , daß sie schuld an dem Zweikampfe gewesen , oder ob überhaupt schon in der letzten Zeit das Verhältnis erschüttert war , wer mag es wissen ? Die Zeitungen brachten nur einen kurzen Bericht über die unglückliche Geschichte . Der Grund des Duells zwischen diesen sonst so befreundeten Herren sei vollständig unbekannt , hieß es darin . Der Baron reiste nicht nach Wien zur Beisetzung . Es wurden viele Briefe gewechselt und Ruth blieb bei ihren Eltern . Frau v. Bendeleben sah unendlich niedergeschlagen aus , und ihre Augen richteten sich zuweilen mit einem Ausdruck von Bitterkeit auf das Antlitz der jungen Witwe . Des Barons heitere Laune war gewichen , er sah meist ärgerlich und verstimmt aus . Ein großer Kummer ist ja auch der Verlust eines Schwiegersohnes und wohl imstande , den Frohsinn für lange Zeit aus dem Hause zu bannen . Es war , als ob mit dem plötzlichen Einzuge der verwitweten Tochter ein unheimlicher Druck auf dem ganzen Hause lag . Kein frohes Wort wurde mehr gehört , kein Gesang von mir verlangt . Ruhig und scheinbar in alter Weise bewegte sich alles , und doch ohne Lust und Leben . Selbst die Dienerschaft sprach nur flüsternd miteinander , und Frau v. Bendeleben schien ihre ganze Elastizität eingebüßt zu haben . Ruth selbst , nachdem sie während der ersten acht Tage kaum für einen von uns sichtbar geworden war , hatte sich ziemlich gefaßt gezeigt . Sie war viel auf ihrem Zimmer , und Hanna erzählte mir , daß sie meistens mit einem Buche auf dem Sofa liege , später erschien sie mittags und abends zu Tische . Der unheimlich starre Ausdruck ihres Gesichts , mit dem sie an jenem Gesellschaftsabend in den glänzenden Saal getreten , war gewichen , und um den reizenden kleinen Mund lag wieder wie früher ein Zug , halb kokett und halb gelangweilt . Aber schön war sie , wunderschön . Das Witwenhäubchen auf dem dunklen Haar lieh dem Gesichte mit dem durchsichtigen Teint einen lebenswarmen Ausdruck , noch gehoben durch den dunklen Grund des Kreppschleiers , mit dessen Schwärze die großen Augen wetteiferten . Ich schaute ihr oft bewundernd nach , wenn sie in ihrem langen schwarzen Schleppkleide durchs Zimmer schritt . Wie eine Göttin der Trauer sah das reizende Geschöpf aus . Hannas Hochzeit , die vor dem Beginn der Fasten sein sollte , hatte man anfänglich aufgeschoben . Später hatte man auf Ruths Bitten sich entschlossen , den Termin beizubehalten . Die Aussteuer wurde besorgt , freilich nicht so in freudiger Hast wie für die schöne Frau dort . Aber Hannas stillseliges Gesicht hauchte einen Schimmer von Glück über die Vorbereitungen . Wir saßen viel allein , Hanna und ich . Ruth beachtete mich möglichst wenig , nur hatte sie einmal wider Willen geäußert , daß sie nicht gedacht habe , ich würde so hübsch werden . Es war so ziemlich dasselbe Verhältnis zwischen uns beiden wie früher , und ich dachte ernstlich daran , in meine Heimat überzusiedeln , sobald Hanna ihrem Manne gefolgt sei ; um so lieber , da mein Vater zu Ostern wieder in unser Dorf zurückkehren wollte . Bei Kathrin war ich schon in den ersten Tagen nach Ruths plötzlichem Eintreffen gewesen . Ich hatte ihr so viel zu erzählen , aber sie wollte nichts hören . Die Sanftmut , mit der sie mich in letzter Zeit behandelt hatte , war geschwunden , die Entdeckung auf dem Korridor im Schlosse hatte sie wieder vollständig gegen mich eingenommen . » Ich will nichts wissen « , erklärte sie barsch . » Mach , was du willst , komm her oder bleib dort , meinetwegen . Du undankbares , ehrvergessenes Mädchen , schämen solltest du dich ! « » Schämen soll ich mich ? « hatte ich gerufen ; mein ganzes Ehrgefühl war bei den harten Worten aufgestachelt . » Warum soll ich mich schämen ? Wilhelm v. Eberhardt liebt mich , ich werde sein Weib – und darum soll ich erröten ! « » Warum schreibt er nicht an deinen Vater ? Warum nimmt er dich nicht an der Hand und sagt : › Seht , Leute , dies ist meine Braut ! ‹ « fragte Kathrin . » In was für ein Licht bringt er dich durch diese Heimlichtuerei ? Aber die Angst läßt ihn nicht dazu kommen , das Rechte zu tun . Die Tante würde ihm auch bald klarmachen , was für eines Vergehens er sich schuldig macht , wenn er die Gretel Siegismund da unten aus dem Dorfe in seine Familie bringt . « » Kathrin , er liebt mich ! « » Dann laß es ihn beweisen , indem er es öffentlich sagt . « » Er kann es jetzt nicht . « » Weil er sich fürchtet vor seiner adligen Sippschaft ! Wahre Liebe hat nicht Angst vor Feuer und Wasser . Des Mädchens Ehre geht einem Manne , der es ehrlich meint , über alles « , erklärte die Alte mit überlegener Miene . » Kathrin , du bringst mich zur Verzweiflung . Ich weiß es , daß er mich liebt , die Zeit wird es lehren . Kein Wort mehr davon , du hast kein Recht , eine solche Sprache gegen mich zu führen . « Und dann war ich gegangen , tief gekränkt in meinem Mädchenstolze . Eberhardt tröstete mich zwar in seinen Briefen , die nach wie vor pünktlich durch Anne Maries Hand gingen , und wenn er kam , so sagte er : » Die längste Zeit