eine wahrhaft nützliche und edle Anstalt . Ich blieb nach ihrer Erneuerung noch acht Jahre innerhalb dieser Mauern : sechs Jahre als Schülerin und zwei als Lehrerin ; und in beider Hinsicht muß ich mein Zeugniß von dem Werthe und der Vortrefflichkeit derselben ablegen . Während dieser acht Jahre war mein Leben zwar einförmig aber nicht unglücklich , denn es war nicht unthätig . Die Mittel einer vortrefflichen Erziehung waren in meinem Bereiche , die Neigung zu einigen meiner Studien , und der Wunsch , mich in andern auszuzeichnen nebst dem lebhaften Verlangen , meinen Lehrerinnen zu gefallen , besonders denen , die ich liebte , trieb mich an , und ich benutzte vollkommen die mir gebotenen Vortheile . In nicht langer Zeit wurde ich die Erste der ersten Klasse und dann übertrug man mir das Amt einer Lehrerin , welches ich zwei Jahre lang mit Eifer verwaltete . Nach Verlauf dieser Zeit trat ich in eine and ehe Laufbahn ein . Bei allen Veränderungen war Miß Temple Vorsteherin der Anstalt geblieben : ihrer Belehrung verdanke ich den größten Theil meiner erworbenen Fähigkeiten ; ihre Freundschaft und ihre Gesellschaft waren mein beständiger Trost , sie vertrat bei mir die Stelle der Mutter , so wie der Erzieherin , und endlich wurde sie meine Freundin . Um diese Zeit verheirathete sie sich und zog mit ihrem Manne -- einem Geistlichen , einem vortrefflichen Manne , und fast einer solchen Gattin würdig -- in eine entfernte Grafschaft und war folglich für mich verloren . Von dem Tage an , als sie uns verlies , war ich nicht mehr dieselbe -- mit ihr war jedes gewohnte Gefüh1 , jede Erinnerung , die Lowood gewissermaßen zu meiner Heimath machte , dahingeschwunden . Ich hatte etwas von ihrer Natur und viel von ihren Gewohnheiten eingesogen , harmonischere Gedanken , besser geordnete Gefühle waren die Bewohner meines Geistes geworden . Ich hatte mich der Pflicht und Ordnung geweiht ; ich war ruhig , ich glaubte zufrieden zu sein : für die Augen Anderer und gewöhnlich auch für meine eigenen erschien ich als ein wohldisciplinirter und gemäßigter Charakter . Aber das Schicksal in Gestalt des hochehrwürdiger Herrn Nasmyth trat zwischen mich und Miß Temple . Ich sah sie in ihrem Reiseanzuge , kurz nach der Trauung in eine Postchaise steigen , ich sah den Wagen den Hügel hinauffahren und hinter demselben verschwinden ; zog mich dann auf mein Zimmer zurück und brachte dort den größten Theil des halben Feiertages , den man dieser Gelegenheit zu Ehren gewährt , in Einsamkeit zu . Ich ging den größten Theil der Zeit in dem Zimmer auf und ab . Ich bildete mir ein , ich bedaure nur mein Loos und denke darauf , es zu verbessern ; als aber meine Betrachtungen geschlossen waren , und ich aufblickte und fand , daß der Nachmittag vorübergegangen sei un der Abend heranrücke , da dämmerte eine andere Entdeckung in mir auf : nämlich daß in der Zwischenzeit ein umwandelnder Prozeß in mir vorgegangen , daß mein Geist Alles abgelegt was er von Miß Temple geborgt oder vielmehr , daß sie die heitere Atmosphäre mitgenommen , die ich in ihrer Nähe geathmet -- und daß ich jetzt in meinem natürlichen Elemente zurückgeblieben war und die früheren aufregenden Empfindungen wieder zu fühlen begann . Es war nicht , als ob eine Stütze weggenommen werde , sondern vielmehr als ob ein Antrieb verschwunden sei : es war nicht die Macht , ruhig zu sein , die mir fehlte , aber die Veranlassung zur Ruhe war nicht mehr da . Seit einigen Jahren war meine Welt in Lowood gewesen : meine Erfahrung hatte sich auf die Regeln und Systeme der Anstalt beschränkt : jetzt erinnerte ich mich daß die wirkliche Welt groß sei , und daß ein wechselndes Feld von Hoffnungen und Befürchtungen , von Empfindungen und Aufregungen derjenigen warte , die Muth haben den weiten Raum zu betreten , um wahre Kenntnisse des Lebens unter seinen Gefahren zu suchen . Ich trat an mein Fenster , öffnete es und blickte hinaus . Da waren die beiden Flügel des Gebäudes : da war der Garten und die Umgebung von Lowood ; da war der von Hügeln begrenzte Horizont . Mein Auge schweifte über all : andern Gegenstände hinweg , um auf jenen entferntesten blauen Spitzen zu ruhen : diese wünschte ich zu übersteigen -- Alles innerhalb der Umgrenzung der Felsen und der Haide schien mir ein Gefängniß und ein Verbannungsort . Ich folgte dem weißen Wege , der sich um den Fuß eines Berges zog , und in einer Schlucht zwischen zweien verschwand . Es verlangte mich , ihn weiter zu verfolgen ! Ich erinnerte mich der Zeit , wo ich im Omnibus auf diesem Wege gefahren war : ich erinnerte mich , wie ich in der Dämmerung den Hügel hinuntergefahren war : ein Menschenalter schien seit dem Tage vergangen zu sein , der mich zuerst nach Lowood gebracht hatte , und ich hatte es seitdem nicht verlassen . Meine Ferien wurden alle in der Anstalt zugebracht : Mistreß Reed hatte mich nie aus Gateshead abholen lassen : weder sie noch irgend ein Mitglied ihrer Familie hatte mich je besucht . Ich hatte keinen brieflichen oder mündlichen Verkehr mit der äußeren Welt gehabt : Schulordnungen , Schulpflichten , Schulgewohnheiten und Ansichten , Stimmen und Gesichter , Ausdrücke und Kostüme , Vorliebe und Widerwillen : dies war Alles , was ich von dem Dasein kannte . Und nun fühlte ich , daß es nicht genug war : ich wurde der Gewohnheit von acht Jahren in einem Nachmittag überdrüßig . Ich wünschte Freiheit , verlangte nach Freiheit , betete um Freiheit : doch schien mein Gebet von dem matt wehenden Winde verweht zu werden . Ich gab es auf und sprach eine demüthigere Bitte aus : um Veränderung , um neue Anregung , doch auch diese Bitte schien in dem weiten Raume zu verhalten . " Dann , " rief ich halb verzweiflungsvoll , " gewähre mir wenigstens eine