seit neunzehn Jahren , daß du deinem Vaterhause entlaufen willst wie eine Tolle , wenn dir nicht gleich der Wille geschieht , wenn man dir zuredet zum Guten , dich ermahnt , deine Pflicht zu thun , die du freiwillig auf dich genommen hattest ? Denkst du , man spielt ungestraft mit solch heiligen Versprechungen ? Aber gut , mein Kind , setze deinen Willen durch , die Strafe wird nicht ausbleiben ! Und wenn du später hier herumhockst im Hause , ein altes verbittertes Mädchen , das überall sich zurückgesetzt fühlt , das keine rechten Pflichten hat , kein rechtes Interesse , womit es sein Leben auszufüllen vermag , dann wird die Reue schon komme ! Und wenn nicht eher – dann , wenn sie deinen Vater und mich hinausgetragen haben und du in der Welt einsam stehst und vergessen , dann , ja dann wirst du denken – hätt ’ ich doch , o hätt ’ ich doch – – „ Aber , Schwägerin , “ sagte da eine sanfte Stimme , „ wie kannst du nur ! Herrgott , ’ s ist doch besser , sie tritt zurück , wenn sie fühlt , daß es nicht geht , als daß sie sich und ihn unglücklich macht ! Tante Emilie war eingetreten , und ihre guten angstvollen Augen suchten das Mädchen , das noch in ihrem eilig übergeworfenen Tuche dastand , die verstörten Augen auf die Mutter geheftet . „ Du hast gerade noch gefehlt ! “ murmelte diese . Das Mädchen duldete es still und starr , daß die alte gutmütige Frau sie in die Arme nahm und ihr tröstende gute Worte zuflüsterte . Die Rätin aber verließ das Zimmer , sie hatte die Schlacht verloren , jetzt mußte sie an einen möglichst ehrenvollen Rückzug denken . Und nachdem sie an ihres Mannes Schulter sich ausgeweint , verfügte sie sich mit mühsam erkämpfter Fassung in die Küche und erzählte zunächst dem verwunderten Dienstmädchen , daß Fräulein Aennes Hochzeit vorläufig noch aufgeschoben sei , weil – den Grund blieb sie schuldig . In der Nähstube lohnte sie die Mamsell Scheurig , die Näherin , ab , nach Weihnacht werde sie ihr sagen lassen , wann sie wieder kommen solle , und am späten Abend noch wirtschaftete sie in der Leinenkammer umher , bis auch das letzte Stückchen der Ausstattung in Truhen und Schränken geborgen war . Zum Glück hatte sie die seidenen Kleider für Aenne und sich noch nicht gekauft . In der „ guten Stube “ sammelte sie die paar Brautgeschenke in ein Körbchen , Günthers und der Kinder Photographie und dergleichen , und stellte alles beiseite , dann endlich setzte sie sich hin und benachrichtigte ihre Jungen von dem traurigen Begebnis . Jedem von ihnen schrieb sie . „ Und wenn man nur wenigstens wüßte , warum sie ihn nicht mehr will . Vater und ich stehen vor einem Rätsel . Sie sagt : „ Ich kann nicht ! “ und damit ist sie fertig . Vater hat sie eben zu sehr verzogen und Tante Emilie erst recht mit ihrer sentimentalen Gefühlsduselei . So werdet ihr ein recht verstimmtes Haus finden , wenn ihr kommt , mich hat ’ s arg mitgenommen und Papa auch , der läßt sich ’ s nur nicht merken . Der Herzogin muß er ’ s auch mitteilen , es ist das furchtbar , fatal . ! “ Ja , als ob ein Toter im Hause weilte , so war ’ s am andern Tage . Das Rasseln der Nähmaschine war verstummt , die Oberförsterskinder , die sonst in aller Morgenfrühe schon angelaufen kamen , um Großmama May „ Guten Morgen ! “ zu sagen , blieben aus , und auf dem Kaffeetisch stand der Weihnachtsstollen unberührt . Aenne lag matt und fiebernd auf dem Bette . Der Vater kam herauf , und als er das liebe kindliche Gesicht so verändert sah , strich er ihr leise über die Wangen . „ Kind , Kind , wozu das alles ? Was hast du dir dabei gedacht , als du dem Manne dein Jawort gabst ? “ Eine heiße Röte überflackerte sie einen Augenblick , aber sie schwieg . „ Und was soll ich Durchlaucht als Grund angeben ? “ fragte er . „ Ich weiß es nicht , Papa ! “ Er ging kopfschüttelnd . „ Wenn du kannst , nimm dich zusammen und steh ’ auf , “ rief er noch zurück . „ Mutter wird dir nichts mehr sagen – sie hat sich drein geschickt . “ Aenne kam auch richtig zum Mittagessen . Tante Emilie drückte ihr verstohlen die Hand unter dem Tischtuch . Der Rat schien zerstreut ; der Mutter Heftigkeit war einer resignierten Miene gewichen , jede Bewegung drückte aus : ’ ja , was soll man thun , man muß sein Kreuz eben tragen ! ’ „ Und Durchlaucht , “ fragte sie endlich in die Stille hinein , während sie das Rindfleisch zerschnitt , „ was hat denn Durchlaucht gesagt zu der Geschichte ? “ „ Sie war sehr teilnahmsvoll , gütig wie immer , “ erwiderte der Rat , „ meinte , sie habe sich damals eigentlich recht gewundert über die Verlobung . Es sei gewiß jetzt eine schwere Zeit für das junge Mädchen , und ob wir sie nicht eine Zeit lang auf Reisen schicken wollten . “ „ Du Grundgütiger – auf Reisen ! “ wiederholte die Frau Rat , der die Thränen abermals in die Augen schossen . „ Ich antwortete ihr auch . Durchlaucht , in der Lage , meine Tochter auf Reisen zu schicken , bin ich nicht . Bedenken Durchlaucht , daß ich zwei Söhne habe ! Sie muß es auch hier überwinden können . “ – Dann meinte Durchlaucht , es sei doch fatal , daß Günther so in der Nähe , aber der Herzog werde ihn schwerlich versetzen wollen und zuletzt fügte sie noch den Wunsch hinzu , daß Aenne dereinst ein anderes Glück finden